Kurzgeschichte

Was ist das für ein Leben?

15.11.2013 - Shaheryar Mirza

Sieben Stunden schlafen und aufstehen. Eine Stunde fertig machen und zur Arbeit fahren. Vier Stunden arbeiten, eine Stunde Pause und wieder vier Stunden arbeiten. Wieder nach Hause fahren. Wieviele Stunden bleiben mir? Das fünf mal die Woche. Davon zwei für den Staat. Zwei für Miete, Benzin und Essen. Einen für überlebenswichtige Gadgets und Schuhe. Wieviel bleibt mir?

Ich bin irritiert. Die ganze Kindheit hab ich von einem Leben in Freiheit geträumt, wenn ich älter werde und nicht immer auf meine Schuhe aufpassen muss, sondern mir einfach immer und zur jeden Zeit neue kaufen kann, wenn meine alten kaputtgehen. Bekommen hab ich ein Leben in Sklaverei und Armut. Meine gezahlten Steuern kommen mir höchstens ein Jahr zugute, der Rest wird an Banker verschenkt. Meine eigenen vier Wände sind nicht meine, das Auto vor meiner Tür ist nicht meins, das Handy in meiner Hand ist nicht meins. Und immer bleibt die Psychische Obsoleszenz an mir haften. Meine Wünsche und Pläne fressen meinen Lebensstandard, meinen Verstand und meine Kreditkarte an, und ich muss mich damit abfinden. Was ist das für ein Leben, wenn man aus seiner eigenen Zukunft Geld leihen muss, um im Heute atmen zu können.

 

Und jetzt soll niemand sagen: mit deinen Steuern werden doch auch Straßen, Schulen und Polizisten finanziert. Ich würde liebend gerne die Straßen gegen einen Geländewagen tauschen. Und bezahlte Polizisten in Uniformen brauche ich auch nicht, wenn ich die Gewissheit haben könnte, dass mein Nachbar wohlhabend genug ist. Ich will nicht, dass meine Kinder den ganzen Tag in der Schule rumhängen, neben den ausgefallenen Stunden das vergangene dritte Reich aufarbeiten und trotzdem nicht wissen, warum das alles geschah. . Und Mathematik lernen und trotzdem nicht rechnen können, deutsch lernen und trotzdem nicht deutsch können. Ich will das meine Kinder Buddenbrooks lesen ohne einen Duden und rechnen können ohne einen Rechner.  


Wir sind zu sehr abhängig und bekommen im Gegenzug nichts als weitere Abhängigkeit. Ich bin irritiert. Vielleicht lebten unsere Vorfahren doch besser. Sie arbeiteten zwar doppelt so viel. Doch waren es ihre Felder, ihr Acker und ihre Ernte. Dass sie keine Möglichkeiten  hatten, Zeit zu verschwenden, macht mich nicht neidisch. Dass sie nicht alle vier Minuten auf ihr Iphone glotzten, um auf irgendeinen Mist zu warten macht mich nicht neidisch.  


Ich hab Bekannte in Pakistan, die heute noch barfuß durch die Gegend laufen. Ich hab mir sagen lassen: Das tut gar nicht weh. Aber zum Glück muss ich nicht mehr dahin zurück.

 

 

 

 

Foto: © WanderingtheWorld

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