Identität

Was ist mein Selbst und habe ich nur eines davon?

15.03.2017 - Daniela Steppe

Unsere Persönlichkeit beeinflusst unser Leben bereits in den kleinsten Entscheidungen des Alltags, von der Wahl unserer Kleidung, über weitreichendere Entscheidungen, wie etwa der Wahl des Partners oder unseres Glaubens, bis hin zu unserer Auffassung unserer Realität. Aber wie konstant ist unser Selbst und besitzen wir wirklich nur eines davon? Was ist unser Selbst?

Das Selbst wurde bisher allgemein als ein unserem Körper inhärentes, natürlich gegebenes und einzigartiges Innenleben verstanden, das wir oft auch als Bewusstsein oder Seele bezeichnen. Dabei ist es gar nicht so einfach, das Selbst klar zu definieren. Es ist kein feststehendes Objekt, als vielmehr ein Bündel von Emotionen, Wahrnehmungen und mentalen Prozessen, die durch unseren Verstand zusammengehalten werden (nach Nikolas Rose). Als ein solches Selbst besitzen wir eine Identität, eine Persönlichkeit, die nicht nur die Wahrnehmung unserer Realität formt, sondern auch Ausdruck unserer persönlichen Erfahrungen und Entscheidungen ist.

 

Stellen wir uns folgende Situation vor: Wir haben es nach langer Zeit und vielen verschobenen Terminen endlich einmal wieder geschafft einen alten Freund zu treffen. Da wir uns lange nicht mehr gesehen haben, gibt es natürlich viel zu erzählen. Da die Zeit auch hier wie immer knapp ist, beschränken wir uns auf das Wesentliche. In dem Wissen, dass unser Freund nicht an unseren vergangenen Erfahrungen teilgenommen hat, entsteht in uns zunächst der Wunsch, unsere Wirklichkeit mit ihm zu teilen. Durch die Entscheidung darüber, was erzählt und was weggelassen wird, bestimmen wir dabei für uns und für unser Gegenüber, was relevant ist und was nicht. Wir sind also nicht nur in der Lage unsere eigenen Handlungen und Erlebnisse zu beurteilen, sondern wir sind auch in der Lage, uns in unser Gegenüber hineinzuversetzen und ihn in seiner Persönlichkeit wahrzunehmen. Im besten Fall wissen wir nämlich, was unseren Freund interessiert und können einschätzen wie wir das Gespräch am Laufen halten. Dadurch, dass wir entscheiden, was wir preisgeben und was lieber nicht, vermitteln wir ein bestimmtes Bild von uns. Wir sind also nicht nur in der Lage uns als Selbst wahrzunehmen, wir sind auch in der Lage zu entscheiden, wie wir dieses Selbst anderen gegenüber präsentieren. Durch Likes und Kommentare im Internet, unser Auftreten, aber auch durch die Wahl unserer Lektüre, können wir anderen zeigen wer wir sind, oder zumindest wer wir gerne wären. Das Selbst, das wir anderen dabei zeigen ist jedoch nicht immer gleich. Die Fähigkeit uns in jemand anderen hineinzuversetzen und dessen Perspektive zu übernehmen, verbunden mit unseren Erfahrungen und Erinnerungen, ermöglicht es uns, unser Verhalten, aber auch unser Auftreten einer Situation anzupassen. Abhängig davon, wo wir uns gerade bewegen, ob im Büro, beim Arzt oder auf einer Familienfeier, sind wir in der Lage, spontan ein völlig anderes Bild von uns zu zeichnen. Man könnte also sagen, dass wir für jede Gelegenheit das passende Ich im Schrank haben. Was ich hier beschrieben habe, ist der gängige Ansatz für die Beschreibung und Erfahrung des menschlichen Selbst, das sich in unserem Verhalten gegenüber ‚dem Anderen‘ bildet. Über die Wahrnehmung eines Anderen und die Kommunikation mit unserem Gegenüber findet Jan Kruse zufolge automatisch eine innere und äußere (sprachliche) Konstruktion unseres Selbst statt.

 

Führen wir diesen Gedanken noch etwas weiter und bringen ihn auf eine augenscheinlich konkretere Ebene, die körperliche. Als ein eigenständiges Selbst sind wir trotz allem Teil unseres Körpers. Auch wenn wir uns anderen gegenüber unterschiedlich präsentieren können, tun wir dies doch immer mit demselben Körper. Wir können ihn schließlich nicht einfach wechseln, wie ein paar Kleider. Unser Körper bleibt nun einmal unser Körper … oder nicht?

 

Aus biologischer Sicht besteht unser Körper aus Zellen. Aus ziemlich vielen Zellen. Wir können davon ausgehen, dass sich in unserem Körper mehr Zellen befinden als Sterne in der Milchstraße. Jede dieser Zellen ist für sich gesehen ein eigenes Lebewesen. Sie hat zwar kein eigenes Bewusstsein, keinen eigenen Willen oder eigene Absichten, aber sie ist dennoch ein Individuum. Entnimmt man Zellen aus unserem Körper und setzt sie in eine entsprechende Umgebung, können sie dort eine Zeit lang überleben. Wir ohne sie allerdings nicht. Also stellt sich die Frage, ab wann hört ein Teil von uns auf wir zu sein? Wie viel von unserem Körper können wir austauschen, bevor wir aufhören wir selbst zu sein? Wenn wir beispielsweise ein Organ spenden, lebt es in einem anderen Körper weiter. Bedeutet dies nun das etwas von uns zu (etwas oder) jemand anderen geworden ist? Oder lebt ein Teil von mir nach einem tödlichen Unfall beispielsweise durch mein gespendetes Herz in einem anderen weiter? Wie wir sehen, gestaltet sich die Vorstellungen unseres Selbst als klar definierbare oder fassbare Entität auch auf körperlicher Ebene schwierig. Fast jede Zelle, die sich in diesem Moment in unserem Körper befindet, stirbt noch im Laufe unserer Lebenszeit. So sterben etwa zwischen einer und drei Millionen Zellen pro Sekunde. In einem Zeitraum von 7 Jahren werden die meisten unserer Zellen mindestens einmal ersetzt und jedes Mal, wenn unsere Zellen in größerem Maße ersetzt wurden, haben wir uns ein wenig verändert. Wir wachsen und wir werden älter. Bis zum Ende unseres Lebens entstehen und sterben etwa 1015 Zellen. Man könnte also sagen, dass ständig ein Teil von uns stirbt. Was wir als unser Selbst verstehen, ist in körperlicher Hinsicht nur eine Momentaufnahme.

 

Unser Selbst und das was wir uns darunter vorstellen, erscheint auf einmal nicht mehr so selbstverständlich und eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint. Aber immerhin, 1015 neue Zellen bedeuten auch 1015 neue Möglichkeiten. Vielleicht ist unser Selbst die Summe dessen, was wir sein können. Und die Summe dessen, was wir sind.

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