Gedicht

Wenn meine Augen blau wären

01.12.2018 - Amira Zarari

Wenn meine Augen blau wären, wär ich anders,
wär kein Standard Art von Mensch,
gewandert durch die Welt 
von mir Bilder gestellt in Vitrinen
strahlend blaue Augen 
widerspiegeln,
doch das Meer,
sagt man, 
ich wär schöner,
in den Augen von Mensch und Kind,
gepilgerte Nomadin,
dunkle Haut und 
blaue Iris, man, wär ich besonders, 
wär ein blauäugiges Kindlein,
wär ich doch zuckkker süß
und schnuckelich würd ich scheinen
in Schatten stellen mein braunäugiges Brüderlein,
mann wär ich ein Wunder!
Wär ein „Omgggg, ist die süüüüß“
und "Hat der Vater etwa europäische Gene?"
Ja, so muss das wohl gewesen sein,
wär ein Misch-Masch Kind,
ein Afrika plus Europa Produkt,
H und M Babymodel taugliches Stück Schmuck,
mann wär ich ein hübsches Baby, 
wär doch so viel mehr als 
hier in 
eingeengtes, weil wir ja zu viert in einem Zimmer sind 
wär doch mehr als 
„Aber wo liegt denn Yemen und was ist Eritrea’’
gefragtes 6 jähriges, schüchterne, kaum redendes, grad noch lebendes 
für diese Dinge verdammt KLEINES Kind,
mann würds mir gut gehn,
wenn meine Augen blau wären,
wär kein Standard Art von Mensch,
gewandert durch die Welt,
von mir Bilder gestellt in Vitrinen
strahlend blaue Augen 
widerspiegeln, 
doch das Meer 
sagt man, 
und fragt man doch eher, 
nun sag’ wie hast du’s mit dem Wetter 
statt
mit der Religion,
denn nicht mal Faust konnte
trotz Juristerei, Medizin und Theologie 
diese Frage beantworten,
wie also ein 12 jähriges
gerade erst 
begreifendes
ihr Springseil mit sich schleifendes
Bruder Jakob pfeifendes
auf Sterne zeigendes
für diese Fragen 
verdammt JUNGES Mädchen, 
wenn meine Augen doch nur blau wären,
dann wär das kaputte deutsch meiner Eltern
ach so exotisch 
und all die Erlebnisse gar nicht mal so chaotisch, 
wir hätten Geschichten geschrieben mit
happy endings 
und auf der Wiese liegend Gänseblümchen-Ketten gebastelt, als gäbe es keinen Morgen, 
doch leider gab es einen,
weil meine Augen eben nicht blau war'n
und jeder Arztbesuch eine Qual war
jedes Ufff und Ohhh gegenüber meiner Mama, 
weil Papa, der das bessere deutsch spricht,
Schaffen war
und das 12 jährige Kind 
dann jedes Ufff und Ohhh erst gar nicht übersetzen 
muss, weil Mama schon verstand, 
die Freude schnell verschwand  
und jedes Augenrollen von den Behörden 
doch einfach nur Alltag ist 
und bei Mama eine Taubheit der Gefühle entsteht,
weil man eben alles in sich rein frisst, 
ach wären meine Augen doch blau, 
dann wär ich kein Standard Art von Mensch,
gewandert durch die Welt,
von mir Bilder gestellt in Vitrine,
strahlend blaue Augen 
widerspiegeln,
doch das Meer, 
sagt man,
und sagt man nicht auch, 
braune Augen seien gefährlich,
aber in der liebe ehrlich, 
Blaue Augen Himmelsstern, 
küssen und posieren gern,
Grüne Augen Froschnatur
von der Liebe keine Spur, 
von der Liebe keine Spur, 
in meinen Augen 
Dunkelheit 
Blind geworden, 
Trägheit,
Lider fallen langsam zu,
schlender’ durch die Welt im Nu, 
Nomadentochter, frag ich mich,
meine Augen blau,
verwunderlich,
sollt ich doch mal in Spiegel schau'n, 
ist das denn alles bloß ein Traum, 
also,
mache ich meine Augen auf,
meine Ohren spitz,
„Ja, hier her gehörst du nicht“
das hat man mir schon immer gesagt 
und wenn nicht,
dann hat man es mich eben spüren lassen, 
schiefe Blicke,
krumme Züge im Gesicht, 
Abstand halten 
und bloß nicht anfassen 
dieses mit 18 jahren
kopftuchtragendes
und auch 
ständig fragendes 
müde latschendes 
nie beklagendes
mit Freunden tratschendes 
für diese Anfeindungen 
verdammt NORMALES Mädchen,
denn sie hatte keine blaue Augen,
sie war eben nur sie selbst, 
doch jeden Schritt, den sie wagte, 
ließ andere zurück 
und jedes Türe öffnen 
verbat anderen die Tür zum Glück, 
jeder Wasserschluck 
ließ andere verdursten 
und jeder tragende Schmuck
machte den rest nur ärmer,
egal
was sie machte, 
sie konnte nur verlieren,
schließlich muss sie ja die anderen repräsentieren,
doch hätte sie blaue Augen, 
dann wär sie kein Standard Art von Mensch,
gewandert durch die welt,
von ihr Bilder gestellt in Vitrinen,
strahlend blaue Augen 
widerspiegeln,
doch das Meer,
sagt man, nicht das Meer ist unendlich 
und trifft es sich nicht irgendwo wieder, 
gibt es nicht süß und salzig,
kalt und warm, 
dunkel hell, 
türkis und blau
und es ist nicht tief 
und niedrig,
ist es nicht weit und nah 
mit Sand und Stein,
gewaltig ruhig 
still und laut
am Berg, am Land,
gewellt und glatt,
gestellt und platt, 
ich weiss doch, 
das Meer ist wundervoll,
deshalb 
widerspiegelt es uns doch alle. 

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