Psychologie

Wie die Eltern-Kind-Bindung durch das Handy gestört wird

01.09.2019 - Roland Kopp-Wichmann

Ich werde regelmäßig wütend, wenn ich eine Mutter (oder einen Vater) sehe, der beim Kinderwagenschieben fast ausschließlich auf sein Handy starrt. Am liebsten würde ich hingehen und sagen: „Ich bin Psychotherapeut und behandle viele Menschen, bei denen die frühe Eltern-Kind-Bindung gestört ist. Was Sie da gerade machen, trägt dazu bei, dass Ihr Kind später auch mal beim Therapeuten landet!“

Natürlich rede ich so nicht mit Eltern. Einmal, weil meine Behauptung eine schwer zu beweisende Drohung wäre. Zum anderen, weil ich annehme, dass ich nicht auf Neugier bei dem Elternteil stoßen würde („Echt jetzt? Wieso? Erklären Sie mir das mal bitte.“) sondern auf geharnischten Widerstand („Was geht Sie das an, was ich mit meinem Kind mache?“ … Gehen Sie mal lieber selbst zum Therapeuten!!“ …)

Aber ich weiß einfach viel über die Eltern-Kind-Bindung und die Wichtigkeit des Augenkontakts für die kindliche Entwicklung. Ein Kinderpsychiater sieht deshalb auch die zu frühe Verwendung von Buggys kritisch, wo das Kind nach vorne schaut anstatt in Richtung des Elternteils.

Kinderwagenschiebend dauernd auf’s Handy zu starren ist auch gefährlich, denn man kann schlecht sehen, ob aus der Garage nicht gerade ein Auto rausfährt oder ein Radlerrowdy auf dem Bürgersteig fährt.

Warum der Blickkontakt für die Eltern-Kind-Beziehung so wichtig ist

Von Astrid Friesen stammt diese überzeugende Metapher zum Einfühlen in das Erleben eines Babys:
 „Stellen Sie sich als Erwachsener einmal vor, sie würden flach auf einer Liege in Kniehöhe durch belebte Straßen geschoben: Auf der Höhe von hunderten von Beinen, von rasenden Autorädern, von Hundenasen, von bewegten Fahrradketten usw.

Meine Phantasie sagt: Das würde mir extreme Angst machen, mich verwirren, Hilflosigkeit und Einsamkeit provozieren. Zumal ohne ein vertrautes Gesicht zum Festhalten, welches Verlässlichkeit ausstrahlt in diesem Straßen- und Weltgewühl.“

Ein Säugling erlebt sich in den ersten Monaten ungetrennt von der primären Bezugsperson, traditionellerweise der Mutter. Die schrittweise Erkenntnis der Autonomie, also, dass es eigentlich getrennt von ihr existiert, löst erst einmal Angst aus. Wenn das Baby die Mutter nicht mehr sieht, wird es anhänglich und beginnt meist zu weinen.

Hier eine Szene, wie Kleinkinder auf die Trennung von der Mutter und wie sie auf den Kontakt zu einer fremden Person reagieren:

Das Kind hat die Mutter noch nicht als „inneres Objekt“ verinnerlicht und weiß deshalb nicht, ob sie wiederkommen wird. Erst über einen längeren Zeitraum kann das Kind lernen, dass die Trennung („Mama ist nicht da!“) nur vorübergehend ist („Mama ist nicht weg, auch wenn ich sie gerade nicht sehe.“)

Deshalb genügt in den ersten Monaten schon der Verlust des Blickkontaktes, um massive Angst auszulösen. Und wiederholt erlebte Trennungen von der Bezugsperson sind für jedes Kind Stress. Je wichtiger für das Kind eine Person ist, desto stärker ist die Angst. Denn Präsenz, Zugehörigkeit und Orientierung gehören zu den Grundbedürfnissen von Kindern.

Insofern macht es wohl einen Unterschied, ob ein Baby im Kinderwagen öfter das freundliche Gesicht von Mutter oder Vater sieht – oder einen angebissenen Apfel.

