Antworten auf die Fragen meiner Enkelin

Was ist so schlimm am Kapitalismus?

15.03.2019 - Jean Ziegler

Kann der herrschende globale Kapitalismus gebändigt, eingehegt, reformiert werden, ist er humanisierbar? Diese Frage steht im Zentrum des Gesprächs zwischen Jean Ziegler und seiner Enkelin Zohra. Die kapitalistische Produktionsweise steht all den unbestreitbaren Fortschritten zum Trotz für eine zutiefst ungerechte, kannibalische Weltordnung, die extremen Reichtum in ganz wenigen Länden konzentriert und fürchterliches Elend, Hunger und Verzweiflung vor allem in den Ländern der südlichen Hemisphäre zur Folge hat. Eine Ordnung, die um des maximalen Profits willen eine massive Umweltzerstörung, die Vergiftung von Böden, Flüssen und Meeren sowie die Rodung von Regenwäldern, billigend in Kauf nimmt, in der eine Klimakatastrophe immer näher rückt. Aus dem kapitalistischen System und der neoliberalen Wahnidee als seiner Legitimation scheint es kein Entkommen zu geben. Dieses System muss, so Jean Ziegler, »radikal zerstört« werden. Er setzt dabei auf ein neues historisches Subjekt: die weltweite Zivilgesellschaft. Männer und Frauen, die verschiedensten Völkern, Kulturen, sozialen Klassen angehören, organisieren den Widerstand.

Neulich abends im Fernsehen warst du entrüstet – und sogar sehr zornig – mit Blick auf die Ungleichheit. Du hast gesagt, dass Ungleichheit tötet.

Ungleichheit ist eine skandalöse und extrem demütigende Realität für die weitaus überwiegende Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten. Ich will dich nicht mit Statistiken langweilen, aber zwei besonders signifikante will ich dir doch nennen. Laut Weltbank haben die 500 mächtigsten transkontinentalen Privatgesellschaften – alle Wirtschaftssektoren zusammengenommen, Industrie, Handel, Dienstleistungen, Finanzen etc. – im letzten Jahr 52,8 Prozent des Weltbruttosozialprodukts kontrolliert, das heißt alle Reichtümer – Waren, Patente, Dienstleistungen, Kapital –, die in einem Jahr auf dem Planeten produziert worden sind. Ihre Führungskräfte sind jeder staatlichen, gewerkschaftlichen und parlamentarischen Kontrolle entzogen. Sie verfolgen nur eine einzige Strategie: die der Gewinnmaximierung in möglichst kurzer Zeit und zu jedem menschlichen Preis. Diese Kosmokraten, diese Herrscher der Welt, verfügen über eine finanzielle, politische und ideologische Macht, über die noch kein Kaiser, kein Papst oder König in der Geschichte jemals gebot.

Diese Situation bedeutet für die Opfer eine himmelschreiende, mörderische Ungleichheit, die aber der kapitalistischen Produktionsweise zugutekommt. Diese verbessert in erheblichem – und ständig wachsendem – Maße die Situation der Reichen und verschlechtert auf dramatische – und ständig sich zuspitzende – Weise die Lage der Armen. Die Ungleichheit, die Tatsache, dass der Mehrwert der Produktion nicht allen zugänglich gemacht, nicht umverteilt wird, steigert die ungeheure Effizienz der kapitalistischen Produktionsweise, die, in sich geschlossen und autonom in den Entscheidungen über ihre Wirtschaftsstrategien, ohne Rücksicht auf ihre Opfer handelt.

Du hattest noch ein zweites Zahlenbeispiel…

Die 85 reichsten Milliardäre der Welt besaßen 2017 genauso viele Vermögenswerte wie 3,5 Milliarden Personen, das heißt der ärmste Teil der Menschheit. Die Generalsekretärin von Amnesty International fasst diesen Skandal wie folgt zusammen: »85 Milliardäre, die man in einen einzigen Autobus stecken könnte, haben genauso viel Vermögen zusammengerafft wie die ärmste Hälfte der Menschheit.«

Glaubst du nicht, Jean, dass sich der Graben zwischen den Superreichen und den sehr Armen allmählich zuschütten lässt?

Nein, ich glaube sogar, dass das Gegenteil geschehen wird … In den Ländern der südlichen Hemisphäre füllen sich tagtäglich die Massengräber. Zwischen den Superreichen und der anonymen Masse der Bitterarmen nimmt die Ungleichheit unaufhörlich zu. Die Finanzmacht der 562 reichsten Personen der Welt ist zwischen 2010 und 2015 um 41 Prozent angewachsen, während der Besitz der 3,5 Milliarden ärmsten Menschen um 44 Prozent abgenommen hat.

[...]

Aber hör mal, die reichen Länder helfen doch den armen Ländern trotzdem in erheblichem Maße, ihre Bevölkerung zu ernähren, oder?

Falsch, Zohra, genau das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen in den armen Ländern schuften sich zu Tode, um die Entwicklung der reichen Länder zu finanzieren. Der Süden finanziert den Norden, vor allem dessen herrschende Klassen. Heute ist das wichtigste Mittel, das dem Norden die Herrschaft über den Süden sichert, der Schuldendienst. Der Kapitalfluss von Süd nach Nord ist weit größer als der von Nord nach Süd.

Die armen Länder zahlen jährlich viel mehr Geld an die herrschenden Klassen der reichen Länder, als sie von diesen in Form von Investitionen, humanitärer Hilfe oder sogenannter Entwicklungshilfe erhalten. Man ist heute nicht mehr auf Maschinengewehre, Napalmbomben oder Panzer angewiesen, um andere Völker zu unterdrücken und zu unterwerfen. Das lässt sich inzwischen durch Auslandsschulden regeln. Beispielsweise ist das, was auf dem afrikanischen Kontinent passiert, ein himmelschreiender Skandal: 35,2 Prozent der Afrikaner leiden dauerhaft unter schwerer Unterernährung.

