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Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können

01.04.2021 - Julia Friedrichs

Die Generation nach den Babyboomern ist die erste nach dem Zweiten Weltkrieg, die ihre Eltern mehrheitlich nicht wirtschaftlich übertreffen wird. Obwohl die Wirtschaft ein Jahrzehnt lang wuchs, besitzt die Mehrheit in diesem Land kaum Kapital, kein Vermögen. Doch sich Wohlstand aus eigener Kraft zu erarbeiten ist schwieriger geworden, insbesondere für die, die heute unter 45 sind. Die Hälfte von ihnen fürchtet, im Alter arm zu sein. Was sind die Ursachen für diesen großen gesellschaftlichen Umbruch, wann fing es an?

Julia Friedrichs spricht mit Wissenschaftlern, Experten und Politikern. Vor allem aber begleitet sie Menschen, die dachten, dass Arbeit sie durchs Leben trägt, die reinigen, unterrichten, Tag für Tag ins Büro gehen und merken, dass es doch nicht reicht. Sie sind die ungehörte Hälfte des Landes. Dieses Buch erzählt ihre Geschichte. Im Folgenden ein Buchauszug:

Mit ganz kleinem Karo wurde der Corona-Bonus für Pflegende eingeteilt: Erst hieß es, die Beschäftigten in der Altenpflege bekommen einen, die in Arztpraxen und Krankenhäusern nicht. Dann beschloss man, rund ein Viertel der Klinikpfleger doch zu berücksichtigen. Geht es noch knickriger?

Und als unter den Arbeiterinnen des Schweineschlachters Tönnies die Corona-Infektionen hochschnellten, äußerte der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen zunächst kein Mitgefühl für die besonders hart schuftenden Menschen, kümmerte sich nicht um sie und ihre Familien, sondern klang wie Manfred am » Zapfhahn «-Tresen, als er sagte, der Ausbruch habe nichts mit NRW zu tun, sondern sei aus Rumänien eingeschleppt. Clemens Tönnies dagegen, der in den letzten Jahrzehnten geschätzte 1,5 Milliarden Euro Vermögen aus den Menschen, die für ihn arbeiten, herausgepresst hat, beantragte, dass der Staat die Löhne seiner Arbeiter, die in Quarantäne saßen, erstatten solle. Ich komme gar nicht nach, all die Risse und Reizungen zu protokollieren, die in der Pandemie die ohnehin schon überdehnten Bänder weiter strecken.

 

Die große Drift

Markus Grabka, der Vermögensforscher, hat endlich seine Datenlücke schließen und mit seinem Team knapp hundert Haushalte von Millionären und Multimillionären befragen können. Sein » Sample P «, wie er die Untersuchung nennt, beweist nun, was Grabka schon lange ahnte: Die Ungleichheit der Vermögen ist wesentlich größer als bislang in den Statistiken angegeben. » Das reichste Prozent der Bevölkerung vereint rund 35 Prozent des Vermögens auf sich, zuvor war man von knapp 22 Prozent ausgegangen «, heißt es in der Studie. 35 Prozent. Damit stößt Deutschland fast in die Dimension der USA vor, wo die Superreichen rund 40 Prozent des Gesamtvermögens halten. Ein Wert, der hier unzählige besorgte Kommentare zu den vermeintlich » feudalen Verhältnissen« in Amerika veranlasste.» Es entspricht nicht unserem Selbstbild, dass die Ungleichheit der Vermögen fast so groß ist wie in den USA «, sage ich, als ich wieder in Grabkas Forscherkammer sitze. Er lacht. » Tja, das ist wohl so. Aber es ist in vielen Bereichen so. Nehmen Sie die soziale Mobilität. Auch da denken viele, dass ein Wechsel zwischen den Schichten noch relativ gut möglich ist. Aber in den Daten sieht man, dass wir eher so immobil wie die USA sind und weit entfernt von der Mobilität in den skandinavischen Ländern. « 67, 35, 20 sind nun die neuen Kennziffern der weltweitrekordverdächtig großen Ungleichheit der Vermögen in Deutschland: 67 Prozent, also zwei Drittelder Vermögen, liegen beim reichsten Zehntel der Bevölkerung; 35 Prozent beim obersten Prozent, 20 Prozent gehören der ganz, ganz kleinen Gruppe der Hochvermögenden, den obersten 0,1 Prozent. Grabkas Daten helfen auch, Deutschlands Super-Reiche zu charakterisieren. Es sind in der Regel – selten war diese Floskel angemessener – alte weiße Männer. Wer in Deutschland Vermögen hat, ist häufiger männlich, alt und hat seltener einen Migrationshintergrund als der Rest der Bevölkerung. Und noch etwas zeigt die Befragung: Geld macht relativ glücklich. Denn die Vermögenden sind deutlich zufriedener als der Rest. Vermutlich werden sie das auch bleiben.

 

Julia Friedrichs, Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können, berlin Verlag, erschienen 01.03.2021, 320 Seiten, 22,00€.

 

Julia Friedrichs, 1979 im westlichen Münsterland geboren, studierte Journalistik in Dortmund und Brüssel. Seitdem arbeitet sie als Autorin von Reportagen und Dokumentationen für die ARD, das ZDF und die Zeit. Mit dem Redaktionsteam „docupy“ brachte sie den Film „Ungleichland“ heraus. Sie hat mehrere hochgelobte Bücher verfasst, darunter die Bestseller „Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“ (2008), „Deutschland dritter Klasse. Leben in der Unterschicht“ (mit Eva Müller und Boris Baumholt, 2009), „Ideale. Auf der Suche nach dem, was zählt“ (2011) und zuletzt im Berlin Verlag „Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht“ (2015).

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