Debattenkultur

Wo ist die öffentliche Meinung?

15.02.2016 - Gunther Sosna

1631. Ein Tag im Mai. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation tobt seit dreizehn Jahren ein Religionskrieg. Magdeburg brennt. Kaiserliche Truppen unter dem Befehl von Johann Graf von Tilly haben die protestantische Stadt gestürmt. Es gibt kein Entrinnen. Magdeburg wird geplündert, die Bürger massakriert. Die Gräueltaten der Soldateska sind so entsetzlich, dass die Öffentlichkeit einen neuen Begriff prägt: Magdeburgisieren.

Der Buchdruck mit Druckerpresse und beweglichen Lettern war zwar keine 100 Jahre alt, doch gab es eine Reihe von Nachrichtenblättern wie die Frankfurter Postzeitung. Diese neuen Medien sorgten dafür, dass sich die Informationen über das Gemetzel, die Verwüstungen und über den Schrecken in wenigen Wochen in ganz Europa verbreiteten.

Ein Umstand, der den Protestanten wohl nicht ungelegen kam. Früh wurde erkannt, dass die öffentliche Meinung eine starke Waffe sein kann, um die Breitschaft zum Widerstand gegen den Gegner zu erhöhen oder diesen durch gezielte Falschinformationen zu schwächen. Damit wurden die Beschreibungen des Grauens auch zu einem Instrument der Kriegführung.

So wurde über den Tod des böhmischen Feldherrn Albrecht von Wallenstein, der mit seinem Söldnerheer auf der Seite der Katholischen Liga kämpfte, zu einem Zeitpunkt berichtet, als sich dieser noch bester Gesundheit erfreute. Dass die Schändung der „Magdeburger Jungfrau“ medial ausgeschlachtet wurde, versteht sich von selbst. Und auch die Freude von Papst Urban VIII. über die „Vernichtung des Ketzernestes“ blieb der Öffentlichkeit nicht verborgen. Die Angst vor den Katholiken wurde im protestantischen Lager geschürt. Die Macht der Medien und ihrer Macher wurde deutlich.

Das Bild der Welt verändert sich

Markus Grill schrieb in diesem Zusammenhang im SPIEGEL über die Position von Johann von den Birghden. Der Begründer der deutschen Postzeitung stand auf der Seite der Protestanten und prahlte damit, dass er „mit seiner Zeitung dem Schwedenkönig (Anm.: Gustav II. Adolf von Schweden) größere Dienste geleistet hätte, als wenn er ihn mit mehreren Regimentern unterstützt hätte“.
Der Historiker Wolfgang Behringer, so Grill weiter, erkennt im Dreißigjährigen Krieg einen Medienkrieg, der sich auch der Desinformation bediente. Dabei war die Zahl der Zeitungen und ihre Reichweite noch durchaus überschaubar. Als der Konflikt 1648 durch den Westfälischen Frieden sein Ende fand, lag die Gesamtauflage aller Nachrichtenblätter bei nur etwa 15.000 Exemplaren. Trotzdem trugen sie dazu bei, dass sich „binnen einer Generation“ das Bild der Welt veränderte.

Mindestens so bedeutsam wie das gedruckte Wort, waren die visuellen Darstellungen. Kriegsgrafiken, durch die Drucktechnik beliebig reproduzierbar und für Analphabeten verständlich, informierten über die Verläufe der Schlachten, sorgten aber auch im Sinne der Propaganda für die Verbreitung politischer Standpunkte und Ideologien.

Daran hat sich bis in die Moderne nichts geändert. Es gibt allerdings völlig neue Player auf dem Spielfeld: Soziale Netzwerke haben die Nachrichtenblätter abgelöst. In diesen Informationsslums, in denen sich Fiktion und Wirklichkeit vermischen, verbreiten sich visuelle Darstellungen wie Ziegenpeter im Kinderhort.

Isolationsfurcht und Konformitätszwang

Die öffentliche Meinung, die für die Auffassung der Bevölkerung hinsichtlich bedeutsamer Sachverhalte steht, galt und gilt es zu beherrschen, um als tatsächlicher, mindestens aber moralischer Sieger ein (politisches) Schlachtfeld zu verlassen.

Zwei Aspekte sind dabei wesentlich: Isolationsfurcht und Konformitätszwang. Durch beide übt die öffentliche Meinung eine soziale Kontrolle aus, die das Handeln der Gesellschaften und seiner Bürger beeinflusst. Das gilt vor allem auf politischer Ebene. Der englische Philosoph John Locke vertrat den Standpunkt, dass sich keine Regierung dauerhaft gegen die öffentliche Meinung behaupten und gegen deren Willen Regierung bleiben könne. Die friedliche Revolution in der DDR 1989 mag dafür ein Beleg sein.

Ähnlich das Elitekonzept, das im 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung entstanden ist. . Demnach ist die öffentliche Meinung die Summe der Meinungen aller urteilsfähigen, informierten und verantwortungsbewussten Bürger. Einfach ausgedrückt: Öffentliche Meinung ist das Urteil einer Elite. Der Begriff Meinungsmacher bietet sich an. Doch wer zählt in Zeiten komplexer Vernetzung zur Elite?

Krise ist nur ein Wendepunkt

In der modernen Kommunikationswelt und vor allem in den sozialen Netzwerken kann sich selbst ein verantwortungsloser Bürger mit erheblichen Informationsdefiziten zum Meinungsmacher aufschwingen.
Dies wird durch die Endlosschleife an Krisen deutlich: Ukraine-Krise, Syrien-Krise, Euro-Krise, Bankenkrise, Irak-Krise, Regierungskrise, Griechenland-Krise, Demokratiekrise, Afghanistan-Krise, Flüchtlingskrise. Im flüchtigen Meinungsaustausch werden diese komplexen Themen in sozialen Netzwerken zwar aufgegriffen, hier und dort auch in Gruppen diskutiert, aber oft genug in Verallgemeinerungen erstickt  und durch Beleidigungen und Hetze tot geschlagen .

Damit nicht genug. Bei flüchtiger Betrachtung dieser wenig gehaltvollen Diskussionen, entsteht leicht der Eindruck, jede Krise müsse in die Katastrophe führen. Dem ist aber nicht so.

Deutschland hat nicht aufgehört zu existieren, weil sich Afghanistan seit 1978 praktisch ohne Unterbrechung in Krieg und Bürgerkrieg befindet. Das Geld wurde nicht abgeschafft und durch Essensmarken ersetzt, weil sich Banken verzockt haben. Selbst der Fetakäse wurde beim Discounter um die Ecke nicht rationiert, obwohl dies aufgrund der erbärmlichen Situation in Griechenland zu erwarten wäre. Eine Krise ist ein Wendepunkt aber keine Katastrophe.

Die Schweigespirale wurde zerbrochen

Die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann entwickelte zwei Teildefinitionen der öffentlichen Meinung. Diese sei zum einen die Meinung, die im kontroversen Bereich öffentlich geäußert werden kann, ohne sich dabei zu isolieren. Geht es aber um Traditionen, Sitten und Normen, seien Meinungen und Verhaltensweisen öffentliche Meinung, die man öffentlich einnehmen muss, wenn man sich nicht isolieren will. Besteht also keine Gefahr der Isolation, siegt die individuelle Meinung.

Noelle-Neumanns Theorie der Schweigespirale, nach der eine Person umso zurückhaltender und leiser seine Meinung sagt, je mehr er den Eindruck bekommt, dass alle anderen das Gegenteil denken, passt aber nicht mehr in die Zeit. Die Spirale wurde an den virtuellen Stammtischen zerbrochen
Die Kommunikationssysteme des Internet wie Facebook, Twitter, Reddit, YouTube, Tumblr, Instagram, Path oder vk.com bilden den Resonanzboden für die Leichtigkeit der Meinungsäußerung.

Verkürzte Informationen und Falschmeldungen schlagen sich in den Netzwerken ihre Bahn und erhalten mehr Aufmerksamkeit, als sie verdienen. Das vertreibt bei den Schöpfern dieser Meinungssegmente die Furcht vor Isolation.
Zu schnell finden sich Gleichgesinnte, die durch einen bewussten oder versehentlichen Klick auf den Like-Button ihre Zustimmung zum Geschriebenen signalisieren und durch das Teilen eines Kommentars oder einer Behauptung zu dessen Verbreitung beitragen. Fotos, Videos, Kommentare: Es wird geliket, was ins eigene Meinungsbild passt.

Diese unbezahlten Claqueure bestärken den Urheber in seinem Handeln. Dabei spielt es im ersten Moment kaum eine Rolle, ob eine fachliche Kompetenz vorhanden ist oder vorgetragene Fakten oder Zitate tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Das soziale Netzwerk ist viel zu schnell, eine Gegenrecherche zeitlich kaum zu leisten.

Die Flüchtlingskrise ist ein trauriger Höhepunkt dieser Dynamik. Da werden Verbrechen konstruiert, die es nie gegeben hat. Falsche Zahlen wabern durchs Netz und Sachverhalte werden bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Kein Platz für Debatte

Die Voyeure des Spektakels, ausgestattet mit einem exklusiven Platz auf der Couch und grundversorgt mit Popcorn und Konfekt, mögen den Eindruck gewinnen, sie würden auf eine mehrheitsfähige Meinung treffen. Umgekehrt verfestigt sich bei der Minderheit der Glaube, sie würde die Meinung einer Mehrheit abbilden. Dabei ist es viel wahrscheinlicher, dass sich lediglich eine individuelle Sichtweise auf das gesellschaftliche Geschehen bemerkbar macht, die, je nach Position, Standpunkt und Tageszeit, mehr oder weniger Zuspruch erhält. Das ist alles. Für eine wirkliche Debatte, die durch Dialog an Tiefe gewinnt, ist in dem vorgegebenen Rahmen kein Platz.

Doch viel wichtiger: , mit jedem Like scheint die für die öffentliche Meinung relevante Isolationsangst zu schwinden . In sozialen Netzwerken findet also keine öffentliche Meinung ihren Widerhall , da es an der Möglichkeit zur Isolation mangelt.

Das Vertrauen in andere Menschen sinkt

Die Forscher Fabio Sabatini und Francesco Sarracino kamen bei einer Studie über Facebook und andere Netzwerke, bei der sie die Angaben von 50.000 italienischen Bürgern auswerteten, zu dem Ergebnis, dass Online-Networking positiv für das subjektive Wohlbefinden sein kann, wenn es zu realen Kontakten kommt. Allerdings würde das Vertrauen in andere Menschen sinken. Die Wirkung auf das individuelle Wohlbefinden wäre insgesamt signifikant negativ.

Das hat Gründe. Außerhalb der Netzwerke suchen sich Menschen sehr gezielt ihre Gesprächspartner aus, mit denen sie über ethische, politische oder moralische Themen diskutieren. Eine solche Auswahl ist im Internet so gut wie ausgeschlossen. Abgesehen von Blockierungsfunktionen natürlich, mit denen man sich unangenehme Menschen vom Halse hält, mit denen man einfach nicht reden kann beziehungsweise über die man nicht reden will.

Bereits 2013 wurde durch Wissenschaftler der Technischen Universität Darmstadt und der Humboldt-Universität Berlin auf eine Neidspirale hingewiesen, in der sich Nutzer von Facebook schneller wiederfinden, als ihnen lieb sein kann. Positive Nachrichten der „Facebook-Freunde“ rufen negative Gefühle und Neid hervor. Als Kompensation käme es zu einer Selbstpräsentation. Diese kann im Extremfall zur Erfindung der eigenen Lebenswelt führen. Diese Übersteigerung löst bei anderen wieder Neidgefühle aus.

Raus aus den Internetslums

Folgt man den Ergebnissen von Sabatini und Sarracino, scheint es nur einen Ausweg zu geben, um sich der negativen Flut entziehen: Raus aus den sozialen Netzwerken und hinein in reale Diskussionsrunden. Dort kann sich niemand hinter einem Nickname verstecken, sondern muss offen seine Meinung vertreten und Lösungen anbieten.

An dieser Stelle sei an den amerikanischen Psychotherapeut Steve de Shazer erinnert: das Reden über Probleme schafft Probleme, aber das Reden über Lösungen schafft Lösungen. Den schnellen Klick in unpersönlichen Netzwerken hat er damit nicht gemeint.

Die lösungsorientierte Debatte, die eine Basis für die Herausbildung der öffentlichen Meinung sein muss, wird in den Informationsslums erstickt und führt zur „Magdeburgisierung“ des Verstandes, da sich binnen von Sekunden das Bild der Welt verändert.

 

 

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