Medienkritik

9 zentrale Maßnahmen gegen die AfD (I)

15.12.2018 - Michael Griesemer

Eine spezielle Verursachung der AfD durch die Medien 1990 – 2013 (Erscheinungsjahr der AfD) wurde bereits in einem Artikel hier in diesem Magazin hergeleitet („Wer hat Schuld am Erfolg der AfD?“, Nov. 2018). Wie auch die etablierten Parteien, nimmt sich der Verursachungsblock „Medien“ geschlossen von jeder eigenen Verursachungswirkung zur Rechtsradikalisierung aus. Der Effekt der folgenden neun Faktoren der Medien auf den Zulauf der AfD wird allerdings nicht enden, solange Medien und etablierte Parteien mit diesen Dingen allabendlich auch weiterhin so fortfahren.

Die Rolle der westlichen Medien, durch deren Brille wir notgedrungen die „Welt“ jenseits unserer persönlichen Beziehungen sehen, wird bis heute unterschätzt bei dem, was man angesichts von rund 20 % AfD-Wählerschaft inzwischen als „Rechtsradikalisierung“ der Bevölkerung bezeichnen könnte (die sie nicht wählenden Sympathisanten sind dabei nicht einmal mitgezählt).

Zur Definition: Der Begriff „Rechtsradikalisierung“ umschließt in diesem Vorwort den gerade in Deutschland verdrängten Zusammenhang zwischen „erzkonservativ“ (landläufig als „rechts“ bezeichnet) und radikaleren Versionen von „rechts“ (wie der AfD) bis zu den redewörtlichen Rechtsradikalen (Neonazis „Identitären“).

Damit ist bereits ein Zusammenhang zu einem Teil der Medien hergestellt; hier den sog. „konservativen“ Medien.

Bereits bis jetzt haben die Medien mit diesen Entwicklungen im Medienwesen für AfD und Rechtsradikale - unabsichtlich - ein schier unerschöpfliches Reservoir von den Rechtsstaat verachtenden bis ihn sogar hassenden Bürgern in der bürgerlichen Mitte geschaffen: Das von der AfD noch lange nicht abgefischt ist. Und wo man von nun an (nach „Schröders „Hartz-IV“ 2004, „Bankenkrise“ 2008 und Flüchtlingskrise 2016) nur über die nächsten Staats- oder materiellen Krisen abzuwarten braucht, aus welchem Fluss die nächsten Fische ins Netz rechtsgesinnter Abfischer schwimmen, die da im parteipolitischen Flussdelta „bürgerliche Mitte“ auf Fang sind.

So sehr die Medien übersehen, dass sie - formal - auch eine Massensuggestions-Instanz darstellen mit (oft unbeabsichtigten) Wirkungen auf Weltsicht und Stimmung in der Bevölkerung – so wenig besteht Hoffnung, dass die heutigen Medien wenigstens die verheerendsten Wirkungen a) selbstkritisch anerkennen und b) für sich alleine jeweils abstellen: Denn neben kommerziellen Verdienstinteressen an einem reißerischen Zersetzungsgeschäft, ist leider auch ein geradezu teuflischer Zwang zur Konkurrenzfähigkeit der Medien untereinander hier Realität geworden - im skandalistischen Emotionalisierungsgeschäft über alles und jeden: Aus dem es für sie vielleicht auch kein Entrinnen mehr gibt.

Es könnte also nur eine übergreifende Medienkommission empfohlen werden, einen streng kontrollativen und verbindlichen Pressecodex zu schaffen – tauglicher überhaupt als den bisherigen - um mit den unten genannten neun Punkten die eigenen Beiträge der Medien als „Öl ins Feuer“ für AfD-Sympathisantentum und rechtsradikalistische Entwicklungen in der Bevölkerung abzustellen. Eine „Lobbykratie“ allerdings, die wir in Deutschland geworden sind, kennt nun aber auch keine übergreifende Staatsverantwortung - über die Interessen der einzelnen Lobbies hinaus. Sogar, welche Ursachen heute für die von ihnen gehasste AfD jeweils marktschreierisch beschworen werden – sind nur jene, die der jeweiligen Lobby recht sind oder propagandistisch gegen ihre Gegner dienen. Selbst, wenn an den wirklichen Ursachen alle beteiligt wären.