Das gilt auch für die Zeit des Stillens

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Frauen nach ihrem Handy greifen, während sie stillen. Doch das Checken von Instagram ist für den Aufbau einer sicheren Verbindung zwischen Mutter und Kind vermutlich nicht von Vorteil.

Gerade beim Stillen ist der Augenkontakt mit dem Kind besonders wichtig, denn die Sehdistanz des Kindes reicht nur von der Brust bis zum Gesicht der Mutter. Zudem versucht das Baby oft durch Geräusche oder Lächeln Kontakt mit der Mutter aufzunehmen. Schaut die Mutter dabei mehr auf ihr Handy als auf ihr Kind, bekommt sie vielleicht erst verzögert mit, ob es noch Hunger oder Probleme beim Schlucken hat.

Warum die frühen Lebensjahre für die Eltern-Kind-Bindung so entscheidend sind

„Von Geburt an hat der Mensch ein biologisches Bedürfnis nach Bindung. Bindung bedeutet ein lang anhaltendes emotionales Band zu ganz bestimmten Personen, die nicht beliebig austauschbar sind. Ihre Nähe und Unterstützung wird immer dann gesucht, wenn zum Beispiel Angst, Trauer oder Krankheit in einem Ausmaß erlebt werden, das nicht mehr selbstständig regulierbar ist.

Geht die primäre Bezugsperson, traditionell die Mutter, feinfühlig und verlässlich mit den Wünschen des Kindes um, so wird es Urvertrauen entwickeln. Die ersten 18 Monate entscheiden, ob das Kind im späteren Leben Beziehungsfähigkeit erlangt und seine Affekte angemessen regulieren kann.

Die Präferenz für das Gesicht der Mutter, das Antwortlächeln im dritten Monat und das Fremdeln im achten Monat sind wichtige Hinweise dafür, dass die Unterscheidungsfähigkeit schon gut entwickelt und das Bild der Mutter verinnerlicht ist. Die Exploration, das heißt das Erkundungsverhalten des Kleinkindes, erfolgt nur bei Anwesenheit der bekannten Bezugsperson, die als sichere Anlaufstation dient. Die ungestörte Entwicklung des Kindes in den ersten Lebensjahren basiert auf feiner Wahrnehmung kindlicher Bedürfnisse, intuitiver elterlicher Empathie und Affektresonanz.“ (Zitiert nach Jürgen Wettig im Ärzteblatt.)

Wie früh Kinder noch ohne Worte mit uns kommunizieren, sehen Sie hier: Kleine Kinder sind also auf das Interesse und die Aufmerksamkeit ihrer Eltern angewiesen. Einmal, um zu überleben aber auch für ihre soziale und emotionale Entwicklung. Aktuelle Forschungsstudien zeigen, welchen Schaden Eltern anrichten können, wenn sie zwar körperlich anwesend sind, aber geistig abgelenkt durch ihr Smartphone und deshalb auch weniger reaktionsbereit für ihr Kind.

Wie sich zu viel Handynutzung der Eltern negativ auswirken kann.

In einer Studie wurden Säuglinge und Kleinkinder im Alter von sieben Monaten bis zwei Jahren untersucht. Man wollte wissen, wie lebendig sie auf Kontakt reagierten, wie neugierig sie waren, wie sie auf eine Unterbrechung im Kontakt reagierten. Das Ergebnis: Wenn ihre Mütter ihre Handys benutzten, zeigten die Kinder mehr Ängste und erkundeten weniger ihre Umgebung.

Auch wenn die Mütter ihr Handy ausgeschaltet hatten, waren Sie quengliger und brauchten mehr Zeit, um die Unterbrechung zu verdauen. Die Forscher kamen zu dem Schluss: „Wie auch andere Formen des mütterlichen Rückzugs und oder mangelndes Einfühlungsvermögen kann die Nutzung mobiler Geräte negative Auswirkungen auf die sozial-emotionale Funktionsfähigkeit von Säuglingen und die Interaktion zwischen Eltern und Kindern haben.“

Wenn Kinder sich unwichtig fühlen, müssen sie um die Aufmerksamkeit der Eltern kämpfen


In einer großen internationalen Studie mit sechstausend acht- bis dreizehnjährigen Kindern gaben 32% an, sich „unwichtig“ zu fühlen, wenn ihre Eltern ihr Handy während der Mahlzeiten, Gespräche oder anderer Familienzeiten benutzen. Die Kinder berichteten, dass sie mit der Technik um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern konkurrierten. Über die Hälfte der Kinder in der Studie sagte, dass ihre Eltern zu viel Zeit mit ihren Telefonen verbringen.

Eine Kinderärztin und ihre Kollegen waren besorgt, dass Eltern zu oft ihr Mobiltelefon benutzen und dabei ihre Kinder ignorieren. Sie untersuchten in einer Studie, wie oft sich dieses Verhalten in Fast-Food-Restaurants zeigte. Viele Eltern zogen ihr Smartphone sofort raus, wenn Sie sich hinsetzten. Die meisten benutzten es auch während der Mahlzeit.

Diese Forscher fanden heraus: „Immer wieder sahen wir weniger Gespräche während des Smartphonegebrauchs der Eltern. Sie brauchten länger, um auf ihre Kinder zu reagieren, und es gab mehr Konflikte mit den Eltern, weil diese laut wurden und auf das Verhalten ihrer Kinder gereizt und ungeduldig reagierten. Sie schubsten die Kinder weg, wenn diese versuchten, die Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen.“

 
Was braucht es für eine stabile Eltern-Kind-Bindung?

Kinder entwickeln sich am besten, wenn sie konsistente, zuverlässige, fokussierte und liebevolle Aufmerksamkeit erhalten. Wenn Sie in Anwesenheit eines Kindes zu oft Ihr Smartphone benutzen, entziehen Sie ihm persönlichen Kontakt und Ihre Reaktionen.

Es geht nicht darum, dass Sie sich zu 100% von Ihrem Handy fernhalten, eher zu 90%. Es ist in Ordnung, eine dringende Nachricht zu beantworten oder einen kurzen Anruf zu tätigen, besonders wenn es sich um Ihr Kind handelt.

Es ist eigentlich wie bei allen Tätigkeiten, bei denen man Konzentration und Liebe zur Sache braucht:
- Bei einem Krisengespräch mit Ihrem Partner schauen Sie vermutlich auch nicht alle paar Minuten auf Ihr Handy.
- Wenn Sie eine Rede halten wohl auch nicht.
- Bei Ihrer Yogastunde oder Ihrer Meditation schalten Sie auch mögliche Störquellen aus.
- Wenn Sie einen wichtigen Text schreiben wollen, hängen Sie ein „Nicht stören“-Schild an die Tür.

Wenn Sie mit Ihrem Kind zusammen sind, seien sie mit ihm zusammen. Legen Sie das Handy, Tablet oder das Notebook  weg. Genießen Sie immer wieder diese kurzen Momente der Nähe. Ihr Kind braucht es – und Ihnen tut es vermutlich auch gut.

Warum machen Eltern das überhaupt?

Vermutlich greifen Väter und Mütter so oft zu ihrem Smartphone, um mit dem Stress im Umgang mit ihren Kindern fertig zu werden. Also um Langeweile oder den Frustrationen der Kindererziehung zu entkommen oder ihre eigenen Emotionen zu regulieren.

Wenn ich manchmal an einem Spielplatz vorbeikomme, sehe ich Eltern, die sich miteinander unterhalten. Aber öfter sehe ich Mütter und Väter, die auf ihr Smartphone starren. Oft kriegen Sie dann gar nicht mit, was ihr Kind derweil macht. Oder hören nicht, dass es ruft, weil sie über Kopfhörer telefonieren oder Musik hören.

Laut einer österreichischen Studie hat sich seit 2008 hat sich die Zahl der Unfälle auf Kinderspielplätzen verdoppelt, bei Kindern unter fünf Jahren sogar verdreifacht. Dass der Grund dafür auch die ständig präsenten Handys der Eltern sind, liegt nahe. Denn neun von zehn Eltern sind auf dem Spielplatz und haben ihr Kind nicht im Blick.

Für ein Kind kann das fatale Folgen haben.

Es wird vielleicht eine Weile versuchen, die Aufmerksamkeit des Erwachsenen zu gewinnen. Werden die Versuche aber selten belohnt, lernt das Kind, dass es sich nicht lohnt zu reden oder etwas zu wollen. Aber speziell für kleine Kinder sind diese vielfältigen Interaktionen mit einem Erwachsene die wichtigsten Situationen, durch die sie Sprache und Beziehung lernen.

Wenn wir mehr auf unser Handy schauen als auf das Kind, kann das Kind daraus unbewusst negative Schlüsse ziehen:

  -  „Du bist nicht sonderlich interessant, was da im Handy steht aber schon.“
  - „Ich muss mich um die wichtigen Dinge im Leben kümmern, und das bist nicht immer Du.“
  -  „Was auf Facebook steht, ist viel unterhaltsamer als Du.“
  - „Ich muss auf jedes „“Ping“ sofort reagieren, egal, was wir gerade machen.“

Natürlich können Kinder damit umgehen, wenn Störungen in der Interaktion auftreten. Sie gehen ja auch zur Tür, wenn der Postbote klingelt. Bei einer exzessiven Nutzung des Mobiltelefons sieht das anders aus, da dies zu immer häufigeren und größeren Störungen führt.
Hier 5 Tipps für eine bewusstere Handynutzung mit Ihrem Kind.

- Schalten Sie Ihr Telefon immer in den Ruhemodus, wenn Sie sich aktiv mit Ihrem Kind beschäftigen, z.B. während der Mahlzeiten.
- Vermeiden Sie die Verwendung von Ohrhörern, wenn Sie mit Ihrem Baby zusammen sind und am Telefon sprechen. Sie machen es dem Kind schwer zu verstehen, dass Sie gerade nicht mit ihm sprechen.
- Legen Sie Ihr Telefon in einen anderen Raum und stellen Sie Ihre eigenen Regeln auf, wie oft Sie es „überprüfen dürfen“.
- Besprechen Sie das Thema mit Ihrem Partner, damit Sie beide eine gemeinsame Einstellung zur Telefonnutzung haben, während Sie mit Ihrem Kind zusammen sind
- Machen Sie sich bewusst, wie viel Zeit Sie mit Ihrem Handy verbringen.

Es gibt Apps, die zeigen, wie lange Sie am Handy hängen, und das kann Sie für den Gebrauch sensibilisieren.

 
Mein Fazit

„Heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?“
Mit dieser Aufklärungskampagne will das Familienzentrum in Schleswig-Holstein junge Eltern wachrütteln. In Essener Kitas gibt es jetzt sogar ein Handy-Verbot für die bringenden und abholenden Eltern. Die Kinder sind davon begeistert!

Kritiker der oben zitierten Studien betonen, dass die untersuchten Fallzahlen viel zu gering seien und auch andere familiäre Gegebenheiten für die beobachteten Effekte verantwortlich sind. Hier ein Experiment, das für den mdr gemacht wurde, wie Kleinkinder reagieren, wenn Mütter am Smartphone hängen:

Wir leben ja in einer Zeit, wo wir sehr studiengläubig sind. Egal, ob es um den Klimawandel, Rauchen, Zuckerkonsum oder Bewegungsmangel geht. Wir wollen erst mal eine Studie sehen, die ‚“beweist“, dass das wirklich gefährlich ist. Und für jede Studie gibt es eine Gegenstudie, meist von der entsprechenden Lobby finanziert, die das Gegenteil „beweisen“ soll.

Oft würde es reichen, einfach den gesunden Menschenverstand oder das Bauchgefühl zu befragen.

Wir unterschätzen auch, wie süchtig uns Smartphones machen. Doch wir können kein Multitasking. Niemand kann sich auf mehrere Sachen gleichzeitig konzentrieren. Was bedeutet, dass beim häufigen Blick aufs Smartphone etwas wegfällt. Und das ist dann vielleicht eben auch Ihr Kind.

 

 

 

 

 

 

Der Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors aus seinem Blog entnommen.

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