Kolumne

Wenn wir über Corona streiten

01.12.2020 - Nicolas Wolf

Wer soll zuerst geimpft werden? Eine gute Frage, die für Diskussionsstoff sorgt, wie so vieles, das mit der Corona-Pandemie zu tun hat. Und egal ob Laie, Experte oder politischer Entscheidungsträger: Jeder hat seine ganz eigene Sicht darauf, die oftmals den persönlichen und beruflichen Umständen entspringt. Da auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen ist nicht leicht; deshalb hier ein paar Anregungen und Gedanken, wie wir im Privaten wie in der Öffentlichkeit über Corona und alles, was damit zusammenhängt, diskutieren sollten.

Kürzlich hörte ich mir die Folge des Maischberger-Podcasts an, in der Gesundheitsminister Jens Spahn zu Gast war. Dabei ging es natürlich auch um die Corona-Pandemie und unter anderem um die Frage, wie denn ein Impfstoff, wenn er dann verfügbar ist, verteilt werden soll. Jens Spahn antwortete darauf, dass er den Empfehlungen des Ethikrates folgen würde. Das hört sich zunächst einmal nicht verkehrt an: ein Politiker, der auf den Rat anderer hört, in diesem Fall ein unabhängiges Gremium, das auch noch den Begriff „Ethik“ in sich trägt. Wenige Tage später wurde die Verteilung eines Impfstoffs  also wer diesen zuerst bekommen sollte  bei „Hart aber Fair“ diskutiert. Der altgediente FDP-ler Wolfgang Kubicki äußerte Gefallen an der Idee, als erstes Pflegepersonal, Ärzte und all jene, die sich am ehesten mit Covid-19 infizieren können, zu impfen, anstatt Risikogruppen durch ein Vakzin zu immunisieren. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erwiderte daraufhin, dass man da die „Rechnung ohne den Wirt“ machen würde. Denn manche Impfstoffe seien eher für Ältere geeignet; andere wiederum bei Menschen jüngeren Semesters sehr wirksam, was ebenfalls in der Frage, wer bei der Impfung Priorität haben sollte, zu berücksichtigen sei.

 

Alles eine Frage der Ethik?

„Das stimmt sicherlich alles“, wirft wiederum der Volkswirt in mir ein, „aber sollte es nicht Ziel sein, den Impfstoff so zu verteilen, dass wir möglichst viel an wirtschaftlicher und sozialer Aktivität wieder zulassen können?“ Und müssten wir uns dabei nicht zuletzt auch Gedanken um die geografische Verteilung machen? Warum zum Beispiel sollten Rentner im dünn besiedelten und relativ Corona-freien Nordfriesland im gleichen Maße berücksichtigt werden wie Senioren in Bayern oder Nordrhein-Westfalen, wo die Inzidenz deutlich höher liegt? Ich will diese Fragen hier nicht weiter erörtern. Und nur weil ich sie aufwerfe, bedeutet dies nicht, dass ich mit den zuvor erwähnten Äußerungen zum Thema „Wer soll zuerst geimpft werden?“ ein Problem hätte. Vielmehr soll dieser Einwand zweierlei Dinge verdeutlichen.

Erstens würde es der Debatte um die Impfstoffverteilung gut tun, wenn man sich im Klaren darüber wäre, was man eigentlich erreichen will. Geht es uns primär darum Risikogruppen schützen, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen oder möglichst viele individuelle Freiheiten zulassen? Oder in Wirtschaftssprech formuliert: Welche Zielfunktion versuchen wir zu maximieren?

Zweitens ist die Verteilung des Impfstoffes (wie so viele andere Fragestellungen in Sachen Covid-19 keine rein medizinische, virologische, epidemiologische, ethische oder wirtschaftliche  sondern all dies gleichzeitig. Aus diesem Grund wären die Verantwortlichen gut beraten, ihre Entscheidung bezüglich der Vakzin-Allokation auf all diese Dimensionen hin abzuklopfen.