Mit also nicht viel eigener Hoffnung, bevor man den Autor „blauäugig“ schimpft, sei also das folgende Maßnahmenprogramm aus 9 Punkten gegen „Öl ins Feuer“ durch Medien und Parteienlandschaft zugunsten rechter Entwicklungen im Land vorgestellt. Die Karawane mag dann unbekümmert weiter zu ihrem Schlachthof ziehen – ein „Aufklärer“ hat damit jedenfalls seine Pflicht und Schuldigkeit getan.


PRIMÄRE MAßNAHMEN

 

„Zentral“ im Titel meint: Wenn sich Medien aus Quotenkommerzgründen gerade an diese Punkte nicht halten, werden sie Teil des Spiels von Rechten, und sind auch w e i t e r h i n der breitest aufgestellte Stimmenbeschaffer der AfD in der Bevölkerung, ohne es zu registrieren. Nötig wäre inzwischen eine streng bindende übergreifende Medienvereinbarung:

1. Eine Medienberichterstattung, die durch die emotionalisierende „Skandalisierungstechnik“ zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch weiter mit Verbrechens- und Außenseiter-Skandalisierung beim Bürger die Bedrückung eines "zu laschen" oder „untauglichen“ Rechtstaates setzt, hätte auf breiter Medienfront künftig zu unterbleiben. Es ist "das" Öl ins Feuer. Denn letzteres ist das (1990-2012 von den M e d i e n in der Bevölkerung gesetzte!) Grundthema von AfD und Rechtsradikalen heute.

2. Korrektur von Fehlberichterstattung, was man unter „Rechtstaat“ versteht: Es gibt in den letzten Jahren eine immer mehr um sich greifende Begriffsdegeneration (z.B. auch von CDU-Leuten ab der 3. Nachkriegsgeneration wie Friedrich Merz): Der Gebrauch des Begriffs „Rechtstaat“ im Sinn von autoritärstaatlichem "starkem Law-and-Order"-Staat (z.B. gegen "Flüchtlings-Tohuwabohu").

Stattdessen hat der Begriff wieder in der Bedeutung dargestellt zu werden, die „Rechtstaat“ eigentlich hat: Als Errungenschaft der Aufklärung des 18. Jahrhunderts und zuletzt der Erfahrungen Europas mit der Nazi-Zeit: Der „Rechtstaat“ ist definiert in seiner vorrangigen Schutzfunktion des Individuums sowohl vor autoritätsstaatlicher Rechtswillkür, als auch vor den Archaismen der Volkswut im Recht. Das macht gerade seinen hohen und stets bedrohten Zivilisationsgrad aus: Mit Aspekten wie Beschuldigten,- Angeklagten- und Minderheitenschutz, sowie seinen anderen menschenrechtlichen und demokratischen Schutzfunktionen (wie etwa den Schutz vor Vorverurteilungen; vor Kollektiv- („Flüchtlinge“) bzw. Sippenhaftung; oder vor Justiz erneut als „Volksgerichtshof“, in dem wie unter Hitler's Richter Freisler der Volkshass Recht spricht (Nazi-Terminologie „das gesunde Volksempfinden“); oder auch das Prinzip der individuellen Schuldzumessung). (1)

3. Elementar scheint mir auch, dass Medien im Moment die Bevölkerung vorrangig darüber aufklären, dass die freiheitlichen „europäischen Werte“ eben n i c h t (in der Version der AfD) auf das "christliche Abendland" zurückgehen, wenn bspw. gegen Ausländer, Flüchtlinge oder Muslime polemisiert wird - sondern gerade auf das Gegenteil: Auf 700 Jahre kirchenkritische Bewegung. (Sog. Humanismus ab ca. 1300; Epoche der sog. Aufklärung 17.-19. Jahrhundert). Denn mit dieser Falschdarstellung fängt die AfD zur Zeit die meisten Schwachköpfe in der Bevölkerung – auch gegen vorgebliche gottlose "Linke“, zu der sie damit jede Kritikerschaft erklären.

