Eine Frage des Milieus

"Warum sind Teenies verrückt nach Pop-Stars?"

15.01.2019 - Dr. Martin Huppert

Man könnte diese Frage ganz einfach beantworten: Weil Popstars genau dafür geschaffen wurden. Der Traum ewiger Jugend als Versprechen, das (nur) Popmusik einlösen kann; Popmusik als Kunstform von Jugendlichen für Jugendliche.

Zunächst einmal gäbe es ohne Fans keine Stars. In den Anfangstagen Hollywoods versuchten Filmproduzenten – um ihre eigene Macht zu vergrößern – die Fixierung des Publikums auf bestimmte Darsteller dadurch abzuschaffen, dass die Schauspieler zunächst anonym blieben. Die Zuschauer wollten allerdings sehr bald wissen, wen sie auf der Leinwand sahen. So wurde das „Biograph Girl“ um das Jahr 1910 zum ersten Star in Hollywood. Der Name stammt von den Fans, die in Ermangelung eines Namens einfach den Namen der Produktionsfirma – Biograph – benutzten, um ihre Fanpost zu adressieren.

In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts begann dann der kommerzielle Aufstieg der Popmusik und Ihrer Stars. Mit der deutlichen Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in den Nachkriegsjahren hatte die neue Teenager-Generation genug Geld, um nicht länger die Musik ihrer Eltern hören zu müssen. Deren Stars verstanden es auch nicht, das Lebensgefühl der Jugendlichen auszudrücken. Die damals populäre Musik der Erwachsenen betonte Empfindsamkeit und Sentimentalität, Herzensleid und häusliche Tugenden. Die Realität, die Freuden und Probleme der Jugendlichen kam darin nicht vor. Diese Lücke füllten Stars wie Elvis Presley oder Buddy Holly, die selbst kaum älter als Ihre Fans waren. Ihre Lieder handeln von Gefühlszuständen, die man in der Jugend zum ersten mal und am stärksten erlebt, z.B. Unsicherheit, Unglücklichsein, aber auch Euphorie; Gefühlszustände, die aus der Identitätssuche und den damit verbundenen Problemen entstehen. Auch das jugendliche Körperbild und dessen Darstellung gehören zur Popmusik. Im Mittelpunkt steht der frische, unverbrauchte und dynamische Körper des Jugendlichen, der leistungsfähig und ästhetisch ist.

Andere Bereiche der Industrie begannen damals ebenfalls Produkte speziell für Jugendliche zu entwickeln, denn dieser Markt betrug 1959 allein in den USA 10 Milliarden Dollar, wovon 75 Millionen für Vinyl-Singles ausgegeben wurden. Das Kofferradio wurde zu einem der ersten Geräte, dessen primäre Zielgruppe Jugendliche waren. Mit ihm konnte sich der Teenager eigene kulturelle Räume schaffen und die Unabhängigkeit von seinen Eltern erhöhen. Das Kofferradio wurde später durch Walkman, MP3-Player oder Smartphone ersetzt. Die Funktion blieb aber die gleiche: die Abschottung von der „feindlichen“ (Eltern-)Welt und das Eintauchen in die eigene Welt der Popmusik.

Aber warum schwärmen Jugendliche für Ihre Stars? Das Schwärmen ist ein typisches Verhalten in der Pubertät und tritt vor allem bei Mädchen auf, weil sie sich in ihrer Entwicklung früher menschlichen Beziehungen zuwenden. Der Schwarm wird aus der Ferne bewundert, eine Erwiderung des Schwärmens ist für den Schwärmenden nicht entscheidend. Das Schwärmen selbst gibt den jungen Fans ein gutes Gefühl. Der "angeschwärmte Star“ wird als zugleich nah und doch entfernt erlebt. Aus dieser geschützten Distanz können die – meist weiblichen Jugendlichen – ihre ersten Gefühle für das andere Geschlecht ausleben/ausprobieren – sozusagen ohne größeres Risiko. Daher ist gerade die Distanz das Besondere an dieser Beziehung. Viele Fans wären vermutlich enttäuscht, wenn sie ihren Star 14 Tage nonstop im Alltag erleben würden. Dies erklärt auch, warum tote Stars (Kurt Cobain, Jim Morrison, Amy Winehouse...) lange über Ihren Tod hinaus so erfolgreich sind: sie sind im wahrsten Sinne des Wortes unerreichbar.

Das zentrale Thema des Jugendlichen in der Pubertät ist die Entwicklung einer stabilen Identität mit eigenen Werten und Einstellungen und der damit verbundenen Autonomie von den Eltern. Popstars können mit ihrer Musik helfen, Orientierung zu geben, indem sie die Welt vereinfachen und dem Jugendlichen zeigen, dass er nicht allein mit seinen Problemen ist. Popmusik wird zum Sprachrohr seiner Gefühle, auf eine Art und Weise, wie es dem Jugendlichen selbst gar nicht möglich ist, da ihm – im Gegensatz zu seinem Star – die Distanz zum „jugendlich sein“ fehlt.

Auch im späteren Leben kann Popmusik Orientierung bieten, aber nicht im selben Maße wie in der Jugend, wenn dieser Effekt durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene noch verstärkt wird. Prinzipiell kann jeder Teil einer bestimmten Musik-Szene sein, wenn er sich den die Szene konstituierenden Normen und Werten anpasst. Teil einer solchen Szene zu sein, bietet dem Jugendlichen Sicherheit und Orientierung, was den Ablösungsprozess vom Elternhaus erleichtert. Der Jugendliche kann in seiner Szene Geborgenheit finden und durch Übernahme von Modetrends und Interessen ein neues Lebensgefühl entwickeln, das er mit Gleichaltrigen teilt. Das trägt ganz wesentlich zur Identitätsfindung bei.

Fassen wir zusammen: Die Jugend ist eine Zeit voller Widersprüche, die sich beim Jugendlichen in einer Art Schwebezustand manifestiert, in dem noch nichts fest bestimmt ist, in der vieles zum ersten mal passiert und daher alles möglich erscheint. Popmusik ist das perfekte Medium, um Jugendlichkeit zu transportieren. Die Stars der Popmusik vermitteln medial ein idealisiertes (Körper-)Bild von Jugendlichkeit, das so in der Wirklichkeit des Jugendlichen nicht existiert. Wenn der jugendliche Fan für seinen Star schwärmt oder sich mit ihm identifiziert, kann er jedoch an diesem „perfekten Jugendbild“Teil haben.

 

 

Dr. Martin Huppert ist Verwaltungsdirektor bei der Saarland-Heilstätten Gesellschaft. Davor war der promovierte Psychologe als freiberuflicher Trainer, Coach und Berater in der Personal- und Prozessplanung für verschiedene Unternehmen tätig. 2005 veröffentlichte der das Buch "Die Star-Fan-Beziehung in der Popmusik: Forever Young?".

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