Aber warum? In der Schule habe ich gelernt, dass Afrika über viele fruchtbare Anbauflächen verfügt und dass der Kontinent unterbevölkert ist; dann gibt es doch Land für alle!

Die Hauptschuld an dieser Situation trägt eben die Verschuldung der betreffenden Länder. Das bedarf einer Erklärung. Wir müssen unterscheiden zwischen der Staatsverschuldung, den Schulden, die der Staat gemacht hat, und der Gesamtverschuldung, in der die Schulden des Staates und die der Privatunternehmen zusammengefasst sind. Die Staatsverschuldung aller Entwicklungsländer – Südafrika, Brasilien, China, Indien und Russland ausgenommen, die den Schwellenländern zugerechnet werden – hat 2016 die astronomische Summe von 1500 Milliarden Dollar überschritten.

Die Schulden dienen dazu, die armen Länder zu strangulieren. Das funktioniert folgendermaßen: Die Mehrheit der afrikanischen Bauern hat keinen Zugang zu Mineraldünger, ausgewähltem Saatgut, Agrarkrediten, ausreichender Zugkraft und Bewässerung. Denn ihre Regierungen haben keinen Cent für Investitionen in die Landwirtschaft zur Verfügung. Sie werden von ihren Auslandsschulden erdrückt. Das wenige Geld, das die afrikanischen Länder einnehmen – zum Beispiel der Senegal mit dem Export von Erdnüssen, Mali mit dem von Baumwolle – wandert ohne Umwege in Form von Zinszahlungen oder Rückzahlungen in die Tresore der europäischen oder amerikanischen Gläubigerbanken.

Die Folge: Den Ländern bleibt kein Geld für Investitionen in die Landwirtschaft. In Schwarzafrika werden nur 3,8 Prozent des nutzbaren Bodens künstlich bewässert; auf den übrigen Ackerflächen bleiben die Bauern auf die Regenbewirtschaftung angewiesen, wie schon seit 3000 Jahren, mit all den klimatischen Risiken, die diese mit sich bringt. Genauso katastrophal ist die Situation im Hinblick auf die Zugkraft. Weltweit gibt es fast 40 Millionen Traktoren und nahezu 300 Millionen Zugtiere. Das Problem ist von entscheidender Bedeutung: In Saskatchewan, auf den großen fruchtbaren Ebenen Westkanadas, bewirtschaftet ein Landwirt ganz allein 2000 Hektar mit einem einzigen Traktor von 200 Pferdestärken. Dagegen müssen sich 2,7 Milliarden Bauern in den Ländern des Südens auch heute noch mit Machete und Hacke begnügen.

Woher kommen diese Schulden? Zunächst einmal möchte ich mit allem Nachdruck feststellen: Die Auslandsschulden garantieren die kannibalische Weltordnung und die Quasi-Allmacht der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals. In den Jahren nach der Entkolonialisierung haben internationale Organisationen wie die Weltbank oder der Internationale Währungsfond den Ländern der Dritten Welt fast unbeschränkte Kredite gewährt, damit sie sich nach dem Vorbild des kapitalistischen Westens industrialisierten und ihre Infrastrukturen entwickelten. Die Kolonien waren verschwunden, aber die alten Kolonialmächte wollten auch weiterhin die Reichtümer dieser Länder ausbeuten und dort auch irgendwann neue Märkte eröffnen. Diktatorische Regime erhielten Kredite, um sich zu bewaffnen, Kriege zu führen, sich Mittel zur Unterdrückung der eigenen Bevölkerung zuzulegen.

Wenn ein armes Land am Ende ist, wenn der Schuldenknebel es erstickt, wenn es Zinsen und Tilgungsraten nicht mehr an seine Gläubigerbanken bezahlen kann, muss es um Zahlungsaufschub, Umschuldung oder sogar einen Teilerlass der Schulden bitten. Die Banken profitieren von dieser Situation. Sie kommen – zumindest teilweise – dem Ersuchen des Schuldnerlandes nach, wobei sie allerdings dieses Entgegenkommen an drakonische Bedingungen knüpfen: Privatisierungen und Verkauf der wenigen rentablen Unternehmen, die das Land besitzt: Bergwerke, öffentliche Telekommunikationsdienste etc. an ausländische Käufer – nämlich die Gläubiger; exorbitante Steuervergünstigungen für die in diesen Ländern tätigen transkontinentalen Privatunternehmen; erzwungene Waffenkäufe für die Ausrüstung der einheimischen Armee etc.

Wenn ich richtig verstanden habe, verfügen die verschuldeten Länder über kein Geld, um auf herkömmliche Weise zu funktionieren, und verlieren ihre Unabhängigkeit?

Genau, Zohra. Wenn die Insolvenz droht, sind die Schuldnerländer gezwungen, die im Haushalt festgeschriebenen Staatsausgaben zu verringern. Und wer leidet darunter? Die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit und insbesondere natürlich ihr ärmster Teil. Den Latifundienbesitzer in Brasilien und den indonesischen General lässt die Schließung der öffentlichen Schulen kalt: Ihre Kinder besuchen Privatschulen in Frankreich, in der Schweiz, in den Vereinigten Staaten. Die Schließung der öffentlichen Krankenhäuser? Juckt sie nicht: Ihre Familien lassen sich im Universitätskrankenhaus in Genf, dem amerikanischen Krankenhaus in Neuilly oder den Kliniken in London und Miami behandeln. Die Schuldenlast bekommen nur die Armen zu spüren.

 

Dies waren Auszüge aus dem Buch: "Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin" von Jean Ziegler

 

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