Um dies vorweg zu schicken: Ich weiß nicht, welcher der richtige Ansatz ist. Aber ich muss gestehen, dass ich mit der Stirn gerunzelt habe, als Jens Spahn in besagtem Podcast konstatierte, dass er seine Entscheidung an der Empfehlung des Ethikrats ausrichten würde, denn aus meiner Sicht ist es keine rein ethische Frage, wer bei der Impfung den Vorzug erhalten sollte. Vielleicht verstehe ich auch etwas falsch, und hänge mich zu sehr an dem Wort „ethisch“ auf.  Aber: Ich habe mich auf der Website des Ethikrats umgesehen und bin dabei auf eine Veranstaltung inklusive Vorträgen und Podiumsdiskussion mit dem Titel „Wer zuerst? Verteilung von Impfstoffen gegen SARS-CoV-2“ gestoßen. Schaut man sich die Teilnehmerliste an, dann finden sich darunter ausschließlich „Ethiker“ (Bioethiker, Wissenschaftsethiker) sowie die Stellvertretende WHO-Generaldirektorin für Arzneimittel und Gesundheitsprodukte. Nichts läge mir ferner, als deren Kompetenz, Expertise oder guten Absichten anzuzweifeln. Aber kann eine solche Runde auch logistische, epidemiologische, virologische und wirtschaftliche Aspekte ausreichend würdigen? Und nicht zuletzt: Anhand welcher Kriterien würde denn der Ethikrat seine Empfehlung ausrichten und wer gibt diese vor?

 

Wenn Ökonomen blind vor Wachstum sind und Mediziner Trade-Offs ignorieren

Seit mehr als acht Monaten debattieren und streiten wir als Gesellschaft über den richtigen Umgang mit der Pandemie. Dass wir dabei nicht immer alle einer Meinung sind, kann ich verschmerzen. Es gibt dann allerdings doch ein paar Dinge, über die ich mich nach wie vor herrlich ereifern kann. Dazu zählt zum Beispiel, wenn Experten  welchen Faches sie auch immer sein mögen  das Kernanliegen ihres Wissenschaftsfeldes monolithisch als wichtigstes Ziel darstellen, dem alles andere unterzuordnen sei, und dabei so tun, als gäbe es keine „Trade-Offs“ zu bedenken, oder als wären diese vollkommen eindeutig quantifizier- und abwägbar. So habe ich wiederholt beobachtet, wie Ökonomen (vor allem jene mit libertären Gesinnungen) schnell dabei waren, sämtliche staatliche Maßnahmen pauschal als zu kostspielig und unverhältnismäßig abzutun, ohne dabei zu erwähnen, dass auch jene Länder mit eher laxen Corona-Auflagen (Schweden, Brasilien) mit starken Konjunktureinbrüchen zu kämpfen hatten. Eine Vielzahl derer, die die Welt primär durch die ökonomische Brille sehen, scheint geradezu blind gegenüber der Tatsache, dass es nicht nur allein die Kontaktbeschränkungen sind, die der Konjunktur schaden, sondern das Virus an sich und die Angst davor.  Der Epidemiologe hingegen blickt bang auf die Ergebnisse seines SIR-Modells, befürchtet Millionen von Corona-Toten und befürwortet daher strengste Corona-Maßnahmen, ohne viel Rücksichtnahme darauf, was dies an wirtschaftlichen, psychologischen und sozialen Kosten verursacht.

