Gesundheit

Wenn der Körper nein sagt

01.02.2021 - Dr. Gabor Maté

Kann ein Mensch buchstäblich an Einsamkeit sterben? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, Gefühle auszudrücken, und Alzheimer? Gibt es so etwas wie eine „Krebspersönlichkeit“?

Das Buch "Wenn der Körper nein sagt. Wie chronischer Stress krank macht – und was Sie dagegen tun können" von Dr. Gabor Maté stützt sich auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse und die jahrzehntelange Erfahrung des Autors als praktizierender Arzt. Das Buch gibt Antworten auf diese und andere wichtige Fragen zur Bedeutung der Leib-Seele-Einheit in Bezug auf Krankheit und Gesundheit sowie auf die Rolle, die Stress, Stressbewältigung und die individuelle emotionale Verfassung bei vielen häufig vorkommenden Krankheiten spielen. Im Folgenden ein Buchauszug:

Es ist immer heikel, die Möglichkeit anzusprechen, dass die Art und Weise, wie Menschen in ihrer Lebensführung konditioniert wurden, zu ihrer Krankheit beigetragen haben könnte. Die Verbindung zwischen Verhalten und Folgeerkrankungen liegen in Fällen wie Rauchen und Lungenkrebs auf der Hand, außer vielleicht für die Chefs der Tabakindustrie. Aber solche Verbindungen sind schwerer nachzuweisen, wenn es um Emotionen und das Auftreten von Multipler Sklerose, Brustkrebs oder Arthritis geht. Der Patient ist nicht nur krank, sondern fühlt sich auch noch schuldig, weil er der Mensch ist, der er ist. „Warum schreiben Sie dieses Buch?“, sagte eine 52-jährige Universitätsprofessorin, die wegen Brustkrebs behandelt wurde. Voller Wut sagte sie zu mir: „Meine Gene sind für meinen Krebs verantwortlich, nicht irgendetwas, was ich getan habe.“ „Krankheit und Tod als persönliches Versagen zu betrachten, ist eine besonders unglückliche Form, dem Opfer die Schuld zuzuweisen“, hieß es 1985 im Leitartikel des New England Journal of Medicine. „In einer Zeit, in der Patienten bereits die Last ihrer Krankheit zu tragen haben, sollten sie nicht noch stärker belastet werden, indem sie die Verantwortung für den Ausgang akzeptieren müssen.“

Wir werden zu dieser leidigen Frage der zugewiesenen Schuld noch zurückkehren. Hier möchte ich lediglich anmerken, dass Schuld und Versagen nicht das Thema sind. Solche Begriffe verschleiern nur das Bild. Wie wir sehen werden, ist die Zuweisung von Schuld an den Betroffenen – abgesehen davon, dass sie moralisch unsensibel ist – aus wissenschaftlicher Sicht völlig unbegründet.

In dem Leitartikel im New England Journal of Medicine hat man Schuld und Verantwortung verwechselt. Wir fürchten uns zwar alle vor einer Schuldzuweisung, würden uns aber wünschen, fähig zu sein, achtsamer mit den Umständen in unserem Leben umzugehen, als nur auf sie zu reagieren. In unserem eigenen Leben wollen wir das Sagen haben: Verantwortlich und in der Lage, authentische Entscheidungen zu fällen, wenn es um unser Leben geht. Ohne Achtsamkeit gibt es keine echte Verantwortung. Eine der Schwächen des medizinischen Ansatzes in der westlichen Welt liegt darin, dass wir den Arzt zur einzigen Autorität erhoben haben und der Patient allzu oft nur der Empfänger einer Behandlung oder eines Heilmittels ist. Die Menschen werden der Möglichkeit beraubt, echte Verantwortung zu übernehmen. Niemand von uns trägt Schuld, wenn er krank wird oder stirbt. Jeder von uns kann jederzeit krank werden, aber je mehr wir über uns selbst lernen können, desto weniger neigen wir dazu, zu passiven Opfern zu werden.

Die Verbindungen zwischen Körper und Geist müssen nicht nur für unser Verständnis von Krankheit, sondern auch für unser Verständnis von Gesundheit wahrgenommen werden. Dr. Robert Maunder von der Psychiatrischen Fakultät der University of Toronto hat über die Körper-Geist-Schnittstelle bei Krankheiten geschrieben. „Der Versuch, die Frage nach Stress zu erkennen und zu beantworten“, sagte er zu mir in einem Interview, „führt mit größerer Wahrscheinlichkeit zu einem gesunden Leben, als das Ignorieren dieser Frage.“ Wenn es um Heilung geht, kann jede noch so unwichtig erscheinende Information, jedes kleinste bisschen Wahrheit entscheidend sein. Wenn es eine Verbindung zwischen Emotionen und Physiologie gibt, beraubt man die Menschen eines wichtigen Werkzeugs, wenn man sie nicht darüber informiert.

Und an dieser Stelle sind wir mit der Unzulänglichkeit von Sprache konfrontiert. Selbst wenn man über Verbindungen zwischen Körper und Geist spricht, bedeutet das, dass zwei getrennte Einheiten in gewisser Weise miteinander verbunden werden. Im Leben gibt es eine solche Trennung jedoch nicht. Es gibt keinen Körper, der nicht Geist ist, keinen Geist, der nicht Körper ist. Der Begriff „Körpergeist“ wurde vorgeschlagen, um den realen Zustand zu vermitteln.

Selbst im Westen ist die Körper-Geist-Idee nicht völlig neu. In einem der Dialoge Platons zitiert Sokrates die Kritik eines thrakischen Arztes an seinen griechischen Kollegen: „Aus diesem Grund vermögen die Ärzte von Hellas viele Krankheiten nicht zu heilen, weil sie von dem Zusammenhang nichts wissen. Denn das ist der große Irrtum unserer Zeit, dass die Ärzte bei der Behandlung des menschlichen Körpers die Seele vom Körper trennen.“ Man kann den Geist und die Seele nicht losgelöst vom Körper sehen, sagte bereits Sokrates fast zweieinhalbtausend Jahre vor dem Aufkommen der Psychoneuroimmunoendokrinologie!



Dr. Gabor Maté, Wenn der Körper nein sagt: Wie chronischer Stress krank macht – und was Sie dagegen tun können. Unimedica im Narayana Verlag, 328 Seiten, erschienen Oktober 2020, 24,80 €

 

Der kanadische Arzt Dr. Gabor Maté ist ein ausgewiesener Experte zu den Themen Sucht, Stress und kindliche Entwicklung. Er arbeitete zwölf Jahre lang in Vancouver mit Patienten, die von Drogenabhängigkeit, psychischen Erkrankungen und HIV betroffen waren. Mit über 20 Jahren Erfahrung in der Allgemein- und Palliativmedizin und seiner umfassenden Forschung ist Dr. Maté ein gefragter Redner, der sich regelmäßig an Mitglieder des Gesundheitssystems, Pädagogen und Laien in ganz Nordamerika wendet. Für seine bahnbrechende medizinische Arbeit wurde er mit dem Order of Canada, der höchsten zivilen Auszeichnung seines Landes, ausgezeichnet.

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