Eine Frage des MILIEUs

"Welches kriminelle Verhalten akzeptieren wir?"

15.07.2015 - Dr. Markus C. Schulte von Drach

Kriminell ist Verhalten, das wir als Gesellschaft für so strafwürdig halten, dass es mit Gesetzen geregelt Auf dieser Ebene akzeptieren wir kriminelles Verhalten grundsätzlich nicht. Unzählige Paragraphen wurden formuliert, die uns sagen, was kriminell ist und wie es bestraft werden soll. Viel Spielraum für Interpretationen scheint es da nicht zu geben.

Doch die Frage ist trotzdem nicht sinnlos, denn tatsächlich akzeptieren wir sogar ziemlich häufig kriminelles Verhalten. Ein prominentes Beispiel ist die unlängst verstorbene Kassiererin Emmely. Ihr Arbeitgeber hatte sie gefeuert, nachdem sie zwei von einem Kunden vergessene Pfandbons eingelöst hatte. Viele Menschen hatten das Gefühl, es sei völlig in Ordnung, was Emmely getan hatte, selbst wenn die Aneignung fremden Eigentums kriminell gewesen sein mochte.
 
Der Fall erscheint im Vergleich zu anderem kriminellen Verhalten – etwa Banküberfälle oder Raubmorde - läppisch. Aber er zeigt bereits etwas Grundsätzliches: Ob wir kriminelles Verhalten akzeptieren, hängt davon ab, wer geschädigt wird, und wie stark. Was wäre, wenn Emmely mir 1.30 Euro dreist aus dem Geldbeutel geklaut hätte? Meine Empörung über ihr Vergehen wäre natürlich größer gewesen.
 
Ein anderes Vergehen, das viele Menschen akzeptieren, weil es zuerst einmal nur die Täter selbst schädigt, ist der Konsum von Cannabis. Und hier wächst die Akzeptanz zunehmend. Es ist wohl doch nur eine Frage der Zeit, bis das Kiffen legalisiert wird.

Weitgehend akzeptiert sind zwei andere, relativ häufige kriminelle Handlungen, bei denen zwar der Gesellschaft ein Schaden entsteht, aber der einzelne sich kaum geschädigt fühlt: Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit. Viele Menschen sehen es offenbar geradezu als Herausforderung an, in ihren Steuererklärungen falsche Angaben zu machen.

Das wird gerne damit gerechtfertigt, dass wir sowieso zu viele Steuern zahlen. Aus dem gleichen Grund bieten manche Leute an, schwarz zu arbeiten und es ist attraktiv, darauf einzugehen. Man arrangiert es als Gefälligkeit unter Nachbarn für die wir uns mit einem Geldgeschenk revanchieren. Auch wer nicht auf solche Angebote eingeht, zeigt

niemanden deswegen an. Solange wir nicht für das Finanzamt arbeiten, sehen wir großzügig über dieses kriminelle Verhalten – zumindest solange es nicht im großen Stil stattfindet - hinweg.
 
Als eine Art institutionalisierte Akzeptanz kriminellen Verhaltens lässt sich der Deal vor Gericht betrachten. Um sich teure Prozesse zu ersparen, bietet Justitia Verbrechern bei manchen Delikten an, mit einem Geständnis die Strafe zu verringern. Aber verzichtet man auf einen Teil der Strafe, z.B. ein Viertel  der Haftzeit, so akzeptiert man gewissermaßen auch ein Viertel des Verbrechens.

Ein interessantes Beispiel ist auch die Tierquälerei. Einem Tier die Kehle zu durchschneiden, ohne es zu betäuben, ist verboten – außer wir bezeichnen es als „Schächten“. Dann gibt es Ausnahmegenehmigungen. Wir akzeptieren dieses kriminelle Verhalten also, wenn es im Namen einer Religion erfolgt.
 
Als Provokation werden manche vielleicht das Beispiel der religiösen Beschneidung von Jungen betrachten. Lange Zeit handelte es sich dabei in Deutschland um eine kriminelle Körperverletzung, die aber weitgehend akzeptiert wurde. Als diese Akzeptanz nachließ, wurde ein passendes Gesetz verabschiedet, das diese Beschneidung sogar offiziell entkriminalisierte.
 
Auf gewisse Weise akzeptieren wir manchmal sogar, dass es zu Mord und Totschlag kommt. Wenn wir Soldaten in einen Krieg schicken, dann wissen wir, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Gewaltverbrechen gegen Zivilisten geben wird. Das nehmen wir in Kauf. Auch wenn wir diese Verbrechen natürlich bestraft sehen wollen, wenn es herauskommt.
 
Es gibt also kriminelles Verhalten, das wir mehr oder weniger bewusst akzeptieren. Vor allem solches, von dem wir individuell kaum bedroht sind. Auch scheint es so, als würden wir immer liberaler, was sich auch in Gesetzen niederschlägt.

Einiges, was heute nicht einmal mehr fragwürdig erscheint, wurde noch in unserer jüngsten Vergangenheit als Verbrechen bestraft. Homosexualität etwa, oder Blasphemie. In früheren Zeiten war in Europa mancherorts sogar Ehebruch ein todeswürdiges Verbrechen. Was als kriminell betrachtet wird, hängt eben mit den vorherrschenden Normen und Werten, mit Moral und Sitten zusammen, mit Traditionen und Religionen.

Immer mehr Menschen neigen dazu, alles zu akzeptieren, was sie und andere nicht an Leib, Seele oder Eigentum schädigt. Da allerdings liegt der harte Kern des nicht akzeptierten kriminellen Verhaltens: die Konstante, die offenbar in allen menschlichen Gesellschaften überall und immer Bestand hat: Mitglieder der Gruppe, der man angehört, dürfen nicht – oder nur in absoluten Ausnahmesituationen – geschädigt, verletzt oder getötet werden. Eine wichtige Frage ist natürlich, wen wir zu unserer Gruppe zählen.

Hoffentlich betrachten sich in Zukunft immer mehr Menschen in erster Linie als gleichberechtigte Menschen unter Menschen. In einem solchen Idealzustand würden wir vielleicht gar kein kriminelles Verhalten mehr akzeptieren – weil es keines mehr gäbe. Niemand würde mehr glauben, auf kriminelle Methoden zurückgreifen zu müssen, um zum Ziel zu kommen. Denn da sind wir beim wichtigsten kriminellen Verhalten überhaupt, das wir akzeptieren: Unser eigenes.

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