Ex-Scientology-Chef im Interview

Wilfried Handl: "Das ist keine Religion, sondern ein Produkt"

15.05.2014 - Walid Malik

28 Jahre war er Mitglied bei Scientology. Als ihn eine schwere Krankheit als "Clear" auf der höchsten Daseinsebene traf, kamen Zweifel auf. 2002 gelang ihm der Ausstieg. Nun zählt er zu den schärfsten Kritikern der Organisation. DAS MILIEU sprach mit Wilfried Handl über die Ideologie von Scientology, ihre Attraktivität, die finanziellen Belastungen ihrer Mitglieder und über seinen persönlichen Kampf gegen die Organisation.

DAS MILIEU: Herr Handl, meine erste Begegnung mit Scientology hatte ich vor langer Zeit auf www.humanrights.com. Grafisch hoch attraktiv und mit Verweisen zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen zog mich die Kampagne als jungen Menschenrechtler in einen Bann der Faszination und Motivation - bis ich durch tiefgründige Recherchen entdeckte, dass eine als Sekte bezeichnete Bewegung dahintersteckt. Andere hatten dagegen sicherlich nicht das Glück. War das eine erfolgreiche Indoktrination?

Handl: Vor allem Gruppierungen, bei denen es augenscheinlich angeblich um Menschenrechte geht, stellen die aggressivsten Tarnorganisationen von Scientology dar. Dem Betrachter fällt dabei nicht zwangsläufig auf, dass Scientology dahinter steht. Man sieht professionell gemachte Videos, liest  das Angebot, dass Vorträge in Schulen usw. gehalten werden können – alles kreist scheinbar um das Thema Human Rights. Ich habe mich in meinem Blog im Vorjahr mit den verdeckten Aktionen von Scientology auseinandergesetzt und dass es nicht leicht ist, diese zu durchschauen.

Es geht aber nicht nur um das Thema Menschenrechte, sondern Scientology versucht auch über Den Weg zum Glücklich sein (The Way to Happiness) – gleichnamige Broschüren werden verteilt – oder Sag Nein zu Drogen zu reüssieren und an interessierte Menschen heranzukommen.

Um Ihre Frage direkt zu beantworten: Wenn jemand über das Thema Menschenrechte letzlich bei Scientology landet, war dies erfolgreiche Indoktrination. Wobei die Organisation Scientology an sich – um es gelinde auszudrücken – ein extrem “gestörtes“ Verhältnis zu Human Rights hat.
    
DAS MILIEU: Unter welchen Bedingungen scheinen Menschen vermehrt anfällig für die Angebote von Scientology zu sein?

Handl: So etwas wie einen „Kandidaten“ gibt es nicht. Man muss sich das eher so vorstellen, dass jeder Mensch in seinem Leben Momente erlebt, in denen er verunsichert, vielleicht traurig oder niedergeschlagen ist. In solchen Momenten ist fast jeder von uns „erreichbar“. Wenn in diesem Zeitraum eine andere Person da ist, die einem Scientology als Lösung empfiehlt, kann derart ein erster Kontakt entstehen.

Die meisten Mitglieder von Scientology werden durch einen Freund, Arbeitskollegen usw. „gebracht“ – und in der Folge auch betreut. Wenn jemand über eine Menschenrechtsbewegung indirekt in Kontakt kommt, ersetzt diese einen Freund – Devise: Die tun etwas für Menschenrechte, also kann es nichts schlecht sein.

Dabei darf man auch nicht außer Acht lassen, dass Scientologen – ob offen oder verdeckt agierend – nicht unsympathisch sind und diese scheinbare Offenheit zumeist als angenehm empfunden wird. Anders ausgedrückt: Die Entscheidung, sich mit Scientology auseinanderzusetzen, wird eher aus dem Bauch heraus und nicht mit dem Kopf gefällt.   

DAS MILIEU: In den Medien wird oft berichtet, vor allem Hollywood Stars und VIPs seien Jünger von Scientology. Stehen für Stars wie Tom Cruise und Will Smith wirklich Lehre und Gemeinschaft der Bewegung im Vordergrund oder sind es Elite-Denken und Prestige wie bei John Travolta, die dazu motivieren, finanziell und öffentlich für jene Lehre einzutreten?

Handl: Von außen betrachtet könnte man das so sehen. Ich habe eine andere Erklärung: Fast alle mir bekannten Scientology-VIPs kamen ihrerseits durch einen Freund in Kontakt mit Scientology oder befanden sich gerade in einer Schwächephase. Bei Tom Cruise war es seine damalige Ehefrau Mimi Rogers, die Scientologin war, John Travolta hatte ein Karrieretief, Will Smith ist ein enger Freund von Tom Cruise usw.

