Covid19

Wie viel Mensch braucht die Technik - Moderne Standards oder schwarze Null?

01.05.2020 - Goran Vidovic

Corona - Epidemie - Pandemie - social distance - Homeoffice - Ausgangs-beschränkungen - den Vorspann können wir uns inzwischen sparen. Aber was erfahren wir gerade über uns selbst und darüber wo wir derzeit als Gesellschaft und als Zivilisation stehen?

Wie nur selten in der Geschichte, zelebrieren uns die aktuellen Ereignisse einen asymmetrischen Wettlauf mit der Entwicklung. Im Kampf gegen die Verbreitung des Virus werden weltweit weder Kosten noch Mühen gescheut, um die Gefahr eines Kollaps des Gesundheitswesens zu verhindern. Die Methoden fallen dabei durchaus unterschiedlich aus. Neben der eigentlichen Epidemie, unterliegt jede Gesellschaft den eigenen Rahmenbedingungen; Status in der wirtschaftlichen, technologischen und wissenschaftlichen Entwicklung sind als Qualitätsmerkmale der medizinischen Versorgung kein Novum. Aber wie steht es um organisatorische Unterschiede, allen voran solche, die verfassungs- und bürgerrechtliche Spielräume betreffen?

Zum 23.03.2020 verabschiedete die Bundesregierung ein Maßnahmenpaket zu Ausgangsbeschränkungen für die Dauer von zunächst zwei Wochen. Neben einer sehr breiten Zustimmung in der bundesdeutschen Wahrnehmung, gibt es durchaus polarisierende Bewertungen dieser Vorkehrungen, die am besten mit "besser spät als nie" und "viel zu streng" zu betiteln sind. Ein Blick nach China macht deutlich, wie schnelle Entscheidungen die Implementierung einschneidender Maßnahmen ermöglichen und zum spürbaren Erfolg führen können. Die unvermeidlichen Aushandlungsprozesse in demokratisch strukturierten Gesellschaften stehen in dieser Krise sicherlich vor größeren Hürden als es in einer Autokratie denkbar wäre. Die exponentielle Ausbreitung des Virus erreicht eine höhere Geschwindigkeit als der Aushandlungsprozess einer parlamentarischen Demokratie. Und dennoch ziehen wir Aufklärung und Beratschlagung dem schnellen Handeln vor. Die gesamtgesellschaftliche Verantwortung kommt der Eigenverantwortung gleich. Keineswegs darf die Methodenfrage die Integrität hinterfragen. So wie die chinesische Regierung den Ausfall europäischer Solidarität in Italien und Spanien wettmachte, so macht sich auch die Bundesregierung mittels Transparenz und Debattierkultur frei von Konsequenzen einer Fehleinschätzung. Die Methodenfrage betrifft lediglich die Grundsatzdebatte. Und grundsätzlich erleben wir hierzulande, im Gegensatz zur gesamteuropäischen Ebene, ein hohes Maß an Demokratie, gesellschaftlichem Zusammenhalt und Solidarität. Die zu erwartenden Folgen für die Europäische Union hingegen sind angesichts der momentanen Entwicklung kaum zu überblicken. Der Glaube an einen institutionellen Fortbestand erfordert überdurchschnittlichen Optimismus. Es bleiben nur Einschätzungen auf nationalen Ebenen, so sehr wir eine globale Vernetzung und internationale Solidarität nicht aus den Augen verlieren dürfen. In Deutschland erleben wir einen bemerkenswerten Zusammenhalt. "Social distance" wird lediglich zu räumlicher Distanz, aber zu noch größerer sozialer Nähe. Menschen vernetzen sich im privaten wie im beruflichen Alltag mithilfe sämtlicher Medien, zu denen uns die Digitalisierung befähigt. Es wird deutlich, weshalb ein flächendeckendes Internet "an jeder Milchkanne" unverzichtbar geworden ist.

Es ist nicht lange her, dass uns Diskussionen alla "Wie viel Digitalisierung darf es sein?" oder "Werden wir zu Variablen in Algorithmen?" umgaben. Hochleistungsfähige digitale Technologie ist das neue Handwerkszeug. In der modernen Arbeitswelt von heute ersetzt Papyrus keinen Collegeblock, Kerzen keine Glühbirnen und Briefe keine elektronische Post. Die Kampfansage gegen das Coronavirus wäre ohne digitale Medien undenkbar, weder in der Kampagne, noch in der Umstellung der Arbeitswelt. Das stellenweise immer noch belächelte Homeoffice stößt in Anbetracht des organisatorischen Aufwandes, insbesondere für Familienmütter und -väter, auf geringe Wertschätzung und zeugt von unserem traditionellen Verständnis von erbrachter Arbeitsleistung, die nur von früh bis Nachmittag im Büro oder der Fabrik messbar ist. Der Rolle des Internets für eine inklusive Gesellschaft könnte kaum eine zu große Bedeutung beigemessen werden. Kinder, die derzeit keine Möglichkeit haben digitale Versorgungslücken zu kompensieren, sind von der Teilhabe an den zahlreichen Angeboten kreativer Lehrkräfte ausgeschlossen; spätestens jetzt wird die dauerhafte Lage von Kindern mit besonderen Bedarfen und erheblichen Mobilitätsbeeinträchtigungen, zumindest in Ansätzen, begreiflich. Dank digitaler Innovationen ist es möglich größtmögliche menschliche Nähe zu Menschen in höchstmöglicher räumlicher Entfernung zu halten. Letzteres machen Umstellungen in der sozialen Arbeit deutlich. In zigtausenden Beratungs- und Betreuungsprojekten gelingt es den Publikumsverkehr einzudämmen, ohne jemals den engmaschigen Kontakt zu Klient*innen zu verlieren. Ironischerweise verhelfen die neuen Kommunikationswege sogar zum tieferen Austausch und einer bedarfsgerechteren Handlungsstrategie.

Sicherlich wird der Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung beeinflusst. Gerade das noch zurecht heroisch gefeierte Personal im Einzelhandel könnte mitunter zuerst von einer Rationalisierungswelle betroffen sein. Das öffentliche Bewusstsein um Bedrohungen durch Epidemien und Einsparmöglichkeiten für global agierende Konzerne könnten nur einige Argumente für "Amazon go" oder vergleichbare Konzepte sein. Auf der anderen Seite erkennen wir die Unabdingbarkeit des heldenhaften Einsatzes von Pflegekräften, deren Situation einen Paradigmenwechsel überfällig macht, von hochmotivierten und engagierten Lehrerinnen und Lehrern, die längst bewiesen haben, dass nicht der Mensch eine Variable in Algorithmen ist, sondern digitale Medien modernes Werkzeug des Menschen sind. Corona wird vorbei sein. Aber zu hoffen bleibt, dass wir unsere Werteordnung gründlich überdenken und uns deutlich machen, was uns unsere Gesundheit, Bildung und soziale Fürsorge wert sind.

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