Gesellschaft

Was Sie schon immer über Verschwörungstheoretiker wissen sollten

01.06.2020 - Tom Wellbrock

Glaubt man Politik, Presse, Nachrichten und Talkshows, sind Verschwörungstheoretiker ganz üble Gesellen, die zudem noch ein psychisches Problem mit sich herumschleppen, das dringend behandlungsbedürftig ist. Gegen „kranke“ Menschen hat man im Grunde nichts, aber man wird doch wohl noch sagen dürfen, dass sie Spinner, Schwurbler, Antisemiten und Idioten sind.

Allerdings lohnt sich ein Blick auf den eigentlichen Begriff des Verschwörungstheoretikers (und seine heutige Einordnung durch die Gesellschaft), der offenbart, dass wir es hier mit einer ziemlich fortschrittlichen Gruppe von Menschen zu tun haben.

Und was noch wichtiger ist: Verschwörungstheoretiker sind längst keine Minderheit mehr, sondern vertreten oft die Meinung der Mehrzahl der Menschen.

Gehen wir also mal weitgehend emotionslos an die Sache heran.

Eine nüchterne Definition

Dieser Tage wird der Begriff des Verschwörungstheoretikers in erster Linie diffamierend eingesetzt. Die Bedeutung wird nicht hinterfragt, auch wenn sie eigentlich leicht zu finden und ziemlich eindeutig ist:

Eine Verschwörung ist ein heimliches Bündnis mehrerer Personen mit dem Zweck, einen Plan auszuführen; dieser kann ein selbstsüchtiges, verwerfliches Ziel haben und den Schaden anderer beinhalten, aber auch die Beseitigung tatsächlicher oder vermeintlicher Missstände umfassen. Eine Verschwörung beruht also nicht notwendigerweise auf moralisch niederen Motiven, sie basiert jedoch stets auf Geheimhaltung und Konspiration.

Damit sollte der diffamierende Charakter des Wortes Verschwörung eigentlich schon zu den Akten gelegt werden können. Denn dass es in der Geschichte der Menschheit Verschwörungen gab (positive wie negative) und weiterhin gibt, dürfte niemand bezweifeln, der sich nicht bereits auf eine andere Meinung festgelegt hat.

Und dass in der Politik, der Wirtschaft, der Religion Bündnisse mehrerer Personen zu finden sind (wenn man Glück hat und die Verschwörer Pech haben), ist auch nur zu leugnen, wenn man sich fest vorgenommen hat, auf eklatante Hinweise mit Ignoranz zu reagieren.

Allerdings wird der Verschwörungstheoretiker in Zeiten von Corona ja von vornherein als ein besonderes Wesen bezeichnet. Und als solches ist er nicht akzeptabel, durchgeknallt und spinnt auf ganzer Linie.

Verschwörungstheoretiker als die vernünftigeren Menschen?

Auf „forschung-und-wissen.de“ erschien kürzlich ein Artikel, der mit folgenden einleitenden Worten beginnt:

"(U.S.A. / Großbritannien). Eine Forschergruppe aus den U.S.A. und Großbritannien, hauptsächlich bestehend aus Psychologen und Gesellschaftswissenschaftlern, hat eine neue Studie vorgestellt, welche darauf schließt, dass Verschwörungstheoretiker entgegen allen Mainstream-Stereotypen vernünftiger sind als Menschen, welche die offizielle Version nicht hinterfragen und umstrittene oder beschrittene Ereignisse einfach akzeptieren."

Und schon wird die Luft für mich als Autor dieses Textes dünner. Es ist davon auszugehen, dass zahlreiche Leser an dieser Stelle den Artikel als unseriös einstufen und mit dem Lesen aufhören. Man könnte sich eine Erwiderung in etwa so vorstellen:

"Jetzt sollen also diese beknackten Verschwörungstheoretiker auch noch die vernünftigeren Menschen sein? Ich glaub‘, es hackt! Die haben sie doch nicht mehr alle!"

Kann man so sehen, muss man aber nicht. Denn die Studie hat ziemlich gute Gründe für ihre Annahmen, auch wenn man ihre Aussagekraft nicht überbewerten sollte. Grundlage der Forscher waren Leserkommentare unter Nachrichten, die sich mit den Anschlägen von 9/11 und dem Mord an John F. Kennedy (JFK) beschäftigten. Dabei fanden sie heraus, dass die Mehrzahl der Leserkommentare eher kritisch gegenüber offiziellen Versionen ist.