4. Zurückhaltung beim Thema „Sexualtäter“ (insb. „Kinderschänder“): Hier muss konkret auf das Merkmal 9 der Nachkriegsforschung zu den „9 Merkmalen der Faschistoiden Persönlichkeit“ hingewiesen werden: „Sexuelle Überokkupiertheit“ (z.B. Adorno, 1950; mit u.a. sexueller Hysterisierbarkeit, sexueller Reduktion von Menschen, und sexueller Verferkelung von Außenseitern aller Art). Sowie auf den Punkt, dass speziell das Thema „Sittlichkeitsdelinquenten an Kindern“ in der Nachriegsforschung 1945 – 1950 die allerhöchste Trennschärfe unter 80 Fragen in der damaligen F-Skala hatte bei der Unterscheidung der Einstellungen von „Nazis“ und „Nichtnazis“. Sodass das Thema „Kinderschänder“ als emotionalster Punktemacher in der Gesellschaft heute immerhin ja auch auf keiner AfD- oder Nazi-Kundgebung fehlt.

Ein anderes Beispiel ist das Szenario „Massenvergewaltigung durch Muslime zum Sylvester Köln“: Dieses vorgebliche sexuelle Ereignis hat wie kaum etwas anderes bis heute den gesamtgesellschaftlichen Umschwung von „Willkommenskultur“ ins „Ausländer raus“ bewirkt (selbst bei Frauen, Intellektuellen und Linken). (2)

Fortsetzung folgt...

 

(1) Das ist auch bei den Medien ziemlich aus dem Ruder gelaufen, wenn man nicht nur bei Politikern wie Friedrich Merz - und AfD - als Psychologe einmal den sog. „semantischen Raum“ studiert, wann das Wort „Rechtstaat“ in der Sprache der Medien neuerdings assoziiert wird, und in welchen funktionellen Kontexten man das Wort inzwischen in den Mund nimmt: Dass der "Rechtstaat" beim Bürger heute nicht mehr in seiner wirklichen Grundbedeutung als ein hohes Gut besetzt ist - außer eben für einen autoritären "Hau Drauf - Staat", in dem Recht etwa vor allem gegen jemand „durchzusetzen“ ist.

(2) So sehr es sich später auch als Fake eines einschlägigen rechten Kölner Internet-Netzwerks in der Sylvesternacht erwiesen hat, das morgens von den Massenmedien wie auch der Kölner Polizei nach dem Schichtwechsel dann schockiert übernommen worden war (Nachweis z.B. Deutschlandfunk: "Making of Apokalypse 2.0"). Circa sieben Wochen vorher hatte sich das ZDF noch eigens über den neuen – typisch faschistoiden – Einfall Höckes auf dem Erfurter Domplatz lustig gemacht, erstmals für die AfD das Bild von massenhaften Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Ausländer zu zeichnen – bevor das ZDF bei „Köln“ prompt ins nämliche Horn stieß. Da die multimediale Fehlberichterstattung über Köln aber später auch nicht mehr vom selben Pressewald korrigiert wurde, ist – ultimativ prägend in diese Richtung – die Kölner „Flüchtlings-Orgie an deutschen Frauen“ auch heute noch jedem Bürger wie ein real so stattgefundenes historisches „Echt-Ereignis“ im Kopf. Noch Monate später haben feministische Magazine, Polizei und selbst ARD-Reportagen z.B. mit einem öffentlich ausgeschriebenen „Fahndungsfoto“ vom Kölner Domplatz gearbeitet - das in Wirklichkeit ein Foto von einem Massentumult auf dem Tahrir-Platz in Kairo war, und vom Kölner rechten Netzwerk zur „Dokumentation“ für ihren Fake um „vergewaltigende Flüchtlinge“ in der Sylvesternacht ins Netz gestellt worden war.

 

Michael Griesemer ist ein deutscher Psychologe in freier Praxis. Sein Büro für Forensik, Prognostik und Entwicklungspsychologische Intervention, bietet unter anderem Diagnostik, Therapie- und Beratung und auch Begutachtung.

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen