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Warum schreibst du Rezensionen, Burkhard?

01.09.2018 - Dr. Burkhard Luber

Ich arbeite seit der Gründung des Milieu im Fachbereich Rezensionen. Wenn ich die rund 80 Bücher überblicke, die ich seit 2014 im Milieu rezensiert habe, fällt mir auf, dass sich diese Bücher unter bestimmten Kategorien einordnen lassen, die nicht zufällig oder beliebig sind, sondern Markierungen darstellen für unsere Gesellschaft, unsere Zeit, unsere Kultur, ja - wenn man es etwas pathetisch ausdrücken will - für unsere Welt. Diese Kategorien will ich kurz vorstellen und auch ein paar Bücher dafür nennen, die diese Kategorien gut veranschaulichen.

Es geht um die folgenden fünf Kategorien:

Globalisierung
Digitalisierung
Kapitalismus
Gewalt
(die fünfte Kategorie verrate ich erst am Ende dieses Textes...)



Globalisierung:
Die Metamorphose der Welt zu einem globalen Dorf ist oft beschrieben worden. Hier brauchen wir keinen Nachhilfeunterricht, was das Verstehen betrifft. Ich nenne deshalb hier nur ein paar Bücher, die ich für dieses Thema didaktisch und publizistisch für besonders wertvoll halte:

Den Atlas “Wirtschaft verstehen”
Das Buch des früheren Handelsblatt-Geschäftsführers Gabor Steingart: Weltbeben
Den Atlas der Globalisierung von Le Monde Diplomatique


Digitalisierung:

Dass diese Kategorie in meinem input auftaucht ist im Jahr 2017 eine Trivialität. Das Suchen nach Informationen, das Transportieren von Daten, die Auswertung digitaler Informationen ist aus unserem Alltag, unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Aber ich erlebe immer wieder, dass wir dennoch die Digitalisierung nicht weit genug in die Zukunft extrapolieren, dass wir immer noch so denken als lebten wir in der alten analogen Welt.
Eines der noch viel zu wenig berücksichtigten Phänome der Digitalisierung ist z.B. die “Plattformisierung” (neue Wortprägung...!) der Wirtschaft, speziell des Dienstleistungssektors. Beispiele: Amazon produziert kein einziges Buch, Uber verfügt über kein einziges eigenes Auto, Airbnb besitzt kein einziges eigenes Bett und trotzdem machen diese drei Unternehmen riesige Umsätze. Ihr Geschäftsmodell ist die digitalisierte Plattform. Mit dieser Plattform-Serviceleistung verdienen sie ihr Geld, nicht wie Jahrhunderte zuvor in der Wirtschaft üblich, mit dem Verkauf von realen Produkten.

Kapitalismus:
Sich auf den Digitalismus zu fokussieren darf nicht in die gedankliche Sackgasse führen, als seien alte analytische Kategorien zum Erfassen von Gesellschaft und Wirtschaft obsolet geworden wie zB Interessen, Profit, Ausbeutung. Das machen Autoren von Büchern wie Tom Burgis “Fluch des Reichtums” und Achille Mbembe: “Ausgang aus der langen Nacht” sehr deutlich. Auch die Kritik von Werner Sinn in seinem großen Werk “Der Euro” zeigt, dass sich durch Globalisierung und Digitalisierung die Gegensätze zwischen Arm und Reich (hier auf den Kontinent von Europa bezogen) keinesfalls aufgelöst haben, sondern - wie man z.B. an der katastrophalen Jugendarbeitslosigkeit in Südosteuropa klar sehen kann - eher noch verschärft haben. Und Stephan Lessenich weist in seinem Buch “Neben uns die Sintflut” sehr schlüssig nach, wie wir unseren Reichtum hier im Norden der Welt durch die Ausbeutung des Weltsüdens und Plünderung von dessen Ressourcen stabilisieren.

Gewalt:
War Gewaltanwendung schon immer in der Geschichte der Menschheit präsent, sei es als Unterdrückungsinstrument, sei es als emanzipativer Hebel wie in der französischen Revolution erleben wir im 21. Jahrhundert neue Gewaltphänomene. Josua Clover ist diesem Phänomen der neuen Aufstände wie Occupy, Debout de Nuit in seinem Buch “Riot. Strike. Riot” mit bemerkenswerten Einsichten nachgegangen.  

Mit dem Islamischen Terrorstaat versucht andererseits eine Gruppe von ideologischen Fanatikern das, was wie brüchig auch immer seit der franz. Revolution zu einem Werte-Grundkonsens - Freiheit, Gleichheit, Solidarität - geworden ist, aufzukündigen. In einem Artikel fürs Milieu, der zu meinen Erstaunen, drei Jahre nach seinem Erscheinen, weiterhin bemerkenswert oft online gelesen wird, habe ich einmal unseren eigenen, den westlichen Anteil am Aufstieg des IS nachgewiesen: Wie westliche Staaten bei seiner Finanzierung und Aufrüstung mitgeholfen haben.

Des weiteren erleben wir die Zunahme sogenannter failed states. Staaten in denen das Gewaltmonopol des Staates zerbrochen ist zu Gunsten von Anarchie einander mit oft größter Grausamkeit bekriegenden Gruppierungen - Beispiele: Syrien, Jemen, Libyen, Somalia, Südsudan, DR Congo. Im Buch von Benedikt Korf und Conrad Schetter  “Geographien der Gewalt” ist dies gut beschrieben worden.

Ein anderes höchst bedenkliches Phänomen in der Gewaltdiskussion sind die zunehmenden militärischen und politischen Überlegung wie man Atomwaffen einsetzen könnte. Mein Freund Tahir Chaudhry hat dankenswerterweise mit seinen Kollegen schon vor seiner Gründung des Milieu mit einem eindrucksvollen Film “Gegen die Kriegstrommeln” auf das Pulverfass Mittlerer Osten hingewiesen. Inzwischen ist die Spirale der gefährlichen Kriegsbereitschaft schon wieder eine Spirale höher gedreht: Man überlegt wie man Atomwaffen so miniaturisieren kann, dass sie einsatzfähig werden können. Man plant das Arsenal militärischer Drohnen so zu erweitern, dass die Distanz zwischen Abschuss und Einschlag von Bomben möglichst weit ist. Man setzt auf eine Kombination von Artificial Intelligence und moderner militärischer Zerstörungskraft. “Fire and Forget” ist der makabre Slogan zu dieser militärischen Eskalation. Wer sich eingehend über die vielfältigen Aspekte der Gewaltproblematik aber auch über Bemühungen um Frieden orientieren will, kann zum Handbuch Friedensethik greifen.

Müssen wir nun verzweifeln, weil uns die Wucht des digitalen Kapitalismus zu überrollen droht und die Gewaltbereitschaft immer mehr zunimmt?

Ich meine: Nein, sondern wir sollten dieser Resignation widerstehen. Das führt mich zur letzten fünften Kategorie “Hoffnung”. Meine ehemalige Milieu-Redaktionskollegin Astrid Knauth und ich haben im letzten Jahr ein kleines literarisch-musikalisches Konzert in Kiel veranstaltet. Wir haben ihm die Überschrift gegeben “Tränen, Mut und Sternenhimmel”. Das könnte auch das Motto für den Schluss meiner Ausführungen sein.

Auf was können wir hoffen, wo es doch so viele Dinge gibt, über die man verzweifelt sein kann? Ich nenne drei Leuchttürme der Hoffnung:

1) Wir können uns durch counter mainstream Bücher inspirieren lassen:

Zwei will ich vorstellen: Richard Baldwin verbindet in seinem Buch “The great Convergence” die weitere digitale Entwicklung mit Perspektiven einer wirtschaftlichen und politischen Emanzipation gerade der Peripherien in der Welt. Wenn - so sein Argument - Roboter-Maschinen immer mehr Arbeiten über Distanz erledigen werden, von Menschen gesteuert, die nicht mehr direkt persönlich am Ort des Arbeitsprozesses anwesend sind, wird nach Baldwins Ansicht nochmal eine neue Stufe der digitalen Wirtschaft erreicht sein. Baldwin spricht in seinem Buch von “Telepräsenz” und “Digital offshore”, wobei er interessanterweise darauf hinweist, dass - im Kontrast zum Horror des job killing, den viele Maschinenstürmer gegen die Digitalisierung beschwören - diese neue Stufe der Digitalisierung gerade solchen Menschen neue job-Möglichkeiten eröffnen wird, die heute noch weitgehend vom internationalen Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, z.B. in Afrika oder Südamerika.

Und auch Lin und Monga sind zwei Denker, die gegen die herrschenden Meinungen in der Entwicklungsdiskussion argumentieren. In ihrem Buch mit herausfordernden Titel “Beating the Odds - Jump-Starting Developing Countries” räumen sie zum einen mit einigen der großen Irrtümer in den herrschenden Lehrmeinungen auf und zum anderen präsentieren sie kleinformatige Entwicklungsperspektiven für Länder an der Welt-Peripherie.


2) Wir können unser Leben durch alternative praktische Beispiele positiv beeinflussen lassen:

Um einfach mal den Kopf frei zu bekommen von den vielen Schatten dieser Welt und sich von positiven Nachrichten inspirieren zu lassen, empfehle ich zunächst die Lektüre der Zukunftsalmanache der Stiftung Futur Zwei. Hier werden unter der einladenden Überschrift “Geschichten des Gelingens” viele eindrucksvolle Beispiele vom Widerstand gegen Kapitalismus und Umweltzerstörung präsentiert: Recyclings-Initiativen, Reparatur-Werkstätten, neue Ideen gegen die Betonierung der Städte, Entschleunigungs-Projekte und anderes mehr.


3) Wir können unser Denken neu ausrichten:

Bevor wir das tun, müssen wir etwas grundsätzlicher fragen: Wie sieht es mit der Hoffnung in den Religionen aus, die früher viele Jahrhunderte lang unumstrittene Agenturen der Sinnstiftung waren?

In meinem vielfach angeklickten Milieu-Essay “Die Krise des Christentums im digitalen Zeitalter” habe ich einige Fragezeichen gesetzt, ob das Christentum ein Hoffnungsträger ist. Ich habe meine Zweifel ob das Christentum in seinem Bündnis von Thron und Altar wirklich nachhaltigen Widerstand gegen die fatalen Tendenzen der Gegenwart entwickeln kann. Zwar gibt es erfreuliche Phänomene eines Basischristentums speziell auf der unteren Gemeindearbeit. Aber je höher die Ebene des verwalteten Christentum, umso mehr geraten die kirchlichen EntscheidungsträgerInnen und Eliten in die Gefahr, durch appeasement mit dem Staat mittels Finanzzuwendungen, Genuss von staatlichen Privilegien und anderen deals mit dem Staat korrumpiert zu werden. Dennoch, das kann man  in der sehr eindrucksvollen neuen Biographie von Gunnar Decker nachlesen, gibt es zB mit Franziskus von Assisi auch ein eindrucksvollen christlichen Gegenentwurf, der sich konsequent für politische Gewaltfreiheit und liebevollen Umgang mit der Natur einsetzt.

Was mir bei den Religionen immer wichtiger zu sein scheint, ist die Kategorie der Toleranz. Ich habe z.B. in einer Rezension auf eine Redesammlung von Al Salmi, dem Ministers für religiöse Angelegenheiten im Staat Oman, ein eher unbekanntes islamisches Land an der Südküste der arabischen Halbinsel, aufmerksam gemacht, der sich höchst engagiert für die religiöse Toleranz ausspricht.  Auch die im Milieu keine unbekannte Gemeinschaft der Ahmadiyya setzt mit ihrem eindrucksvollen Motto “Liebe für alle, Hass für keinen” ein klares Zeichen für Toleranz.  

In diesem Zusammenhang empfehle ich auch sehr, sich mit den Methoden, und Instrumentarien zu beschäftigen, die zur Beendigung des 30-jährigen Krieges in Deutschland geführt haben. Ein Krieg der im 17. Jhd. von einem fanatischen Religionskrieg über seine drei Jahrzehnte zu einer imperialistischen Auseinandersetzung mutiert ist und dessen Gewalttätigkeiten es durchaus mit denen der beiden Weltkriege 300 Jahre später aufnehmen können und dessen Dauer einzigartig ist. Welchen Fleiß, Phantasie und Zähigkeit eine kleine mutige Anzahl von Diplomaten in Osnabrück und Münster und im Sinne von dem, was wir heute shuttle diplomacy nennen zeitgleich in Paris, Madrid, Wien und Stockholm aufgewendet haben, nötigt mir großen Respekt ab und ich glaube wir können von diesen Politikern auch heute, vielleicht gerade heute, viel lernen, besonders auch in ihrem Widerstand gegen die Kriegstreiber in den eigenen Herrscherhäusern. Und wenn wir uns heutige internationale Brennpunkte wie Syrien, Congo, Libyen, Jemen, Somalia ansehen, dann kann es gegen diese Gewaltexzesse überhaupt nicht genügend Engagement von NGOs und diplomatische Energie geben.

Ab und zu treffe ich bei meinen Rezensionen auch auf Autoren, die nicht Teilthemen behandeln, sondern intensiv der Frage nachgehen: Wohin steuert unsere Kultur, ja sogar unsere Welt. Eine großartige Publikation habe ich mit dem Buch des an der Kieler Universität lehrenden Professors für Philosophie Ralph Konersmann rezensiert, der mittels der Kategorie der Ungeduld einen Erklärungsbogen in der Menschheitsgeschichte spannt, der sich zwischen Befriedigung und Fluch durch Arbeit - und das heißt in unserem Jahrzehnt immer mehr: terminierte, beschleunigte Arbeit - entfaltet. Genauso instruktiv ist das Buch von Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Wer über die aktuellen Tagesdiskussionen und kurzfristigen Zeitdiagnosen hinaus kommen will, sollte unbedingt diese beiden Bücher zur Hand nehmen.

Für mich sind Bücher und ihre Rezensionen keine zersplitterte Einzel-Objekte im Literaturbetrieb bzw. nur Stoff für die Feuilletonseiten, sondern sie sollen stattdessen mehr sein als das: Pointierte Hinweise für kulturelle und politischen Meilensteine und Hilfe unsere Zeit besser zu verstehen. Darum bemühe ich mich bei meinen Texten im Milieu.

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