Letztlich war das Verhältnis von Lesern mit verschwörungstheoretischen Vermutungen denen derer, die nichts an den offiziellen Versionen auszusetzen haben, 2:1. Für die kritischen Stimmen. Die Studie schloss daraus, dass der verschwörungstheoretische Ansatz im Grunde die Meinung der Mehrheit widerspiegelt.

Das ist aus unterschiedlichen Gründen zwar nicht haltbar. So lässt sich schwer herausfinden, wer genau die Kommentatoren waren (und ob sie echt waren), welche Kommentare vielleicht gar nicht freigeschaltet wurden und wie viele Leser zwar die offiziellen Versionen zu 9/11 oder JFK unterstützen, sich aber nicht geäußert haben. Dennoch ergibt sich ein Bild, das zeigt, dass die Zahl der Menschen, die skeptisch gegenüber den offiziellen Angaben sind, nicht zu unterschätzen ist.

Was hat das aber alles mit den „Corona-Spinnern“ zu tun?

Diffamierungen sind sinnlos

Die Verschwörungstheoretiker von 9/11 und der Corona-Krise haben eines gemeinsam: Sie werden in der Öffentlichkeit als dumm und durchgeknallt dargestellt. Das ist zunächst einmal schon rein logisch nicht sinnvoll.

Denn die meisten Menschen, die an Verschwörungen glauben, behaupten nicht (Ausnahmen bestätigen hier natürlich die Regel), in Besitz der Wahrheit zu sein. Sie können sich nur bestimmte Aspekte nicht erklären oder sich vorstellen, dass es auch andere Erklärungen als die der offiziellen Stellen gibt. Ob sie in Bezug auf Corona daran glauben, dass Bill Gates für die Freisetzung des Virus verantwortlich zeichnet, um die Welt mit Zwangsimpfungen zu unterjochen. Oder ob sie Covid-19 gleich als Fake bezeichnen, ist dabei gar nicht so wichtig, denn diese extremen Auffassungen sind eher selten, werden medial aber gnadenlos ausgeschlachtet. Zur Not müssen ein Sänger, ein Koch und ein YouTuber herhalten, um die These (oder gar: die Verschwörungstheorie?) zu stützen, dass alle „Corona-Kritiker“ nicht mehr alle Tassen im Schrank haben.

Diese Haltung ist von einer erschreckenden Oberflächlichkeit geprägt. Schon allein die Unterstellung, dass Menschen, die auf die sogenannten „Hygiene-Demos“ gehen, allesamt Verschwörungstheoretiker mit unseriösem Hintergrund sind, ist nicht haltbar und zudem so pauschal, dass jede Milch sauer wird. Noch unhaltbarer ist eigentlich nur die Diffamierung, alle Teilnehmer der „Hygiene-Demos“ seien potenzielle Mörder, weil sie sich auf eine größere Veranstaltung begeben. Kombiniert man beide Titulierungen, ist Gegenwehr komplett zwecklos, der Baseball-Schläger als Totschlagargument ist mit zusätzlichem Stacheldraht umwickelt und könnte vielleicht „Lucille“ heißen.

Nebenbei bemerkt: Die sogenannte „Jüdische Verschwörung“, also die Vermutung, die Juden würden die Geschicke der Welt lenken und dabei kräftig absahnen, halte ich nicht für eine Verschwörungstheorie, sondern eher für Propaganda, die so erfolgreich war und ist, dass sie jede Menge Jünger um sich herum versammeln konnte. Womit – wenn ich richtig läge – das Attribut des Antisemitismus obsolet wäre. Das ist wichtig, denn einen so weitreichenden Begriff wie die Verschwörungstheorie auf dieses eine Thema zu reduzieren, wird der Sache nicht gerecht, greift zu kurz und verharmlost sogar den tatsächlich weltweit vorhandenen Antisemitismus.

Sind Verschwörungstheoretiker wirklich die vernünftigeren Menschen?

Eine pauschale Antwort auf diese Frage wäre natürlich nicht zulässig. Die oben genannte Studie kommt aber zum Schluss, dass Menschen mit einer gewissen Akzeptanz gegenüber Verschwörungstheorien zumindest offener sind. Das liegt im Wesentlichen daran, dass sie in aller Regel nicht behaupten, die Weisheit mit Löffeln gefressen und die Wahrheit gepachtet zu haben. Allein beim Mord an JFK oder auch bei den Anschlägen von 9/11 zeigen sich viele Menschen, denen das Etikett Verschwörungstheoretiker angeheftet wird, eher offen für unterschiedliche Lösungsansätze. Diese weichen zum Teil stark voneinander ab, zum Teil lassen sie sich gut begründen, zum Teil eher weniger gut bis gar nicht. Doch diese Herangehensweise hat offenkundige Vorteile gegenüber der Sicht, dass es nur eine Wahrheit gibt.

