Bildung

Wie der Staat die Familien erzieht

01.05.2014 - Anke Fienbork

Das Wissen der Familien über die Erziehung der eigenen Kinder und die gemeinsame Ernährung wurde aus den Familien ausgelagert und an den Staat übergeben. Dieser traut den Eltern nicht mehr zu, für sich und ihre Kinder Verantwortung übernehmen zu können und fühlt sich somit verpflichtet, die Kinder in seiner Verantwortung auf das Leben vorzubereiten. Somit ist entschieden, dass sich über kurz oder lang das Wissen der Familien vollständig verflüchtigen wird.

Eltern, die gerne mehr Verantwortung in der Erziehung übernehmen würden, werden darin nicht bestärkt. Im Gegenteil. Das Betreuungsgeld wurde regelrecht verteufelt. Die Tatsache, dass Eltern aufgrund einer umfassenden dreijährigen Versorgung ihrer eigenen Kinder dieses Geld als Belohnung erhalten, wurde nahezu unterschlagen. Stattdessen wurden die Gegner nicht müde zu erklären, dass man den Eltern doch kein Geld für das Nichtnutzen einer staatlichen Einrichtung geben könne. Fakt ist, dass sich ohne das Betreuungsgeld nur diejenigen die gemeinsame Zeit mit den eigenen Kindern leisten können, die nicht auf das Geld angewiesen sind. Man kann verständlicherweise argumentieren, diese Betreuung geschehe aus Liebe, sei eine Selbstverständlichkeit und rechtfertige deswegen auch keine Bezahlung. Warum aber befürwortet der Staat dann die Ganztagesbetreuung der Kinder und die Vollzeitbeschäftigung deren Eltern als das Beste für beide Seiten? Das Beste für die Kinder ist doch die Liebe der Eltern. Sollte uns das tatsächlich nichts wert sein?

Der Staat achtet darauf, dass die Eltern trotz Doppelbelastung möglichst in vollzeitnaher Form arbeitsfähig bleiben. Bahnen sich etwaige Erschöpfungszustände an, dann wird ihnen schnell geholfen. Leider wird hierbei oft die Ursache mit der Wirkung verwechselt. Anstatt das Mittagessen mit den eigenen Kindern einnehmen zu können, muss mit Bio-Essen in der Kantine und Entspannungskursen am Arbeitsplatz gerechnet werden. Denn anders geht es ja leider nicht mehr. Mutti hat schließlich keine Zeit mehr zu kochen, die muss ja der Wirtschaft dienen. Auf der anderen Seite sorgt der Staat dafür, dass in seiner Verantwortung kein Kind zurückgelassen wird und im Bedarfsfall viele Möglichkeiten therapeutischer Unterstützung sofort verfügbar sind. Die Ergotherapie wartet schon mit dem Ziel, dass das Kind lernen soll, ein 'richtiges Kind' sein zu dürfen. Präventionsprojekte gegen jegliche Formen von Sucht warten ebenfalls auf Teilnehmer. Eigentlich müsste einem richtig warm ums Mutterherz werden, bei dieser Rundumbetreuung. Ist es nicht aber so, dass das 'Kind sein dürfen' das Weglassen von staatlicher Kontrolle beinhaltet und dass das Selbstbewusstsein der Kinder nicht gestärkt wird, wenn sie sich durch eine prophylaktische Therapie per se schon als suchtgefährdet empfinden? Soziale Kompetenzen lassen sich am effektivsten in Familien und durch Freunde erlernen. Ganz nebenbei und eben nicht als auswendig gelernte Verhaltensweisen in Krippe, Kindergarten und Schule. Soll das jetzt etwa die Alternative zur Familie sein? Nein, die Familie muss die Keimzelle der Gesellschaft bleiben, die sich vom Staat nicht zu sehr beeinflussen lässt. Oder ist der Staat etwa fähig die Kinder zu lieben?