Man darf dabei nicht vergessen, dass diese VIPs im Großen und Ganzen Menschen wie du und ich sind – mit den gleichen Problemen und Schwächen. Daher unterscheidet sich deren Anwerbung nicht wirklich von anderen.

Dass Scientology diese dann als Werbeträger benutzt, liegt auf der Hand. Am Beginn meiner Scientology-„Karriere“ (1974) waren es der Jazzmusiker Chick Corea und John Travolta, die meine Entscheidung bestätigten. Für Scientology geworben wurde ich übrigens von meiner damaligen Freundin.

DAS MILIEU: Es wird sehr oft der Vorwurf erhoben, dass Scientology eine teure Angelegenheit sei - wie finanziert sich die Organisation und was kommt auf die Mitglieder zu?

Handl: Der amerikanische Blogger Tony Ortega hat die groben Kosten erhoben, die anfallen, wenn man die sogenannte „Brücke zu Freiheit“ von Scientology beschreitet: 388.805,50 Dollar. Mit Nebenkosten, „Spenden“ usw. kommt man locker auf das Doppelte.

Die Haupteinnahmequellen von Scientology sind aber die Spenden, z.B. in der International Association of Scientologists (IAS), wo für einen „Ehrenstatus“ auch schon einmal 10 Millionen Dollar und mehr von einer Person aufgebracht wird. Die Einnahmen für Kurse und das sogenannte „Auditing“ decken nur den jeweiligen Aufwand, wie Miete usw.

DAS MILIEU: Wie steht Scientology zu anderen Religionsgemeinschaften, wenn sie sich einerseits als überkonfessionell, andererseits auch als klare Opposition zu grundlegenden monotheistischen Inhalten der Weltreligionen sieht?

Handl: Unabhängig der Tatsache, dass Scientology weder eine Kirche noch eine Religion ist, ist es eine weitere Mogelpackung von Scientology, wenn sie sich als überkonfessionell darstellt.

L. Ron Hubbard, der Gründer von Scientology, stellte 1954 fest: „Scientology ist weder eine Psychoanalyse noch eine Religion“. Im gleichen Zeitraum ließ er in den USA drei Churches registrieren: The Church of American Science, The Church of Spiritual Engineering und The Church of Scientology.

Hauptmotiv war damals wie heute: Steuerbefreiung und Schutz der „Technologie” unter dem Mantel der Religion – L. Ron Hubbard. „Aufgrund der rechtlichen Situation an verschiedenen Orten ist die Church of Scientology in solchen Regionen der sicherste Tipp“.

Scientology ist ein „Produkt“ von L. Ron Hubbard und spiegelt dessen persönliche  Einstellungen wider. Oder wie es Paul G. Breckenridge, Richter am Los Angeles Superior Court, 1984 formulierte: „Die Organisation [Scientology] ist eindeutig schizophren und paranoid, und diese bizarre Kombination scheint ein Spiegel¬bild ihres Gründers zu sein. Die Beweise stellen einen Mann dar, der bezüglich seiner Geschichte, seines Hintergrundes und seiner Leistungen im Grunde ein pathologischer Lügner war. Die als Beweis vorliegenden Schriften und Dokumente zeigen zudem seinen Egoismus, seine Gier, seinen Geiz, seine Machtstreben, sowie seine Rachsucht und Aggressivität gegenüber Personen, die von ihm als treulos oder feindlich gesinnt wahrgenommen werden.“

DAS MILIEU: Was wird nun Ihre zukünftige Rolle in dem Gefüge von öffentlicher Aufklärung und persönlicher Distanz sein? Wünschen Sie sich hier mehr Unterstützung aus Staat und Gesellschaft?

Handl: Ich mache das, was ich machen kann: Ich stelle mich zur Verfügung, halte Vorträge in Schulen usw., gebe Bücher heraus, die u.a. als kostenlose Downloads zur Verfügung stehen (z.B. Das wahre Gesicht von Scientology), und blogge über Aktuelles.

Einerseits lebe ich nunmehr seit 12 Jahren mein Leben ohne Scientology, was zweifellos den Blick schärft. Anderseits bin ich mir der Worte von Friedrich Nietzsche sehr wohl bewusst, der da meinte: „Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." Hier gilt es einen gesunden Mittelweg zu finden.

DAS MILIEU: Ist dieses Gespräch ein Weg dorthin?
    
Handl: Vielleicht? (lacht)

 

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Handl!

 

 

 

Das Interview führte Walid Malik am 13. Mai 2014.

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