Buchauszug

Wie ich lernte, die Welt zu verstehen

01.12.2019 - Hans Rosling und Fanny Härgestam

Für seine faktenbasierte Weltsicht war Hans Rosling international bekannt und berühmt. Vorlesungen vor Studierenden in Stockholm, Vorträge auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, Freundschaften wie mit Melinda und Bill Gates oder Gespräche mit dem Revolutionsführer Fidel Castro bestärkten ihn in seiner Botschaft: Wir müssen unser vermeintliches Wissen über den Zustand der Welt hinterfragen und uns den Fakten zuwenden – denn die Wirklichkeit ist oft viel besser als wir glauben. Im Folgenden handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch "Wie ich lernte, die Welt zu verstehen", im Ullstein Buchverlag erschienen, von Hans Rosling und Fanny Härgestam.

Ich war neunundzwanzig Jahre alt, hatte zwei Kinder und Krebs. Agneta und ich umarmten uns und weinten. Würde ich die Kinder aufwachsen sehen? Würde ich überleben? In mir vereinten sich das schwärzeste Chaos und die stärkste Liebe. Wenn sich das ganze Leben solchermaßen verändert, braucht man einen Plan. Was geschieht jetzt – und morgen? Darum kümmerte sich Agneta. Sie managte alles und trug mich durch die Tage, Wochen und Monate. Innerhalb einer Stunde organisierte sie unbezahlten Urlaub von ihrer Arbeit für die kommenden Monate. Sie vereinbarte mit ihrer Tante Eda, dass die ganze Familie auf deren Hof außerhalb von Uppsala wohnen durfte statt zu Hause in Hudiksvall. Sie erklärte den Kindern, dass wir nicht nach Afrika führen, sondern stattdessen bei Tante Eda wohnen würden, wo wir immer Weihnachten feierten. Wir beluden das Auto. Mir fiel die Aufgabe zu, mit den Kindern die Spielsachen einzupacken. Agneta hatte gerade erst den Führerschein gemacht und fuhr nicht gern Auto. Doch sie brachte uns dorthin. Es war ein Sonntag, und als wir nach Uppsala hineinfuhren, war ich ergriffen vom Anblick des Schlosses und des Doms. Hier war ich aufgewachsen, und ganz plötzlich wurde ich traurig. Agneta hielt an, und ich stieg aus, um mich zu beruhigen.

In der folgenden Woche begannen die Tests und die Bestrahlung. Es war die Hölle. Nachdem die Leberwerte Anomalitäten aufgewiesen hatten, wurden vermeintliche Metastasen in den Lymphknoten und in der Leber entdeckt. Die Lymphknoten konnte man bestrahlen, aber Metastasen in der Leber bedeuten den Tod innerhalb eines Jahres. Das ganze Leben kam zum Stillstand. Mosambik existierte nicht. Alles drehte sich nur ums  Überleben. Ich weinte tagelang, während Agneta sich um die Kinder kümmerte und mich tröstete. Die Krankheit führte dazu, dass ich gegenüber meiner Umgebung missgünstig wurde. Sie hatten ein schönes Leben, während ich selbst der Bote von Trauer und Elend war. Ich konnte nur im Garten in der Hollywoodschaukel liegen und Kommissar Maigret lesen. Meine Mutter kam damit nicht zurecht. Sie war zu traurig, als dass sie mir eine Stütze hätte sein können. Agnetas Tante Eda und deren Mann Per ignorierten meine Krankheit, was sehr angenehm war. Sie fragten mich nicht, wie es mir ging, sondern halfen uns einfach mit praktischen Dingen. Per, der Zweiter Hafenmeister in Sigtuna war, organisierte für uns ein kleines Segelboot. Das Haus war groß, und die ganze Familie fand in der oberen Etage Platz. Vom Hof aus war ich schnell in der Onkologie in Uppsala für meine Bestrahlungen. Mein Ziel war es, so lange zu leben, dass ich dabei sein konnte, wenn die Kinder eingeschult wurden. Einige Tage später saß ich auf meinem Bett in der oberen Etage von Edas Hof und schaute hinaus auf die Apfelbäume. Da fiel mir plötzlich etwas ein: Vor zehn Jahren hatte ein Arzt schon einmal zu mir gesagt, dass meine Leberwerte erhöht seien und ich meinen Alkoholkonsum einschränken solle. Das war merkwürdig, da ich überhaupt keinen Alkohol trank. Die Werte hätten damals beobachtet werden sollen, aber dazu war es nicht gekommen.

