Eine Frage des MILIEUs

"Wer ist Schuld am Erfolg der AfD?"

15.11.2018 - Michael Griesemer

Wissenschaftlich ist über andere Ursachen zu reden, als im Moment von Medien und bürgerlichen Parteien zeitgeistig behandelt werden. Dinge wie ein zunehmend radikalisiertes Armutsproletariat aus „Bildungsfernen“, das „Zerreißen des Mittelstands“ mit „abgehängten“ Protestwählern usw. sind sicher letzte Anlässe. Ursachen sind es nicht.

„Ursache“ ist eher eine psychologische Struktur, die wir in der Politischen Psychologie aus der Ursachenforschung nach dem 2. Weltkrieg die „9 Merkmale der Faschistoiden Persönlichkeit“ oder „F-Skala“ nennen – kurz: Wie ein Großteil der normalen Bürger in Krisenzeiten ideell und massenpsychologisch „tickt“. Dabei ist etwas Grundsätzliches festzustellen: Diese Merkmale haben mit dem Dualismus „rechts -  links“ aus der Ideologie des Kalten Kriegs nichts zu tun: Faschistoide Merkmale finden sich bei Anhängern rechter wie linker Parteien. Faschistoidie hat auch kein Geschlecht: Feministinnen können die betreffenden Merkmale genauso aufweisen wie Homosexuelle oder Patriarchen in der CSU. Dabei sind diese neun Merkmale der Forschung erschreckend banal und „bürgerlich“ - sodass man sie im bürgerlichen Deutschland in der Geschichtsaufarbeitung nie hören wollte.

Darüber hinaus wurde in der Forschung immer wieder festgestellt, dass diese neun faschistogenen Kernmerkmale im bürgerlichen Denken seltsamer Weise eine Angelegenheit des „christlich geprägten Kleinbürgertums“ sind. Wahrscheinlich ist das religiöse Wunschweltbild im Monotheismus die Hauptursache des Zusammenhangs: Eine als homogen gedachte Gesellschaft der Einigen im selben Glauben. „Rein“ und einig gehalten von einem - gleichsam Gott vertretenden - autoritären Führer.

Demnach zahlen wir mit dem „überraschenden“ Massenzulauf zur AfD die Zeche dafür, dass die tieferen Ursachen - mitten im Herz unseres Bürgertums schlummernd - politischerseits immer verdrängt wurden zugunsten billigerer Erklärungen, was „rechts“ sei: Hauptsache, man konnte von sich weg zeigen auf bizarre SS-Fahnenschwenker mit Hitlerbärtchen „da draußen“, am gesellschaftlichen „Rand“, oder auf „asoziale“ jugendliche Steineschmeißer mit Glatzköpfen und Springerstiefeln. Mit diesen abergläubischen Emblemen, woran man Faschistoide erkenne, übersah man folglich eine AfD. Man wählt sie – und kann sich dadurch selber nicht einmal als „rechts“ identifizieren.

Zwei weitere Ursachen sind anzufügen:

Die erste ist ein Paradox in der nationalen Geschichtsaufarbeitung der Deutschen, schon seit Gründung der Bundesrepublik, und von rechts bis links: Einerseits das „Wehret den Anfängen!“ auf den Lippen, wurde zugleich die monströse welthistorische Einzigartigkeit der deutschen Nazi-Versündigung 1933 – 1945 betont. Und einzigartig –  also unwiederholbar – habe es bitteschön auch zu bleiben! Wer in Deutschland daher irgendwelche warnenden Vergleiche zog zu auch nur kleineren Entwicklungen im Hier und Jetzt – der musste sich von Konservativen wie Linken reflexhaft als ideologischer Geschichtsmissbraucher oder überspannter „Übertreiber“ wie eine persona non grata behandeln lassen. Klar, dass man dann  („Wehret den Anfängen“) zu spät wahrnahm, was schon nicht mehr zu stoppen war.  

Auch die letzte „verborgene“ Ursache für den Hype der AfD mag in Deutschland kaum gefallen: Um 1990 fiel zeitgeschichtlich die Wiedervereinigung mit einer paternalismusgläubigen, durch SED autoritär  “abgesicherten“ Bevölkerung, zusammen mit dem Aufkommen von „privaten“ Sendern (gegenüber vorher nur ARD und ZDF), sowie mit einem verschärften Konkurrenzdruck der Printmedien durch die Freigabe des Internet mit seinen „sozialen Medien“. Zudem war bereits Ende der Achtziger für westdeutsche Wahlkämpfe die U.S.-amerikanische Wahlkampfstrategie seit Walter Mondale „governing through crime“ übernommen worden. Auf den Punkt gebracht: Das Schüren von Verbrechensängsten zur Gewinnung der Wahlbevölkerung. Alle etablierten Parteien überboten sich seither darin. Auch die Medien in ihrem mörderischen Konkurrenzdruck entdeckten das effektivste „Knüllerprinzip“ des Schlagzeilenmarkts und der Hauptsendezeiten im TV: crime sells.

In der Folge kommt man bis ins Jahr 2012 auf an die 20 Gruppen, die – auch und gerade von den Öffentlichen-Rechtlichen in Konkurrenz mit den Privaten - buchstäblich „wie die Sau durchs Dorf getrieben“ wurden: Im Schnitt aller halbes Jahr eine neue bürgerliche oder Außenseitergruppe - allabendlich, 20 Jahre lang: „Muslimterroristen“, notorisch „doch wieder rückfällig“ werdende „Kinderschänder“ und andere Skandalkriminelle jeder Art; die „Raucher“ in Kampagnen als rücksichtslose Gesundheitschädlinge des Bürgers, „schmarotzende“ Sozialhilfe-Empfänger (zu Zeiten der Hartz-IV - Kampagne Schröders); korrupte Banker bei der „Bankenkrise“, deutsche Sozialhilfe „verprassende“ Senioren im Florida als „unglaublicher Staatsskandal“, Volksvermögen verzockende Unternehmensmanager mit Millionen-Boni - usw. und so fort. Stets wurde der Bürger für diesen „Quotenreibach per Skandal“ implizit dabei mit dem Bild des zur Garausmachung der skandalisierten Missstände und Unholde untauglichen und „zu laschen“ Rechtsstaats geimpft. Das Urvertrauen des Bürgers, in einer funktionierenden Gemeinschaft zu leben, wurde so zerstört. Gegen Staat wie Nachbar wurde er paranoid. Vor allem aber wurde der Rechtsstaat regelrecht als verantwortungslos, ja als „korrupt“ und für einen Schutz des Bürgers als zu tolerant diffamiert. Als nun ab 2013 die AfD die Bühne betrat – war gerade dieses Thema des „laschen“, „zu toleranten“, gar „linksverseuchten“ Rechtsstaates, ihr Thema der ersten Stunde (neben zuviel EU-Internationalismus fürs nationalistisch gesinnte Gemüt): Mit dem sie auch erfolgreich Zulauf bekam. Mit diesem Thema des zu toleranten, Bürgerfeinde sogar korrupt schützenden Rechtsstaats wildert die AfD bis heute, und zwar am erfolgreichsten. Die Medien und etablierten Parteien ausgerechnet haben zwischen 1990 und 2012 also just die Eier selbst gelegt, von denen sie sich heute naserümpfend distanzieren.

 

 

Michael Griesemer ist ein deutscher Psychologe in freier Praxis. Sein Büro für Forensik, Prognostik und Entwicklungspsychologische Intervention, bietet unter anderem Diagnostik, Therapie- und Beratung und auch Begutachtung.

 

Foto: © Olaf Kosinsky / kosinsky.eu

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