Reflexionen

Wir sind nicht die Herren der Schöpfung

01.08.2020 - Jürgen Todenhöfer

Vor mehr als 12 Milliarden Jahren entstand mit dem Urknall unser riesiges Universum. Allein unsere Galaxie, die wir Milchstraße nennen, umfasst schätzungsweise 200 Milliarden Sterne (Sonnen) und noch mehr Planeten. Und es gibt mindestens 1 Billion Galaxien in dem von uns beobachteten Universum. Manche Physiker gehen sogar davon aus, dass es mehrere derartiger Universen geben könnte. Mit vielen weiteren Galaxien.

Erst vor 4,6 Milliarden entstand der Planet Erde. Aus Gesteinsbrocken unserer Sonne. Und erst viel später - vor 600 Millionen Jahren - schleuderte ein sterbender Stern, ein „roter Riese“, seine anorganischen und organischen Moleküle, die Bausteine unseres Lebens in den Weltraum. Dort wo sein „Sternenstaub“ als Kometen und Meteoriten in irdische Gewässer fielen, entstand Leben.

Vor 4,4 Millionen Jahren schließlich entstand aus diesem Leben der primitive Mensch. Betrachtet man die bisherige Geschichte unseres Universums als einen einzigen Tag, erschien er 31 Sekunden vor Mitternacht. Wir sind also ziemlich neu auf der Erde. Nachzügler.

Der Homo sapiens, unser Vorfahre, entstand sogar erst vor 100.000 Jahren, in den letzten Sekunden des „Lebenstages“ unseres Universums. Selbst wenn wir 100 Jahre alt werden, leben wir - gemessen am Alter unseres Universums - kosmisch nur die Dauer eines Wimpernschlages.

Trotz unserer minimalen zeitlichen Existenz im Kosmos halten wir Menschen uns für bedeutsam und mächtig. Seit dem ersten Auftauchen des Homo sapiens in Ostafrika schafften wir es ja auch in der Tat, alles zu zerstören, was uns im Weg stand. Wir rodeten die herrlichste Vegetation, töteten und versklavten die prachtvollsten Tiere und Fische. Alle schwächeren oder nicht ganz so gut bewaffneten Menschen, die uns im Wege standen, wurden massakriert, versklavt, kolonisiert.

Kein Lebewesen konnte uns widerstehen – mit Ausnahme der Mikroorganismen. Sie zeigten uns immer wieder unsere Grenzen. Obwohl sie so klein sind, dass wir sie gar nicht sehen können. Und auch gar nichts von ihnen wussten. Sie rafften immer wieder Millionen Menschen dahin. Wir haben den Einfluss der Mikroorganismen stets unterschätzt und bis heute keine wirkliche Vorstellung von ihrer Macht und ihrem Einfluss auf uns.

Wer weiß schon, dass der Mensch aus 10 bis 100 Billionen Zellen und aus mindestens zehnmal so vielen Mikroorganismen, vor allem aus Bakterien, besteht? Im Verdauungstrakt, vor allem im Dickdarm, leben 99 % aller im und am menschlichen Körper lebende Mikroorganismen. Und helfen unserer Verdauung. Ohne sie könnten wir gar nicht überleben. Letztlich sind wir ein Mischwesen aus Tier und Mikroorganismen.

Würde man alle Mikroorganismen unseres Planeten auf einen Haufen werfen und alle Tiere auf eine zweiten, wäre der Mikrobenhaufen 25-mal so groß wie der Tierhaufen. Wir leben auf einem Planeten der Mikroben.

 

Was lernen wir daraus?

1.) Wir sind nicht die Herren unseres Planeten. Zu kurz ist unser Wimpernschlag-Leben. Zu präsent und mächtig sind die Mikroorganismen. Zu explosiv, von Asteroiden gefährdet, unser unruhiger Planet.

2.) Wir sind nicht ganz so prachtvoll, wie wir denken. Dem eitlen menschlichen Auge würden die auf und in uns lebenden Bakterien ganz und gar nicht gefallen. Wie gut, dass wir sie nicht sehen können.

3.) Wir sind schwächer, als wir denken. Ohne Mikroorganismen sind wir nichts. Manche Bakterien schützen uns und arbeiten für uns, manche vernichten uns.

4.) Das Mischwesen Mensch/Bakterie wird den Wimpernschlag seines Lebens nur genießen können, wenn es

- durch gesunde Lebensweise in Harmonie mit seinen mikro- und makrokosmischen Lebenspartnern lebt;

- wenn wir in sorgfältiger Harmonie mit der Vegetation, der Tierwelt und unserem zerbrechlichen Planeten leben, mit dessen Luft und Wasser;

- und wenn alle Nationen sich gegenseitig respektieren. Als genetische Brüder und Schwestern.

 

Wir sollten uns als Teil eines viel, viel größeren Kosmos betrachten, der uns diesen kurzen Wimpernschlag Leben schenkt, der so schön sein kann. Als ein Wesen, das nur in Bescheidenheit und Harmonie überleben kann. Das aufhört, seine Mitgeschöpfe zu quälen und zu massakrieren und das seinen Planeten als seine Heimat betrachtet, ohne die es unser kurzes, oft so schönes Leben nie gegeben hätte.

Kurz: Wir sollten demütiger, bescheidener, rücksichtsvoller werden, uns als kosmische Winzlinge nicht so wichtig nehmen und andere Wesen so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen.

Wenn wir nur die kosmetischen Korrekturen unseres Verhaltens durchführen, die unsere Politiker in diesen Tagen vorschlagen, werden wir noch viele Coronas erleben. Und am Ende als vorübergehend erfolgreiche, aber kurzsichtige Spezies wieder verschwinden. Das Universum kann sehr ungerecht sein. Aber auch sehr gerecht. Nichts wird dann in ein paar Millionen Jahren noch an uns erinnern.

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