Rezension

Weltbeben - Leben im Zeitalter der Überforderung

01.12.2016 - Dr. Burkhard Luber

"Der Test für die Politik ist nicht, wie etwas beginnt, sondern wie es endet" und “Jede Halteverbotszone wird heute strenger kontrolliert, als die Einhaltung der Stabilitätskriterien des Vertrages von Maastricht” oder “Der Bürger verweigert alles Vorgedachte und Vorgesetzte schon deshalb, weil es vorgedacht und vorgesetzt wurde” ...

 

 

Drei prägnante Zitat aus dem neuesten Buch von Gabor Steingart. Der Geschäftsführer der Verlagsgruppe Handelsblatt ist bekannt für seine spitze Feder. Jeden Tag versorgt er eine halbe Million LeserInnen mit seinem “Handelsblatt Morning Briefing”, wo er - oft in gut humorvollem Stil - seine Kommentare zum politischen und wirtschaftlichen Tagesgeschehen schreibt. Manchmal verfasst er auch ein Buch über aktuelle Themen. Sein neuestes, gut zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse platziert, hat die Botschaft im Titel: “Weltbeben”. Es geht also um die große neue Unübersichtlichkeit. Wie schon Hamlet wusste: Die Welt ist aus den Fugen und niemand da, der sie einrenken könnte. Natürlich maßt sich das auch Steingart nicht im umfassenden Sinne an. Aber erklären, wie alles auseinanderfällt, das möchte er schon. Er tut dies unter anderem mit folgenden Themen:

- Der Abstieg der USA 

- Die Spaltung Europas 

- Die Krise des Finanz-Kapitalismus 

- Die Renaissance des Populismus

Nur im letzten Kapitel des Buches, wandelt Steingart seinen analytischen Blick in eine perspektivische Sichtweise: wenn er zum Stichwort “Demokratie” vom “Kommenden Aufstand der Bürger spricht”.

 

Den Niedergang der USA zu prophezeien ist nichts Spektakuläres. Spektakulär ist eher, wie die USA solche gängigen Einschätzungen schon seit Jahrzehnten konsequent wegstecken. Wie oft ist das Ende der USA vorausgesagt worden, wie oft haben die USA aber stattdessen ihre Überlebensfähigkeit unter Beweis gestellt. Ja, Steingart hat recht, die USA machen so viel falsch in ihrer Außenpolitik, speziell im Nahen Osten. Und dennoch kommen sie immer wieder mit ihrem Irrsinn davon.  

 

Auch die “Spaltung Europas” ist ein vorherrschendes Thema geworden. Man staunt über die Unbarmherzigkeit von EU-Mitgliedsstaaten wie Polen und Ungarn gegenüber den armen syrischen Flüchtlingen, obwohl deren Einwohner in den 50er Jahren massenweise im Ausland Zuflucht und im Willkommen fanden, als sie von den kommunistischen Regimen bzw. dem sowjetischen Militär fliehen mussten. Oder man wundert sich - wie neulich - wenn ein arroganter Provinzfürst, dessen Region eigentlich nur für ihre prominenten Rüstungsexporte in den Nahen Osten und da speziell an die menschenverachtenden Saudis bekannt ist, und der seine Chance wittert endlich mal einen Punkt im ewigen innerbelgischen Parteiengezänk zu machen, die ganze EU in Geiselhaft nimmt. 

 

In den beiden Kapiteln Kapitalismus und Finanzmarkt kommt Steingart brillant in Fahrt. Kein Wunder, diese Themen sind für ihn als Handelsblatt-Chef die Nummer eins seiner Zeitung und damit auch dieses Buches. Hier tischt der Autor alles Einschlägige an Kapitalismuskritik auf: die Boni-Gier der Manager, der Abgas-Betrug in Großformat bei VW oder die irrsinnigen Verschuldungsraten in der Euro-Zone. Mit Recht konstatiert Steingart nicht nur die ständig steigende Kluft zwischen Arm und Reich, sondern auch die fatale Umverteilung zwischen Alt und Jung. Die nachfolgenden Generationen werden durch die gegenwärtige Schuldenpolitik dazu verdammt, hohe Wachstumsraten zur Bedienung dieser Billionenschulden zu erwirtschaften, was höchst unwahrscheinlich ist. Gelingt ihnen das nicht, wartet auf sie ein Leben in der Zinsknechtschaft.  

 

Die Diagnose ist klar: So wie bisher kann und darf es nicht weitergehen. Und was macht der Bürger in all dieser Überforderungen? Dieser Frage widmet sich Steingart im letzten Kapitel seines Buches mit der Überschrift “Demokratie.” Hier setzt Steingart auf das, was er “selbstbewusstes” Bürgertum nennt. Der selbstbewusste Bürger ist der, der sich allem verweigert, was ihm vorgedacht und vorgesetzt wird. Er hinterfragt alles und stemmt sich gegen den Frontalunterricht der traditionellen mainstream Medien.  

 

Damit stellt sich Steingart in das Lager der Zukunftsprognostiker, die statt kulturpessimistisch a la Harald Welzer oder Byung-Chul Han wie Don Quichottes gegen die Windmühlen der Digitalisierung zu kämpfen oder gleich zu resignieren, auf Internet 4.0 warten in der Hoffnung, dass die Verkrustung der politischen Kaste bröckelt und neue Partizipationsregelungen entstehen.  

 

Steingarts Buch liest sich flüssig, manchmal wird aber allzu zu rasch bon mot an bon mot gereiht. Immerhin ist ein Buch ja keine Sammlung von Handelsblatt Morning Briefings. Mit seinem flotten Stil versteht es der Autor aber, immer den Leser bei Laune zu halten. Dieser muss nicht einem wohl ausgefeilten Drehbuch folgen, sondern darf bequem und unterhaltsam durchaus quer durch die Kapitel lesen. 

 

 

Gabor Steingart: Weltbeben. Leben im Zeitalter der Überforderung. Albrecht Kraus Verlag. 2016. 233 Seiten. 16,99 Euro

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