Sprachkolumne

Wie Algorithmen und Bestätigungsfehler eine falsche Wirklichkeit erschaffen

01.03.2021 - Daniela Ribitsch

Algorithmen

Dank des Internets – und insbesondere der sozialen Medien – findet unsere Kommunikation heutzutage vielfach online statt. Unzählige Menschen informieren sich auch über das tägliche Geschehen online, was zugegebenermaßen überaus praktisch ist. Allerdings wird es durch die stetig zunehmende Quantität an digitaler Information immer schwieriger, zwischen zuverlässigen und unzuverlässigen Informationsquellen zu unterscheiden.

Google, Facebook, Instagram, Twitter, YouTube und andere solche Plattformen wollen Geld mit uns verdienen und verwenden daher Algorithmen. Ein Algorithmus ist, sehr vereinfacht ausgedrückt, eine Computerformel, die Ihr individuelles Internetverhalten beobachtet und dadurch lernt, was Sie gerne mögen. Ihren Präferenzen entsprechend macht Ihnen der Algorithmus Vorschläge zu Nachrichtenartikeln, Videos, Songs und Produkten. Je öfter Sie klicken, umso mehr Geld verdienen Sie für Google, Facebook, Instagram, Twitter & Co. Natürlich machen Algorithmen auch Fehler, doch sie lernen aus ihren Fehlern und werden dadurch immer besser beim Erraten der Dinge, die Ihnen gefallen.

Und genau da liegt das Problem: Um Ihnen so viele Klicks wie möglich zu entlocken, gestalten Algorithmen Ihre Google-, Facebook- oder Twitterseite genau nach Ihren Bedürfnissen. Das bedeutet, die Algorithmen erschaffen eine manipulierte Realität für jede Einzelne und jeden Einzelnen von uns, da sie uns individuell mit jenen Informationen füttern, die unsere Vorlieben und Sichtweisen widerspiegeln. Nehmen wir beispielsweise an, Sie glauben, die Erde sei eine Scheibe. Der Algorithmus wird Ihnen genug „Beweise“ liefern, dass die Erde tatsächlich flach ist. Oder wenn Ihr Nachbar nicht an den menschengemachten Klimawandel glaubt, wird der Algorithmus auch seine Meinung durch genug „Beweise“ wahr erscheinen lassen. Und wenn Ihre Nachbarin glaubt, COVID-19 sei absichtlich im Labor als Biowaffe gezüchtet worden, so wird auch sie mit genug „Beweisen“ versorgt werden, die ihre Meinung bestätigen.

Tragischerweise unterscheiden Algorithmen NICHT zwischen wahren und falschen Informationen. Das macht die Texte, Videos, Audios und Bilder im Internet so gefährlich. Wenn Sie von den Algorithmen unermüdlich mit Informationen gefüttert werden, die wieder und wieder Ihre Sichtweise bestätigen, wird diese Sichtweise – auch wenn sie falsch sein mag – allmählich zu Ihrer Wahrheit, und Sie bemerken dabei nicht einmal, dass Sie manipuliert werden.*

Was können Sie tun, um dieser Manipulation zu entkommen? Verwenden Sie eine Suchmaschine, die Ihr Suchverhalten weder aufzeichnet noch verfolgt und Ihnen auch keine personalisierten Vorschläge macht. Ich persönlich verwende die französische Suchmaschine Qwant. Ersetzen Sie weiters die sozialen Medien durch einen persönlicheren Kontakt mittels E-Mails, Briefen oder Telefonanrufen. Wenn das keine Option für Sie ist, schauen Sie bei Ihren App-Einstellungen rein und holen Sie sich wenigstens einen Teil Ihrer Privatsphäre zurück. Evaluieren Sie außerdem kritisch alle Videos und Posts, selbst wenn diese von Familienmitgliedern und FreundInnen an Sie weitergeleitet wurden, und leiten Sie diese nicht im ersten Impuls selbst weiter. Versuchen Sie stattdessen zu eruieren, wie zuverlässig die Quellen sind, und wenn Sie sich nicht sicher sind, verschicken Sie diese Videos und Posts NICHT an andere.

In unserer heutigen Welt ist Kompetenz im Umgang mit den digitalen Medien unverzichtbar geworden. Wenn Algorithmen uns vielleicht besser kennen als wir uns selbst und uns unbewusst manipulieren können, ist es äußerst wichtig, dass wir unsere Informationen kritisch zu evaluieren wissen. Informationen dürfen niemals zu dem Zweck erschaffen werden, unsere Vorurteile zu bestätigen. Ihre Aufgabe besteht einzig und allein darin, uns die Wahrheit über die Welt zu erzählen. Diese Wahrheit kann durchaus unangenehm sein. Doch können wir nur dann fundierte Entscheidungen treffen – und damit eine bessere Welt gestalten –, wenn die Informationen, die wir konsumieren, seriös und wahrheitsgetreu sind.