Und genau diese Sicht tragen die Verfechter der offiziellen Versionen vor sich her. Daher ist es auch kein Wunder, dass diese Gruppe von Menschen auf Verschwörungstheorien abwertend und oft aggressiv reagiert. Da sie sich gedanklich nicht vorstellen kann, dass es eine andere als die von ihnen favorisierte Wahrheit gibt, zeigen sie sich angriffslustig und oft unsachlich im Umgang mit den Verschwörungstheoretikern. Das Image der Spinner und Schwurbler kommt erschwerend hinzu, verstärkt aber nur Vorurteile, die bei genauem Hinsehen womöglich leicht entkräftet werden könnten. Massive Gegner von Verschwörungstheoretikern sind in ihrer Denkweise oft eingeschränkt, sie lassen keine anderen Theorien zu und halten es für undenkbar, dass sie falsch liegen. Die Tatsache, dass sie oft nicht einmal belegen können, woran sie glauben, macht den Umgang mit ihnen erheblich komplizierter.

Keine Verschwörungstheorie ohne Grund

Jedem menschlichen Erkennen liegt eine Theorie zugrunde. Ob diese sich später als richtig erweist oder nicht, gilt es zu prüfen. Eine Theorie zu widerlegen, gelingt, wenn man eine andere Theorie zur Hand hat, die sich in der Praxis (vorerst) als stimmig erweist.

Nun ist es aber im Fall von Covid-19 eher nicht so, dass alle theoretischen Fragen beantwortet sind, im Gegenteil. Und das ist auch schwer möglich und im Grunde auch nicht erwartbar. Ebenso wenig wie ein Impfstoff bis zum Herbst entwickelt werden kann, der alle Forschungen im Vorfeld und die möglichen Langzeitwirkungen einbeziehen könnte.

Dennoch wird jede alternative Sicht auf die Annahmen, die als wahr gelten, unversöhnlich diffamiert und als Unsinn tituliert. Das ist nicht schlüssig, denn wer – nachvollziehbar – die ganze und komplexe Wahrheit noch nicht herausgefunden hat, kann andere Annahmen nicht als Lügen bezeichnen, ohne das eigene Denkgerüst krachend in sich zusammenstürzen zu lassen.

Es ist im Übrigen nicht einmal gefährlich, von einer „Gates-Verschwörung“ oder Ähnlichem auszugehen. Vielmehr ist es so, dass jede Theorie eine Überprüfung verdient, und wer konstruktiv arbeiten will, der überprüft auch die Rolle, die Bill Gates womöglich bei der ganzen Pandemie spielen könnte. Es wäre doch im Sinn von Gates und der verantwortlichen Politik, die als „krude“ bezeichnete Theorie zu widerlegen, statt sie zu verachten und zu beschimpfen.

Zumal die Beschäftigung mit Bill Gates und etwa seiner Rolle bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unweigerlich zu der Frage führen würde, warum überhaupt die WHO inzwischen zu rund 80 Prozent privat finanziert ist. Könnte es – verschwörungstheoretisch gedacht – vielleicht sein, dass die Staaten sich bewusst aus der Finanzierung einer Organisation herausgeschält haben, deren höchstes Gut die Gesundheit sein sollte?

Wie auch immer.: Verschwörungstheorien entstehen, wenn die Menschen zu wenig wissen, wenn ihnen Dinge vorenthalten werden oder die offiziellen Erklärungen zu lückenhaft sind. Verschwörungstheorien entstehen zudem, wenn offene Fragen nicht beantwortet, sondern als einer Antwort unwürdig bezeichnet werden.

Und nicht zuletzt: Verschwörungstheorien entstehen, wenn Menschen über längere Zeiträume in anderen Zusammenhängen oft belogen wurden und den vermeintlichen Wahrheiten, die sich in der Vergangenheit als Lüge herausgestellt haben, einfach nicht mehr glauben wollen.

So gesehen sind Verschwörungstheoretiker in mancher Hinsicht tatsächlich vernünftiger. Zumindest aber wissensdurstiger, offener und neugieriger. Und sie kommen häufig auf Ideen, die wir brauchen, um uns weiter zu entwickeln.

 

 

Erstveröffentlichung: Neulandrebellen

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