Gesellschaft

Wir brauchen keine Religionskritik mit der Axt!

01.11.2014 - Tahir Chaudhry

Immer wieder verhöhnen islamkritische Stimmen die friedliebende Mehrheit der Muslime als „Apologeten“ mit rosaroter Brille, die in ihrer Blindheit die Kehrseite ihrer eigenen Religion nicht sehen. Alles hätte seine guten und schlechten Seiten und auch „der“ Islam wäre von diesem Phämomen nicht ausgeschlossen, heißt es nun. Mehr noch, er sei sogar Schuld an den Konflikten unserer Zeit.

Das ist genauso, als würde man dem Wiener Schnitzel die Schuld dafür geben, dass es  bei übermäßigem Verzehr auf die Figur schlägt, als würde man dem Internet die Schuld für die Verbreitung von Viren und Cyber-Mobbing geben oder die Eisenbahn für die Verspätungen oder Probleme mit den Klimaanlagen bei der Deutschen Bahn verantwortlich machen.

Warum erstaunt es uns, wenn gewaltbereite Hooligans angesichts der vermeintlichen Ohnmacht des Staates gegenüber Islamisten, den Weg der Selbsjustiz beschreiten? Es ist die Kritik mit der Axt, die in ihrer Konsequenz immer zu Maß- und Fristlosigkeit tendiert, in unbeschränkter Willkür ausartet und im archaischen Rachedenken mündet. Daher geht es den Gewaltbereiten, die nunmal nicht in der Lage sind, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden, um nichts Geringeres als die Vertreibung des Islam aus Deutschland. Wen wundert es, wenn doch ständig gepredigt wird, dass das, was man nicht sagen darf, auch gleichzeitig unbedingt richtig sein muss.

Wer trägt nun die Schuld am Terror? Wirklich „der“ Islam oder doch eher vereinzelte Gruppen und Individuen, die für sich das Etikett „Muslim“ beanspruchen? Der Satz: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun!“ hat durchaus seine Berechtigung, wenn friedliebende Muslime angesichts barbarischer Akte ihre eigene Religion nicht wiedererkennen. Sobald allerdings andere vom Islam sprechen, dann kommen ihnen meist Muslime in den Sinn, die sie in irgendeiner Weise beobachtet haben. Wer hat denn schon den Koran gelesen und sich mit dessen Exegese beschäftigt? In Hinblick auf die religiöse Praxis gibt es sicher einige negative Auswüchse und diese gilt es gemeinsam zu bekämpfen. Dagegen wäre es schlichtweg ungerecht, jede Fehlentwicklung dem Islam anzulasten. So ist es total absurd zu glauben, dass „der“ Islam eine statische, archaische Religion barbarischer Wüstenaraber sei. Wir kennen den Islam nicht! Unser Verständnis vom Islam wurde allein durch eine  Handvoll Ereignisse des 21. Jahrhunderts geprägt. Besonders der Krieg gegen den Terror hat ganze Jahrhunderte der islamischen Geistesgeschichte aus dem kollektiven Gedächtnis des Westens verschwinden lassen. Seitdem wird im Westen eine Hysterie erzeugt, die mit ausgesuchten Negativbeispielen nur pauschalisiert. Das Label „Islam“ dient mittlerweile als Vermarktungsstrategie für Extremisten und Islam-Kritiker zugleich, wobei die einen mit gefährlichen Ideologien und die anderen mit menschenverachtenden Positionen immer mehr verunsicherte Menschen anziehen.

Warum wird heute vermehrt die Frage gestellt, ob „der“ Islam gefährlich sei? Wenn eine paramilitärische Gruppe in Uganda zur Errichtung eines christlichen Gottesstaates reihenweise Menschen hinrichtet, wird dann die Frage gestellt, ob das Christentum gefährlich sei? Wenn buddhistische Mönche in Burma Jagd auf die muslimische Minderheit machen, wird dann die Frage gestellt, ob der Buddhismus gefährlich sei? Wenn „marxistisch“, „antiimperialistisch“, „antikapitalistisch“ oder „nationalistisch“ ausgerichtete Terrororganisationen Menschen töten, werden dann die entsprechenden Fragen gestellt? Ohne Zweifel ist heutzutage „der“ Islam der Sündenbock Nummer 1. Seit den Anschlägen von 9/11, die zu oft als „muslimisches“ Verbrechen dargestellt wurden, hat die westliche Welt wieder ein Feindbild. Und trotzdem: Wenn Muslime beteuern, dass es keinerlei Schwierigkeiten im Umgang mit Extremisten in ihren eigenen Reihen gäbe, klingt das nach einem Tumorpatienten, der die Hilfe eines Arztes in Frage stellt. Auch wenn das Herz noch funktioniert, wird diese Einstellung auf kurz oder lang zum Tod des Patienten führen. Muslime sollten daher nicht leugnen, dass es ein Problem gibt, dürfen aber gleichzeitig den Patienten nicht sogenannten Islam-Kritikern überlassen, die mit der Axt auf ihn losgehen, um den Tumor aus dem Körper zu entfernen.