Ein weiteres Beispiel in dieser Hinsicht ist folgende Aussage, getätigt von der Virologin Sandra Cisek (bekannt aus dem NDR Corona-Podcast) in einem Interview mit dem Spiegel: „Für mich ist das individuelle Leben das größte Gut, das wir haben. Man darf nicht sagen, es sei egal, wenn so und so viel Prozent der Infizierten sterben, wir dürften der Wirtschaft nicht zu sehr schaden. Für mich zählt jedes einzelne Leben. Da bin ich sehr ärztlich-konservativ.“ Zweifelsohne: Ihre Prioritäten sind eindeutig und klar artikuliert. Aber wäre „jedes Leben zählt“ tatsächlich die Maxime im Umgang mit der Pandemie, dann hätte Deutschland seit März ununterbrochen im Lockdown sein müssen. Dies wäre allerdings mit Sicherheit ein Preis, den nur die allerwenigsten bereit zu zahlen wären. Die (zynische) Realität ist, dass wir als Gesellschaft in vielen Fällen zumindest indirekt die Gefährdung von Menschenleben in Kauf nehmen, zum Beispiel indem wir Alkoholkonsum zulassen und auf der Autobahn kein Tempolimit von 80 verhängen[1]. Ebenso maximieren wir nicht in jeder Angelegenheit wirtschaftlichen Output und setzen der persönlichen Freiheit permanent Grenzen. Von daher empfinde ich es als wenig hilfreich, wenn Experten, Wissenschaftler oder Meinungsmacher sich mit plakativen Maximalforderungen öffentlich zu Wort melden, wenn doch die Mehrheit intuitiv einen Ausgleich zwischen Freiheit, wirtschaftlicher Aktivität und dem Schutz von Menschenleben sucht.

 

Wenn es keine guten Alternativen gibt

Worauf ich hinaus möchte, ist Folgendes: Wir leben in einer komplexen Welt und die Probleme, denen wir als homo sapiens begegnen, sind oft dergestalt, dass es für sie keine guten Lösungen gibt  nur unbequeme, schlechte oder katastrophale. Die Covid-19-Pandemie ist genauso ein Problem. Was kann geöffnet bleiben, was muss schließen? Wie viel Kontakt mit anderen Haushalten soll gestattet werden? Wer wird als erstes geimpft? Wenn wir über solche Fragen diskutieren, ob öffentlich oder privat, dann sollten wir klar artikulieren, welche „Zielfunktion“ wir zu maximieren versuchen: möglichst viele Menschenleben retten, möglichst wenig wirtschaftlichen Schaden anrichten, möglichst weitgehend den Schulbetrieb fortsetzen? Dies würde Klarheit schaffen, was die eigene Wertehierarchie angeht.

Gleichzeitig sollte jeder anerkennen, dass wir es mit teilweise erheblichen Trade-Offs zu tun haben. Wir können nicht alles einem Ziel, koste es, was es wolle, unterordnen – so sehr es auch sein mag und so sehr unsere eigenen Umstände uns dazu veranlassen, es als das wichtigste schlechthin zu betrachten. Und all jene Experten, die öffentlich Empfehlungen aussprechen oder politische Entscheidungsträger beraten, sollten sich immer wieder ins Gewissen rufen, dass Covid-19 und der Umgang damit ein interdisziplinäres Problem ist, dessen Bewältigung unterschiedlicher Perspektiven bedarf. Umgekehrt sollten wir als Öffentlichkeit das Feld nicht ausschließlich Virologen und Epidemiologen, oder Ökonomen, Politologen und Philosophen überlassen, sondern sie alle zu Wort kommen lassen. Ich glaube, dass das im Großen und Ganzen auch ganz gut gelingt. Doch am Ende helfen Debattieren und Meinungsaustausch wenig, wenn es an der Umsetzung hapert. Die Bewältigung der Pandemie erfolgt schließlich nicht bei „Hart aber Fair“ oder Sandra Maischberger im Studio. Hoffen wir, dass wir es hinbekommen.

 


[1] Damit wir uns nicht falsch verstehen: Dies entbindet uns nicht von der Pflicht, Risikogruppen zu schützen. Auch würde ich mir wünschen, dass wir künftig mehr unternehmen werden, um die Zahl der Toten aufgrund von z.B. Grippe oder Luftverschmutzung zu reduzieren. 

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