Mit der früh beginnenden staatlichen Betreuung soll angeblich verhindert werden, dass die Kinder zu Hause von der Bildung ferngehalten werden. Dieser Gesichtspunkt ist in hohem Maße erklärungsbedürftig. Da ein Krippenkind offensichtlich andere Ansprüche an das Leben stellt als das dringende Bedürfnis nach Bildung, konzentrierten wir uns hier doch lieber auf den Ort, an dem Bildung stattfinden sollte, nämlich die Schule. Dass hier alle Kinder die gleichen Chancen haben sollen, ist absolut lobenswert, nur an der Durchführung hapert es leider. Wenn alle Kinder die gleichen Chancen haben sollen, warum ist es dann wichtig durch schulinterne Umfragen den Tatbestand zu erheben, wie viele Bücher in den unterschiedlichen Haushalten zu finden sind? Dadurch rückt man doch erst recht die Herkunft der Kinder weiter in den Fokus. Während der Schulzeit werden Eltern mit immer neuen Schulreformen konfrontiert. Ja, einige Stimmen fordern sogar ganze Bildungsrevolutionen. Anstatt sich darauf zu konzentrieren, Altbewährtes zu verbessern, ist der Ruf nach gebundenen Ganztagsschulen, Abschaffung der Noten, Lernen mit Freude und nach selbständigem offenen Lernen längst zu den Allheilmitteln aller Bildungssorgen mutiert. Kein Akademikerkind soll Vorteile gegenüber einem Nichtakademikerkind haben, denn die hätten ja Unterstützung, entweder durch eine Mutter, die es sich leisten kann, zu Hause zu sein oder durch bezahlte Nachhilfe. Das individuelle Unterrichten innerhalb einer Klasse führt aber leider dazu, dass Arbeitsblätter ausgeteilt werden, die selbständig oder in Gruppenarbeit bearbeitet werden müssen. Schüler, die sich nicht selbständig das Lesen und Rechtschreiben aneignen können, sind hierbei benachteiligt. Da sich dieser Nachteil auf alle anderen Fächer auswirkt, kann man von unterlassener Hilfeleistung der Lehrer sprechen. Ist es nicht so, dass man allen Eltern durch Ganztagsschulen und gewünschter Vollzeitbeschäftigung die Chance nimmt, diese unterlassene Hilfeleistung auszugleichen?

Das individuelle Lernen führt doch dazu, dass vielen Schülern eine allgemeine und einheitliche Basisbildung vorenthalten wird, auf die jeder Schüler gerade aufgrund seiner Unterschiedlichkeit einen Anspruch hat. Denn wer bestimmt das Lernniveau des Kindes? Ist die Gefahr einem Kind Bildung vorzuenthalten nicht viel größer, wenn der Lehrer aufgrund sogenannter Kompetenztests individuelle Lernpläne erstellen kann und damit letztendlich bestimmt, was der einzelne Schüler lernen darf? Bei dem ganzen Spaß, der nach den Reformen auf die Kinder einprasselt, sollte man eines nicht vergessen. Arbeiten und Schulnoten gehören zwar der Vergangenheit an, aber mithilfe von Kompetenztests werden regelmäßig die Lernmotivation und  Lernfortschritte der Schüler dokumentiert. Ein gut gemachter Frontalunterricht, bei dem der Lehrer seinen Schülern sein Wissen mit Leidenschaft vermittelt, bringt deutlich mehr Freiheiten mit sich. Mit Spaß lernen, tja, wer möchte das nicht, aber wie viel Spaß macht es den Schülern denn wirklich, wenn sie aufgrund vorenthaltener Bildung Förderkurse besuchen müssen? Wer traut sich dann noch öffentlich zu sagen, dass ihm die Schule keinen Spaß mache? Spaß als Gruppenzwang.

Ja, der Einzelkämpfer ist nicht mehr gefragt, mit Teamfähigkeit hingegen kann man punkten. Das steht somit im Gegensatz zu dem Wunsch, auf jedes Kind individuell eingehen zu wollen. Wie mag die Schule der Zukunft aussehen? Alle haben ein unterschiedliches Lernniveau. Schwimmen aber gedanklich alle in eine Richtung? Schließlich fangen wir jetzt schon an, Einstellungen und Meinungen der Schüler in der Schule zu bewerten. Kann man eine Einstellung überhaupt benoten? Nein, aber die Frage stellt sich dann gar nicht mehr, wenn die Schulnoten abgeschafft worden sind. Aber was passiert dann? Irgendwie müssen bei einem Bewerbungsgespräch die Unterschiede der Bewerber ja erkennbar gemacht werden. Also wird sich das Unternehmen neben den Hobbys, der politischen Einstellung und dem sozialen Engagement besonders die Persönlichkeit des Bewerbers betrachten. Die Unternehmen setzen selbstverständlich auf Persönlichkeitsmerkmale, die besonders erfolgsversprechend für sie sein werden. Somit fördern wir doch eine einheitliche Persönlichkeit unserer Kinder und was hat das noch mit Individualität zu tun?

 

 

 

 

Foto: © Ars Electronica Center

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