Die Patientenakte musste noch existieren, in der Infektiologie, wo ich gearbeitet hatte. Dort kannte ich außerdem die sehr kompetente Stationsschwester. Innerhalb einer Minute wusste ich, was zu tun war: die Notiz finden und mir die damaligen Laborergebnisse ansehen. Ich gebe nie auf, solange ich nicht völlige Klarheit habe. Viele finden deshalb meine Gegenwart schwer zu ertragen. Diesen Charakterzug hatte ich schon, als ich durch Europa trampte. Ich saß vor der Jugendherberge in Marseille, wo ich der jüngste der
Tramper war. Die anderen nannten mich »der Junge mit dem blauen Buch«, denn ich hatte immer den Europaatlas des schwedischen Automobilklubs Motormännens Riksförbund in der Hand. Der Atlas enthielt auch Fakten über europäische Städte, weshalb ich Aussagen, die jemand in meiner Umgebung machte, überprüfen und kommentieren konnte, wie: »Nein, du irrst dich, Prag ist viel älter, als du gesagt hast.« Meine ganze Forschung und die Lehrtätigkeit, der ich mein Leben gewidmet habe, beruhten darauf, herauszufinden, wie die Dinge wirklich sind. Ich fuhr zum Krankenhaus, und es dauerte eine Stunde, bis ich die Erlaubnis der Krankenschwester hatte und die Beschreibung, wo ich die handgeschriebene Patientenakte im Kellerarchiv finden könne. Wir legten die Akte im Archiv auf einen kleinen Tisch. Durch das Kellerfenster über uns fiel ein Lichtstrahl herein.

Ja, ich hatte die gleichen erhöhten Leberwerte schon vor zehn Jahren gehabt, also waren sie womöglich nicht auf den Krebs zurückzuführen. Jetzt konnte ich Hoffnung schöpfen, ohne gleich überschwänglich zu werden. Ich war immer noch ganz weit unten. Nun musste ich herausfinden, was Sache war. Eine Woche später hatte ich die Diagnose Chronische Hepatitis statt Leberkrebs – ein echter Lichtblick. Zwei Wochen später wurden auch die Lymphknoten noch einmal überprüft, und die Ergebnisse besagten, dass ich auch keine Lymphmetastasen hatte. Die zweite Serie an Bestrahlungen wurde abgebrochen. Es war sehr verwirrend – würde mein Leben noch einmal neu beginnen? Hatte ich keine Metastasen? Wir zogen wieder in unsere Wohnung in Hudiksvall. Ich ging jeden Monat zur Kontrolle, dann jeden zweiten Monat. Die Zeit verging, und der Krebs kam nicht wieder. Es fiel mir erstaunlich schwer, an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Viele Kollegen wussten nicht einmal, dass ich krank gewesen war. Im Aufzug begegnete ich einem Kollegen, der ausrief: »Du bist wieder zurück! Wie war es in Afrika?« Allen von meiner Krankheit zu erzählen – oder mich zu entscheiden, eben nichts zu erzählen – war aufreibend. Aber das Leben ging weiter, und die Motivation, nach Mosambik zu gehen, wurde wieder größer. Ein Jahr verging. Die Frage war, ob ich nach den Bestrahlungen gesund genug war und wie die neue Diagnose der Leberkrankheit meine Möglichkeiten, in Afrika zu arbeiten, beeinflusste. Agneta und ich führten darüber abends eingehende und innige Gespräche. Fahren wir, fahren wir nicht? Wie wollen wir leben? Wir wollten fahren. Wir spürten, dass uns das bestimmt war. Unser bisheriges Leben war die Vorbereitung darauf gewesen, die Reise durch Asien ebenso wie unsere Fortbildungen und unser Engagement für ARO. Falls ich nur noch ein paar Jahre zu leben hätte, wäre es da nicht besser, uns in dieser Zeit auf das zu konzentrieren, was wir wirklich wollten? Oder sollten wir lieber zu Hause bleiben und Zeit mit unseren Kindern verbringen? Unser Umfeld versuchte, uns von der Reise abzubringen. Doch der Entschluss reifte heran. Wir entschieden ganz allein: Wir fahren. Ein entscheidender Punkt war die Frage der Versicherung. Der Onkologe verweigerte mir die Unterschrift auf der Bescheinigung, die ich brauchte, um die notwendige Versicherung zu erhalten. Ich wurde an den Leiter der Infektiologie, Folke Nordbring, verwiesen, für den ich früher einmal gearbeitet hatte und dem ich nun einen Brief schrieb, in dem ich ihm die Situation schilderte. Als ich sein Büro betrat, wusste ich, dass sein Urteil über den Rest meines Berufslebens entscheiden würde. Doch ich vertraute Folke Nordbring und hatte ein gutes Gefühl dabei, dass gerade er die Beurteilung schreiben sollte.

