Eine Frage des MILIEUs

"Wie viele Freunde brauche ich?"

01.02.2015 - Dr. Wolfgang Krüger

Jeder von uns braucht einen besten Freund, zwei gute Freunde und zusätzlich ein soziales Dorf in Form alltäglicher Freundschaften. Diese konkrete Zahl mag Sie verwundern, aber wir sind immer auf einen besten Freund angewiesen, dem wir alles erzählen können, der uns versteht und der auch in schwierigen Zeiten zu uns hält.

„Wahre Freundschaft soll nicht wanken“ – heißt es in einem alten Volkslied. Freundschaften sind nicht so leidenschaftlich wie Liebesbeziehungen, man trifft den Freund nicht so oft wie den Partner. Aber wir wünschen uns Verlässlichkeit, der Freund soll uns beistehen und helfen – vor allem dann, wenn das Leben schwierig ist. Ein guter Freund trägt unsere Sorgen auf seinem Rücken – sagen die Indianer. Das erhoffen wir vom besten Freund.
 
Nun haben schon die alten Griechen die Frage gestellt: Was ist ein guter Freund? Sie unterschieden zwischen den Freundschaften für den gegenseitigen Nutzen, den Freundschaften zur Lust und den Freundschaften der Tugendhaften. Wir würden heute den letzten Typ als Herzensfreundschaften bezeichnen. Für sie trifft zu, dass eine große Nähe vorhanden ist; man berichtet dem Freund auch über Schwächen und Schwierigkeiten des Lebens. Dann ergibt sich eine innige emotionale Beziehung. Man denkt oft an den anderen, fühlt sich mit ihm verbunden. Der Philosoph Lichtenberg hat sogar gemeint, man habe nur eine gute Freundschaft, wenn man vom anderen träumt.
 
Die Freundschaftsvielfalt
 
Doch diesen besten Freund werde ich überfordern, wenn ich alles von ihm erwarte. Mit der tiefgründigen Freundin – die alles versteht – werde ich nicht unbedingt shoppen gehen können. Und für Fahrradtouren brauche ich sicher noch eine andere Freundin. Deshalb gilt bei Freundschaften das Prinzip der Vielfalt. Anders ausgedrückt: Ich brauche einen bunten Blumenstrauß an Freunden. Doch Freundschaften brauchen Vertrauen und Zeit. Deshalb haben wir im Allgemeinen nur  drei gute Freunde, denen wir alles berichten können, denen wir wirklich vertrauen. Die anderen Freundschaften sind eher Durchschnittsbeziehungen. Ihnen erzählt man nicht alles, hier besteht ein gewisser Abstand. Aber auch diese Beziehungen sind wichtig. Sie ergeben insgesamt ein soziales Dorf, das uns umgibt. Meist haben wir 20 oder 30 solcher Freunde, die wir auch zum Geburtstag einladen oder zu einem Grillabend. Es sind jene Menschen, von denen wir sagen würden: das sind meine Freunde.
 
Wir brauchen ein soziales Dorf
 
Ein solches soziales Dorf ist wichtig für unsere Lebensqualität. Wir brauchen feste Bindungen,  um uns sicher zu fühlen. Das Glück des Lebens besteht darin, Bindungen einzugehen sagte einmal die Schriftstellerin Christa Wolf. Freundschaften sind daher dermaßen wichtig, dass sie eine lebensverlängernde Bedeutung haben. Dies zeigte kürzlich eine australische Studie. Sie ergab, dass man mit guten Freunden 22% länger und auch gesünder leben würde. Allerdings sind Freundschaften nicht nur wichtig für die Gesundheit, sie sind auch der stärkste Schutz vor seelischen Erkrankungen. Eine zu große Einsamkeit ist die Grundlage aller seelischen Störungen. Deshalb plädiere ich immer dafür, dass wir uns mindestens zwei Stunden Zeit in der Woche für Freundschaften nehmen.
 
Gute Freundschaften werden für unser Leben immer wichtiger. In einer aktuellen Studie der Stiftung für Zukunftsfragen gaben 92% der Befragten an, enge Freunde seien für sie unerlässlich. Dies sind zehn Prozent mehr als noch vor 10 Jahren. Freundschaftliche Beziehungen sind inzwischen für uns wichtiger als familiäre. Denn wir suchen Beziehungen, die verbindlich sind, uns aber auch einen großen Freiheitsraum ermöglichen. In familiären Beziehungen ist dies kaum möglich. Dort bestehen immer Verpflichtungen, innere Abhängigkeiten und Erwartungen. Doch wenn die Freundschaften verlässlich sein sollen, müssten wir gerade in diesem Bereich kreativer werden. Warum schreiben wir nicht den guten Freunden Briefe, in denen wir ihnen mitteilen, was wir an ihnen schätzen? Warum kennen wir die Freunde oft so wenig, wenn wir sie im Erwachsenenalter treffen? Ihre Kindheit ist uns dann nicht vertraut und man könnte sich doch gegenseitig Fotoalben anschauen, um mehr über den Freund zu erfahren? Wir sollten also jene Kreativität, die wir in Partnerschaften kennen, auch für die Gestaltung der Freundschaften aufwenden.
 
Allerdings muss jeder von uns wissen: Die Basis meiner Freundschaftsfähigkeit ist jene Beziehung, die ich zu mir selbst habe. Ich muss selber mein bester Freund werden und mir folgende Fragen stellen: Kenne ich mich selbst? Habe ich einen Zugang zu meinen Gefühlen, Stärken und Schwächen? Stehe ich mir selbst auch in schwierigen Zeiten bei, so dass ich mein bester Freund bin? Kenne ich Stunden der Stille, in denen ich zu mir komme? Wenn ich in dieser Weise eine gute Beziehung mit mir selbst pflege, dann ist dies ein guter Resonanzboden, auf dem auch meine Freundschaften mit anderen gelingen.


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