Offenbar ist muslimisches Leben und Denken in aller Welt gefährdet. Auf der einen Seite erleben wir eine Funktionalisierung des Terrorismus zur Angstmacherei. Studien belegen als Folge, dass nunmehr jeder zweite Deutsche regelrechte Angst vor dem Islam hat. Ebenso ist deutlich , dass nur ein geringer Teil von ihnen jemals persönlichen Kontakt zu einem Muslim hatte. Vor diesem Hintergrund kommt es nicht von ungefähr, dass alle Muslime über einen Kamm geschert werden und eine Kultur des Misstrauens zum Alltag gehört. Auf der anderen Seite erleben wir auch eine Funktionalisierung der Unterlegenheit „islamischer“ Staaten gegenüber dem Westen zur Mobilisierung gegen die westliche Interessenpolitik in der „islamischen“ Welt. Daher besitzen die barbarischen Akte der IS-Terroristen in diesen Zeiten, eine besondere emotionale Anziehungskraft. Auch wenn die Mehrheit der Muslime das Vorgehen des IS verurteilt, sympathisiert ein erheblicher Teil der Muslime mit dem „endlich gelingenden“ Widerstand gegen die westlichen Interventionen in Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen, Pakistan oder Palästina. Man muss deshalb unbedingt zwischen Politik und Religion unterscheiden. Unsere Gesellschaft muss sich sowohl vor Extremisten schützen als auch die Gemäßigten fördern. Sie muss sich nicht nur vor den populären „Islam-Kritikern“ schützen, sondern auch trotz berechtigter Kritik Reformbestrebungen fördern. Gelingt  uns das nicht, dann werden wir den Extremisten auf den Leim gehen und ungewollt den Eindruck erwecken, dass nur ein böser Muslim ein guter Muslim sei.

In diesen Zeiten ist es durchaus lukrativ, Extremist oder Islam-Kritiker zu sein. Beide propagieren Ansichten, die für ihren Broterwerb entscheidend sind, beide lechzen nach Aufmerksamkeit, Einflussnahme und sind Gefangene ihrer selektiven Wahrnehmung, indem sie reihenweise Verse aus dem Koran aus ihrem historischen und textuellen Kontext reißen. Wer am lautesten schreit, bekommt das Mikrofon, und wer sich am skurrilsten aufführt, darf vor die Kamera. Unsere mediale Wirklichkeit lebt von Erregung und Übertreibung, was zu Fehlurteilen und der Bestätigung ewiger Klischees führt.

Extremisten meinen zu wissen, was der „wahre“ Islam sei, und Kritiker akzeptieren eben jenen Islam, um ihn und 1,6 Milliarden Muslime öffentlichkeitswirksam zu diffamieren. Derzeit morden etwa 30.000 Kämpfer aus Habsucht, Herrschsucht und Ehrsucht unter dem Deckmantel des Islam. Ihre Mittel zum Machterhalt sind Erpressung, Prostitution, Versklavung und Zwangsbekehrung. Dass der IS-Terror im Widerspruch zu den Lehren des Islam steht, ist keine private Ansicht, sondern den entspricht den Tatsachen, wenn man sich mit dem Koran beschäftigt . Gerade der Dschihad, fälschlicherweise oft  als „Heiliger Krieg“ übersetzt, fordert doch in erster Linie den Kampf gegen das Ego, gegen die niederen Begierden des Menschen. Werden sich die IS-Kämpfer leicht belehren lassen? Der Koran verneint dies und Allah sagt darin: „Hast du den gesehen, der sich sein eigen Gelüst zum Gott nimmt und den Allah zum Irrenden erklärt aufgrund (Seines) Wissens und dem Er Ohren und Herz versiegelt und auf dessen Augen Er eine Decke gelegt hat?“ (45:24)

Die Heilige Schrift der Muslime ist gemäß Eigendefinition „eine Richtschnur für die Rechtschaffenen“ (2:3). Es ist also eine Art Benutzerhandbuch für Menschen, die bestimmte moralische und spirituelle Anforderungen zu erfüllen wünschen. Islam-Kritiker zweifeln zwar  oft voreilig an dem weisheitlichen Gehalt dieses „Handbuches“, heben jedoch fatalerweise auf die Rationalität und Aufrichtigkeit des Benutzers ab und ignorieren dabei den sozialen und politischen Kontext, die Verhältnisse, in denen dieser wirkt und dessen Produkt er ist. Nun wissen die meisten: Durch die sogenannte „islamische“ Welt weht ein unfreier Geist. Arbeitslosigkeit, Armut, Analphabetismus, Korruption, Vetternwirtschaft und politische Wilkür lähmen jeden Fortschritt. Man muss beachten, dass Jahrzehnte lang laizistische Autokraten über die meisten Staaten herrschten (keine Theokraten!). Erst eine Veränderung struktureller und sozio-ökonomischer Umstände wird die erforderliche Basis für eine Reform der Gesinnungen bereiten. Gleichzeitig müssen schädliche Ideologien durch neue Ideen und Theorien ersetzt werden. Damit sich die beste Idee durchsetzen kann, muss allerdings das vielfältige Angebot stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden.

Warum hören wir ständig von dem ISIS-Kalifat, das eine Diktatur religiöser Fanatiker ist, die in völliger Verkennung der islamischen Geschichte das Label „Kalifat“ missbraucht? Müssten wir nicht viel mehr von dem rein spirituellen Kalifat der Ahmadiyya Muslim Jamaat hören, einer friedlichen Reformbewegung mit 120-jähriger Tradition und mehreren zehn Millionen Mitgliedern, in über 200 Staaten der Welt? Stattdessen suchen sich Islam-Kritiker Kronzeugen für die Bestätigung ihrer Urteile und finden sie in extremistischen Minderheitenpositionen, während Zeigefinger-Bürger  des Westens sie in den radikalen Thesen der Kritiker finden. Wen wir das Podium betreten lassen, entscheidet letztlich darüber, wer die Deutungshoheit über eine ganze Weltreligion gewinnt. Gerade im Westen sind daher Foren für einen innerislamischen Dialog nötig, der Differenzen ans Tageslicht bringen und eine offene Debattenkultur fördet. Erst dann wird sich jene Theologie durchsetzen, die einen intellektuellen Zugriff ermöglicht und die Vernunft des Menschen anspricht.

 

 

 

 

 

 

Foto: © blu-news.org

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