»Setzen Sie sich doch bitte. Eine körperliche Untersuchung ist nicht notwendig, wir sprechen nur miteinander. Ich habe Ihre Patientenakte gelesen«, sagte er und legte seine rechte Hand auf den Papierstapel vor sich. Er fragte mich, welcher Art meine Arbeit in Mosambik sein würde und ob ich mich dabei Infektionsrisiken durch Nahrungsmittel, Wasser, Malaria oder Mücken aussetzen würde. In dieser Art fuhr er fort, und ich bejahte alle Fragen. Wäre ich medizinisch gut versorgt, falls ich krank würde? Gäbe es dort Ärzte, die mich behandeln könnten? Wie sähe es mit Labors aus? Auf diese Fragen antwortete ich mit Nein. Er nickte ruhig und ließ mich erzählen. Als ich mich reden hörte, dachte ich, dass das Ganze natürlich ein Ding der Unmöglichkeit sei. Er fragte mich, weshalb ich unter derartigen Bedingungen arbeiten wolle, und ich schilderte ihm, welchen riesigen Bedarf an Ärzten das erst kürzlich unabhängig gewordene Mosambik hatte. Ich erzählte, dass ich mich jahrelang vorbereitet hatte und meine Frau ebenfalls dort arbeiten würde, als Hebamme. Er betrachtete mich schweigend. »Ich sehe keinen Grund, warum Sie nicht fahren sollten. Ich werde alle erforderlichen Dokumente unterschreiben.« Viele Jahre später traf ich Folke Nordbring auf einer Konferenz über Antibiotika in Vietnam wieder. Als ich zu ihm ging, um ihm für die wichtige Entscheidung zu danken, rief er aus: »Wow, Sie leben.« Überrascht antwortete ich: »Natürlich lebe ich. Ich wollte Ihnen dafür danken, dass Sie mich nach der Bestrahlung gesund geschrieben haben. Dadurch konnte ich nach Mosambik gehen und danach die internationale Arbeit beginnen, mit der ich mich jetzt beschäftige.« »Ja, Hans, ich habe bescheinigt, dass Sie gesund waren, aber in Wahrheit habe ich sehr daran gezweifelt. Ich habe geglaubt, dass Sie schon bald an einer aggressiven Form von Krebs sterben
würden. Aber ich konnte in Ihren Augen sehen, dass Sie unbedingt fahren wollten, um die Arbeit zu tun, für die Sie und Ihre Frau sich vorbereitet hatten. Ich dachte mir, wenn er nur noch ein paar Jahre zu leben hat, warum soll er dann nicht das tun dürfen, was er so schrecklich gern will? Deshalb habe ich die unzutreffende Beurteilung geschrieben, mit der Sie nach Mosambik reisen konnten.« Diese Verantwortung hatte Folke Nordbring auf sich genommen. Am 23. Oktober 1979 gingen Agneta, Anna, Ola und ich
an Bord des Flugzeugs nach Maputo, der Hauptstadt von Mosambik.

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