Eine Frage des MILIEUs

"Warum hören wir traurige Lieder, wenn wir traurig sind?"

01.12.2014 - Prof. Christian Kaernbach

Warum hören wir traurige Lieder, wenn wir traurig sind? Sollten wir nicht, wenn wir traurig sind, lieber fröhliche Lieder hören, um unsere Stimmung aufzuhellen? Ist es nicht unser aller Ziel, ständig fröhlich und unbeschwert zu sein?

Anscheinend nicht. Schlimmer noch, wir hören traurige Lieder nicht nur, wenn wir traurig sind. Wir hören sie manchmal geradezu absichtlich, damit wir traurig werden. 355 Millionen Menschen haben den Film „Titanic“ gesehen. Viele Taschentücher werden gebraucht, wenn Céline Dion am Ende des Films „My Heart Will Go On“ singt. Aber sind die Menschen denn schon an der Kinokasse traurig? Gehen etwa nur traurige Menschen in diesen Film? Keineswegs. Lachende, fröhliche Menschen strömen in die Kinos, um mit verheulten Augen wieder herauszukommen.


Trauer sei fehlangepasstes Verhalten, das den Organismus Kraft koste, ohne ihm zu nutzen, sagt John Archer. Wenn ein Individuum der Gruppe fehle, sei eine gedrückte Stimmung evolutionär sinnvoll, denn sie inspiriere die Suche nach dem verlorenen Schaf und stabilisiere die Gemeinschaft. Wenn es aber um Tod und endgültigen Abschied gehe, sei Trauer fehl am Platz. Denn hier laufe die Suche zwangsläufig ins Leere. Trauer als Unfall der Evolution – und dafür geben wir auch noch Geld aus?


„Wenn ich mir was wünschen dürfte,“ lässt Friedrich Hollaender Marlene Dietrich seufzen, käme sie in Verlegenheit. Schließlich wünscht sie sich, etwas glücklich zu sein – nur etwas, nicht zu viel, denn wenn sie gar zu glücklich wäre, hätte sie „Heimweh nach dem Traurigsein“. Offensichtlich ist ein Zustand fortwährender Glückseligkeit gar nicht erstrebenswert.


„Weltschmerz“ nannte Jean Paul die Trauer angesichts der „tausend Qualen der Menschen bei ihren Untergängen“. In einer Wohlfühlgesellschaft, in der eine brummende Wirtschaft den meisten Menschen ein ausgiebiges Konsumverhalten ermöglicht, welches wiederum die Wirtschaft am Laufen hält, in der zugleich für die allermeisten Fälle des Lebens eine fast übertriebene Vorsorge gewährleistet wird, geraten die tausend Qualen der Menschen bei ihren Untergängen leicht in Vergessenheit. Weltschmerz ist konsumschädigend, außer vielleicht für Hollywood. Wozu brauchen wir Weltschmerz?


Wir alle werden sterben. Da, jetzt ist es raus! Auch du, werter Leser, der du dies hier gerade liest, vielleicht hast du dir gerade einen neuen Sportwagen gekauft, er fährt so kraftvoll und schnell und zugleich so leise... du lebst deswegen keine Sekunde länger. Ein Haus hast du dir gebaut, aus Stahlbeton, für die Ewigkeit? Deine Altersvorsorge steht? Ruh dich aus, iss und trink und freu dich des Lebens. „Du Narr!“, schilt Gott den reichen Mann. „Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern.“ In dieser Nacht, oder in der nächsten Nacht, oder in zwei oder in zwanzig Jahren… kein Konsum kann uns vor diesem Untergang retten.


Und nicht nur der vielleicht noch ferne Tod schreckt uns. Das ganze Leben ist ein langsamer Tod. Jeder vergangene Tag ist verloren, jede Nacht ist ein kleiner Untergang. Die Welt war mal wieder unzulänglich, und wir selbst waren auch nicht besser. Und da sollen wir nicht traurig sein?


Wir suchen nicht nach fortwährender Glückseligkeit. Wir suchen nach Sinn. Das kostet den Organismus Kraft, und manchmal eben auch Taschentücher. Denn man kann kaum den Sinn des Lebens suchen und dabei die Unzulänglichkeiten ausblenden. Es ist nicht klar, Mr. Archer, in wieweit uns die Sinnsuche, die uns so viel Kraft kostet, beim Überleben hilft. Aber ist Überleben denn alles?


Ein jüdischer Witz kommt mir in den Sinn. Der alte Moische Goldberg, Inhaber eines bescheidenen Ladens, liegt im Sterben. Die Familie hat sich um sein Sterbebett versammelt. Goldberg sieht nicht mehr gut, und so fragt er: „Rifke, mein Weib, bist du da?“ „Ja, Moischele, ich bin da.“ „Sarah, meine Tochter, bist du da?“ „Ja, Tate, ich bin da.“ „Jakob, mein Sohn, bist du da?“ „Ja, Tate, ich bin da.“ Da richtet sich der Alte mit letzter Kraft auf und schreit zornig: „Und wer ist im Geschäft?“


Auf den ersten Blick scheint Goldberg ein Narr: Wie kann er sich angesichts seines nahenden Todes darum sorgen, ob hinter dem Tresen seines kleinen, unbedeutenden Ladens jemand steht? Dieser ins Extrem gesteigerte Geschäftssinn, der hier, den Tod vor Augen, so völlig fehl am Platz scheint, reizt zum Lachen. Aber dann fragt man sich: Weiß Goldberg mehr? Weiß er um die Unwichtigkeit der eigenen Existenz? Was bedeutet schon sein Tod für die Welt? Sie wird sich weiterdrehen. Und sein kleiner Laden, ist der wirklich so unbedeutend? Das Leben besteht aus Geben und Nehmen, aus geschäftigem Treiben, aus Handel und Wandel. Sicher ist sein Laden nur ein kleines Rädchen im Getriebe, aber ohne diese vielen kleinen Rädchen, ohne die vielen scheinbar unbedeutenden „Geschäfte“, seien sie nun merkantil oder andere Natur, wo wären wir da? Unsere Zivilisation baut auf solcher Betriebsamkeit auf. Ist nicht das, was wir tun, wichtiger, als das, was wir sind? Unser Tun wirkt weiter, auch wenn wir einmal nicht mehr sind.


Wir suchen Sinn. Unsere Sinnsuche weist über uns hinaus. Daher darf sie unseren Organismus ruhig ein wenig Kraft kosten, auch wenn der Vorteil für's eigene körperliche Überleben nicht unmittelbar einsichtig ist. Sinnsuche kann nur dann gelingen, wenn wir offen sind für das Schöne, aber auch für das Traurige, das den Sinn verletzt. Daher tut es gut, sich ab und zu zu erinnern, dass im Leben nicht alles eitel Sonnenschein ist, dass nicht jede Rechnung aufgeht, und dass wir selber unzulänglich sind und bleiben und eines Tages – und der Tag kommt täglich näher – unvollendet diese Welt verlassen werden. Im Mittelalter hängte man sich im Sinne des „memento mori“ einen Totenschädel über die Tür oder Stillleben mit Vanitas-Symbolen an die Wand. Heute geht man ins Kino, sieht sich traurige Filme an und hört und singt traurige Lieder.

 

 

 

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