Medien

Wie Schlagzeilen die Integration beeinflussen

15.06.2014 - Ali Yildrim

Am 02.06.2014 brachte das Berlin-Institut einen neuen Bericht „Zur Lage der Integration in Deutschland“ heraus. Die Studie wurde selbstverständlich im In- und Ausland genau gelesen. Jedes Medienorgan zog dabei seine eigene Hauptaussage aus dem Bericht und veröffentlichte entsprechend eine positive, neutrale oder eine eher negativ klingende Schlagzeile. Die Studie fällt jedoch insbesondere durch ihren unsensiblen Sprachgebrauch auf, der vor allem den Migranten hierzulande ein Dorn im Auge sein dürfte.

Die Schlagzeilen

Doch zunächst zu den Schlagzeilen der bekannten Print- und Onlinemedien. Sie alle lesen dieselbe Studie, treffen jedoch unterschiedliche Aussagen darüber.

Einen eher „einwanderungsunfreundlichen“ Ton wählen beispielsweise diese Medien:

Jeder 5. hat Migrationshintergrund (BILD)
Migration: Gekommen, um zu bleiben (ZDF heute)
15 Millionen haben Migrationshintergrund (Kölner StadtAnzeiger)

Die Schlagzeilen könnten Nicht-Migranten verschrecken. Der Titel eines Artikels ist von grosser Bedeutung, denn manche Leser überfliegen eine Zeitung nur.  Dem Leser wird so nicht auf Anhieb ersichtlich, dass von den 15 Millionen Migranten über die Hälfte hier geboren ist und sogar die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt.

Etwas neutraler berichten dagegen diese Medien:

Integration als Daueraufgabe (Der Westen)
Aufschwung erleichtert Integration in Deutschland (Zeit Online)
Besser integriert dank besserer Wirtschaftslage (Süddeutsche Zeitung)

Diese Schlagzeilen vermitteln zwar eine positive Stimmung, treten jedoch gleichzeitig auf die Euphoriebremse. Auch wenn der Bericht Positives zu vermelden hat, muss man die Erkenntnisse im rechten Licht zu sehen. Integration ist kein Prozess, der irgendwann abgeschlossen ist. Auch geben diese Schlagzeilen den Grund für die verbesserte Lage wieder. Es ist die wirtschaftliche und soziale Situation der Migranten, die ein positives Resumée ziehen lässt und nicht eine gelungene Integrationspolitik.

Eine positive Stimmung vermitteln dagegen diese Schlagzeilen:

Einwanderer sind besser qualifiziert als Deutsche  (Frankfurter Allgemeine)
Integration gelingt besser und bringt mehr Dynamik (RP Online)
„Mädchen sind Integrationsgewinner“ (Der Tagesspiegel)

Ob alle Einwanderer tatsächlich immer besser qualifiziert sind als Deutsche, sei dahingestellt. Es geht vielmehr um die Botschaft , die landesweit vermittelt wird. Es geht aufwärts! Der Bericht beweist aber genau das Gegenteil, womit Parteien wie beispielsweise die CSU Wahlwerbung machen. „Keine Einwanderung in deutsche Sozialsysteme“ heißt es aus Bayern. Dass dem nicht so ist, zeigt wieder einmal eine neutrale Studie.

Eine sensiblere Sprache führt zu mehr Integration

Mit der Wahl der Schlagzeilen kann eine positive oder aber auch eine negative Stimmung verbreitet werden. Dies gilt auch für die Wahl der Sprache innerhalb des restlichen Artikels.

Die Studie verwendet beispielsweise den Begriff „Einheimische“, um die Gruppe der Nicht-Migranten von den Migranten zu trennen. Das Wort „Einheimische“ gehört zur Wortfamilie mit Wörtern wie „heimisch sein“ oder „Heimat“. Vor dem Hintergrund, dass zu der Gruppe der 15 Millionen Migranten auch hierzulande geborene Zuwandererkinder gezählt werden, die Deutschland als ihre Heimat betrachten und wohl nie im Herkunftsland ihrer Eltern waren, sehe ich die Wahl dieses Wortes eher kritisch. Es schiebt einen Keil in die Integration, indem es diesen z.T. deutschen Bürgerinnen und Bürgern immer noch vor Augen hält, dass Deutschland ja gar nicht ihre Heimat ist.

Ein weiterer Aspekt, der dem Integrationsprozess nicht dienlich ist, ist das Herausgreifen einer ethnischen Gruppe, um ein Negativbeispiel zu statuieren. Wie so oft trifft es dabei die Türken. Sie erhalten sowohl im Bericht als auch in einigen Medienberichten eine Sonderstellung. Es wird darauf hingewiesen, dass sie oft schulisch hinterherhinken und nicht den akademischen Abschluss ihrer Eltern erreichen.

Deutschland braucht Fachkräfte. Das steht außer Frage. Deutschland braucht aber auch Elektriker, Krankenschwestern und Bäcker. Würden alle Migranten in diesem Land einen akademischen Abschluss erreichen, müsste Deutschland in einigen Jahren „gering qualifiziertes“ Personal anwerben. So wie es beispielsweise auf wohlhabenden Inseln wie Jersey der Fall ist, wo das „einheimische“ Volk nicht mehr im Einzelhandel arbeitet und Portugiesen und Polen diese Aufgabe übernehmen müssen.

Integration oder Assimilation?

Bleiben wir bei den Türken. Für sie ist die Unterscheidung zwischen Integration und Assimilation besonders wichtig. „Integration ja, Assimilation nein!“ heißt es immer wieder auf Veranstaltungen des Premierministers Erdogan.

Wenn ein Spiegel Online titelt: „Integration: Migranten werden Deutschen immer ähnlicher“, dann scheint man zwischen diesen beiden Begriffen nicht sonderlich zu trennen. Denn laut Duden ist die Angleichung (ein Ähnlich Werden) eines Volkes an ein anderes Volk eine Assimilation des einen in das andere.

Auch dies ist wiederum keine integrationsförderliche Sprachwahl. Zumindest aus Sicht der Türken.

Fazit

Deutsche Medien müssen sich ihrer Verantwortung im Integrationsprozess bewusst werden und eine Sprache wählen, die sensibel ist und für mehr positive Integrationsstimmung sorgt. Es ist an der Zeit, dass Medien einen „Integrationssprachkurs“ belegen, so wie es ihn beispielsweise in der Berichterstattung über behinderte Menschen gibt.

 

 

 

Foto: © Stefan Ritzer

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