 

Bestätigungsfehler

Freilich ist es keineswegs leicht, den Algorithmen den Rücken zu kehren. Vielen von uns gefällt es schließlich, personalisierte Vorschläge zu bekommen und mit Informationen gefüttert zu werden, die die eigene Weltansicht bestätigen. Das liegt daran, dass wir von Natur aus zu sogenannten Bestätigungsfehlern (engl. confirmation bias) neigen. Wir alle erliegen diesen Fehlern Tag für Tag. Denken Sie beispielsweise an Situationen, in denen Sie mit einem Argument nach dem anderen für Ihren Standpunkt plädieren, Ihre GesprächspartnerInnen Ihnen aber die Wörter im Mund verdrehen und nicht wirklich hören, was Sie da eigentlich sagen. Ein frustrierendes Gefühl, nicht wahr? Fairerweise müssen wir jedoch hinzufügen, dass es bestimmt auch Menschen gibt, die das Gleiche von Ihnen denken: dass Sie ihren Argumenten nicht wirklich zuhören und sie absichtlich nicht verstehen wollen.

Um tagtäglich so reibungslos wie möglich zwischen Massen an Stimuli navigieren zu können, ergänzt unser Gehirn automatisch Informationen für uns. Wenn wir beispielsweise einen Text lesen, bemerken wir oft Tippfehler nicht, weil unser Gehirn die falsch geschriebenen Wörter automatisch für uns korrigiert. Manchmal passiert es auch, dass ein Kollege nach Dienstschluss „Dir auch“ sagt, obwohl Sie ihm gar keinen schönen Abend gewünscht haben. Doch wenn er nicht bewusst zuhört, ergänzt sein Gehirn, basierend auf Gewohnheit und Erfahrung, dass Sie ihm einen schönen Abend gewünscht haben.

Dieser automatische Ergänzungsmechanismus kommt auch ins Spiel, wenn wir mit anderen diskutieren oder Informationen online lesen. Unserer eigenen individuellen Weltansicht entsprechend pickt unser Gehirn aus all den gesprochenen und geschriebenen Informationen jene heraus, die unsere Perspektive bestätigen. Und wenn wir uns später an die Gespräche oder geschriebenen Texte erinnern, tendiert unser Gehirn wieder dazu, uns jene Informationen zu präsentieren, die unsere Weltansicht bestätigen.

Da wir durch solche Bestätigungsfehler nur Dinge, die unserer persönlichen Sichtweise dienen, wahrnehmen und in Erinnerung rufen, ist es nicht verwunderlich, dass andere Menschen uns nicht hören und dass wir sie auch nicht hören. Um Bestätigungsfehlern entgegenzuwirken, sollten wir also in Gesprächen bewusst die Entscheidung treffen, genau zuzuhören. Und wenn wir Informationen online konsumieren, sollten wir uns ebenso bewusst dafür entscheiden, außer den von uns gewohnten Plattformen auch Medien zu erkunden, deren Blickwinkel von dem unserem abweicht. Das heißt, wir müssen uns ganz bewusst dafür entscheiden, gesprochene und geschriebene Informationen, die unseren Ansichten widersprechen, aufmerksam wahrzunehmen. Das ist ein schwieriger, jedoch wichtiger Schritt. Nicht nur für unsere Beziehungen, sondern auch deshalb, weil wir nur dann als Person wachsen und eine bessere Welt gestalten können, wenn wir andere Perspektiven in unserem Leben zulassen.


*Um mehr über die Manipulationsmacht der von Google, Facebook, Twitter & Co. verwendeten Algorithmen zu erfahren, lege ich Ihnen den US-amerikanischen Dokumentarfilm The Social Dilemma (Das Dilemma mit den sozialen Medien) ans Herz, der seit 2020 auf Netflix verfügbar ist.

 


Daniela Ribitsch arbeitet als Germanistin am Lycoming College in Williamsport, Pennsylvania. Ihre Leidenschaft ist die Ökolinguistik, da sie ihre Liebe zur Natur und zur Sprache miteinander vereint. In ihren englischsprachigen bzw. deutschsprachigen Artikeln und Kolumnen spielen Natur, Sprache, Ethik und Diversität eine zentrale Rolle. Ihre Texte erscheinen sowohl in Pennsylvania und Vermont als auch in ihrer österreichischen Heimatstadt Graz. 

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