Eine Frage des MILIEUs

"Warum soll ich mich auf Niederlagen freuen?"

01.09.2015 - Prof. Heiner Keupp

Diese Frage wird niemand bei klarem Verstand positiv beantworten wollen. Wir werden immer alles versuchen, um Niederlagen zu vermeiden, und wenn sie nicht vermeidbar waren, werden wir darüber nicht freudig sprechen

Ein wichtiger Prozess des Erwachsenwerdens war bei mir eine Karriere als jugendlicher Leichtathlet, der sich in einem kleinen Dorf ohne Trainer auf den Weg gemacht und sich aus der Fachliteratur sein eigenes Trainingsprogramm ausgearbeitet hatte. Das hat dem Jugendlichen ein gutes Gefühl der Eigenständigkeit vermittelt, was der spätere Fachpsychologe - im Rückblick auf seine Biografie - als einen zentralen Identitätsbaustein benennen konnte. Niederlagen gab es im nordbayerischen regionalen Umfeld keine und so allmählich wurde im Größenwahn daraus ein Traum von Olympia. Die Niederlagen kamen aber dann bei deutschlandweiten Wettbewerben, sie haben sehr wehgetan und anfangs eher den Ehrgeiz angestachelt: Mehr Training und vielleicht auch der Wechsel zu einem richtig guten Trainer. Mit meinem Wechsel in die Großstadt, in der ich mein Studium begonnen habe, habe ich dann auch einen gefunden. Einen alten Trainerfuchs, der schon 1936 zwei Olympiasieger betreut hatte. In seiner großväterlichen Art hat er mich nach meinen Leistungen gefragt und sie sehr anerkannt. Dennoch hat er mir dann den Rat gegeben, ich möge mich eher auf mein Studium konzentrieren, damit ich mir den Spaß am Sport damit erhalte. Die Idee einer ganz großen Sportkarriere solle ich als unrealistisch fallen lassen. Für eine solche große Karriere würden mir die körperlichen Voraussetzungen fehlen. Die Botschaft war bitter, es war eine Niederlage, die aber einen biographischen Wendepunkt einleitete. Es war keine Freude, sondern „Trauerarbeit“, denn es hieß Abschied zu nehmen von einer Vision für mein weiteres Leben. Erleichtert hat mir diesen Abschied sowohl die liebenswerte Art des erfahrenen Trainers, der meinem bisherigen Weg spürbar Respekt erwies, als auch die Alternative meines Studiums, das mich bald begeisterte. Was kann ich aus dieser Geschichte für Lehren ziehen? Eine Niederlage kann zu einer wichtigen Erfahrung werden, wenn man ihre Gründe reflektiert, sie akzeptieren kann und wenn sie Alternativen eröffnet.

Warum wird in unserer Gesellschaft so selten über Niederlagen und die Chancen gesprochen, die sie eröffnen könnten? Wenn es mal geschieht, muss die Niederlage die Grundlage für einen noch größeren Erfolg legen. Als der FC Bayern 2012 das Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea höchst unglücklich verlor, ist der Triple-Gewinn ein Jahr später als Konsequenz der Niederlage interpretiert worden. Diese Deutung blieb im Argumentationsfeld der „Winner“-Ideologie, die unsere Weltsicht beherrscht. Sie hat einen blinden Fleck, was Niederlagen und Scheitern betrifft.

In einer historischen Periode, in der sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ständig verändern und gleichzeitig in unserem Alltag so viele Fragen zu bewältigen sind, ist eine Kultur des Scheiterns wichtig. Nur durch Scheitern erfahren wir die Grenzen der Zumutbarkeit. Aus unseren Niederlagen können wir lernen und zu kollektiven Lösungen kommen. Genau diese Erfahrungen brauchen wir, damit wir sie für eine erfolgreiche Zukunft auswerten können.

Die zunehmende Offenheit unserer Biographien führt zu einem erhöhten Risiko des Misslingens, über das aber nicht gesprochen wird. Von einer „fehlerfreundlichen“ Kultur sind wir weit entfernt. Das Misslingen wird öffentlich nicht kommuniziert, allenfalls denunziert. Aber denunziert kann nur etwas werden, was eher hinter den Kulissen verborgen werden soll.

Identitätsbildung in der Spätmoderne ist keine Sache der Beliebigkeit, sondern eine aktive Leistung der Subjekte, die zwar risikoreich ist, aber auch die Chance zu einer selbstbestimmten Konstruktion enthält. Die Auswertung der eigenen Identitätsaktivitäten sollte nicht nur als Erfolgsbilanz betrieben werden, sondern es müssen auch die Chancen des Misslingens genutzt werden. Der alltägliche Balanceakt unserer Identitätsarbeit als Anpassungsprozess zwischen unseren inneren Welten und der Realität erfordert eine ehrliche und ausgewogene persönliche Bilanz.

Wir brauchen eine kritische Auseinandersetzung mit dem neoliberalen Menschenbild und eine „Kultur des Scheiterns“. Scheitern gehört zu unserer Erfahrung. Es ist die Basis für Lernprozesse und bietet die Chance zum Neuanfang, aber leider gilt Scheitern noch als Tabu. Unsere Kultur wird zunehmend eine „Winner“-Kultur, sie will vor allem Sieger- und Erfolgsgeschichten hören aber verdrängt die andere Seite der Medaille. Notwendig sind Trauerarbeit und Empowerment. Empowerment heißt, die eigenen Ressourcen und Kräfte wahrzunehmen. Dies heißt auch, sich von den dominierenden ideologischen Menschenbildvorgaben des neoliberalen Herrschaftsmodells ebenso zu befreien wie von der Hoffnung, dass der Vater Staat schon für eine Lösung sorgen wird.

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Unterstützen