Steuersünde

Wovon der Fall Hoeneß ablenken soll

01.04.2014 - Adeel Arshad

Etwas Zeit ist vergangen, der FC Bayern eilt von Rekord zu Rekord und den Namen Uli Hoeneß hört man höchstens nur noch am Rande. Überraschend, denn Mitte März beherrschte ein Thema weitestgehend die deutschen Medien, das selbst hoch brisante Themen wie den Konflikt um die Krim und Russland oder die politischen Unruhen in der Türkei und Syrien in den Hintergrund rückte – der Prozess um den Steuersünder und Ex-FC Bayern München Präsidenten Uli Hoeneß.

Die allgemeine Berichterstattung fixierte sich in dieser Zeit auf die Steuersünde von Hoeneß und viele Urteile wurden gefasst – vielleicht zu voreilig und unreflektiert. So ist es sinnvoll, nun mit etwas Abstand noch einmal dieses Thema zu beleuchten. Es hat in der Medienlandschaft zwei dominierende Meinungen gegeben: Für die Einen war Hoeneß ein böser „Sozialschmarotzer“, dessen Strafe nicht hoch genug sein könnte, während die andere Seite sein soziales Engagement und seine sportlichen Verdienste hervorgehoben hat, um damit seine Straftat zu bagatellisieren. Eine dritte alternative Betrachtungsweise, die zwischen diesen Fronten liegt hat man vergebens gesucht. Es mag sein, dass meine Betrachtung von meinen großen Sympathien gegenüber dem FC Bayern München beeinflusst werden, doch davon losgelöst möchte ich versuchen den Weg der Mitte zu bestreiten und eine dritte Meinung zu präsentieren.

Es ist wichtig klarzustellen, dass Steuerhinterziehung kein Kavaliersdelikt ist. Mit solch einer Tat begeht man eine Straftat und schädigt das Gemeinwohl. Unter diesem Gesichtspunkt ist Hoeneß schuldig, denn er hat wissentlich Gewinne nicht versteuert und Geld am Fiskus vorbei hinterzogen. Ob es ihm bewusst war, welche Ausmaße seine Handlungen („Ich war süchtig“) mit mehreren tausenden Transaktionen innerhalb kürzester Zeit angenommen hatten, ist sicherlich fraglich. Das soll aber seine Schuldfähigkeit nicht verringern.

Was mich jedoch an dieser Angelegenheit massiv gestört hat, ist das voyeuristische und hetzerische Benehmen unserer Gesellschaft und ihrer Medien. Bei genauerer Betrachtung der Berichterstattung könnte man davon ausgehen, dass es sich bei Hoeneß um eine abgrundtief böse Person handelt, dessen Leben eine Ansammlung von kriminellen Handlungen ist und er nun endlich „geschnappt“ wurde. Das ist nicht der Fall. Vielmehr sollte an ihm ein Exempel statuiert werden.

Es geht gar nicht darum, Hoeneß großartig in Schutz zu nehmen, sondern um die Verhältnismäßigkeit dieser Angelegenheit. Er hat keinen Menschen umgebracht oder physischen Schaden zugefügt. Er hat keine Kinder oder Frauen missbraucht. Er hat keine kriminelle Vergangenheit. Ganz im Gegenteil. Straftaten in den eben erwähnten Bereichen werden eigentlich selten mit so einer Aufmerksamkeit verfolgt, wie der Prozess gegen Hoeneß. Morde, Vergewaltigungen oder der Missbrauch von Kindern lösen eine kurze Empörung aus, werden aber schon fast als etwas Alltägliches wahrgenommen. Ist es den Opfern solcher Straftaten gegenüber nicht unfair, dass Hoeneß ein größeres Medienecho erhält, nur weil er prominent ist?

Ein anderer Aspekt, der selten Beachtung findet, sind die reichen und prominenten Steuerflüchtigen, die ihren primären Wohnsitz ins Ausland verlagern, um den Steuerzahlungen in Deutschland zu entgehen. Als Beispiele seien hier Michael Schumacher oder Sebastian Vettel genannt, die einen niedrigen Steuersatz mit der Schweiz ausgehandelt haben und dort leben. Das ist ihr gutes Recht. Ungeachtet dessen werden diese Personen aber als große Sportpersönlichkeiten gefeiert. Heißt es also im Umkehrschluss, dass Uli Hoeneß seinen Wohnsitz einfach in die Schweiz hätte verlagern müssen, um in Ruhe zocken zu können? Dann hätte sich keiner empört und Hoeneß Reputation wäre ohne Schaden geblieben. Hinzu kommt: Es ist wahrscheinlich, dass Hoeneß jährlich mehr Steuern an das deutsche Finanzamt überweist, als es die oben erwähnten Personen und andere im Ausland lebende Prominente in ihrem ganzen Leben getan haben.

Die fehlende Verhältnismäßigkeit und die mediale Ausschlachtung von Uli Hoeneß hat noch einen weiteren Zweck erfüllt: Ablenkung von anderen Problemen. Die Mehrheit der Deutschen hat in Hoeneß das personifizierte Böse gefunden und widmet ihre ganze Aufmerksamkeit diesem Prozess, während in der Vergangenheit Gelder in Milliardenhöhe verschwendet wurden, dort aber kaum jemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Der Bund der Steuerzahler publiziert jährlich die Verschwendungen, die Bund, Länder und Kommunen mit den Steuergeldern betreiben. Man muss allerdings gar nicht mal so tief graben. Berühmte Beispiele wie der Flughafen von Berlin oder die Elbphilharmonie in Hamburg sind Gräber für Steuermilliarden. Auch im militärischen Bereich werden Milliarden verschleudert ohne Sinn und  Zweck. Hier sei der Afghanistankrieg genannt oder der missglückte Versuch einer deutschen Drohnen-Entwicklung. Diese Fälle werden von unseren Politikern heruntergespielt und es wurden keine personellen Konsequenzen gezogen. Nach dem gewohnten Muster wurde das Thema medial hervorgehoben, aber genauso schnell wieder fallengelassen. Darüber hinaus gibt es die fragwürdigen Bankbürgschaften seitens der Bundesregierung, wo letztendlich der Steuerzahler für das unverantwortliche Zocken von Banken geradestehen muss. Wurde hier jemandem der Prozess gemacht? Hat hier jemand die Verantwortung übernommen? Fehlanzeige. Unter dieser Betrachtung erscheinen die knapp 30 Millionen von Hoeneß als Peanuts.

Wie schon am Anfang erwähnt, geht es gar nicht darum, Hoeneß als Opfer in Schutz zu nehmen. Die drei Jahre und sechs Monate Haft sind gerechtfertigt und sind noch vergleichsweise milde. Aber mit meinem Beitrag möchte ich das Bild, das von ihm gezeichnet wird, entzerren und in ein anderes Licht rücken. Hoeneß hat eine Straftat begangen, sich dafür mehrfach entschuldigt, seine Strafe wird er abbezahlen und absitzen – im Gegensatz zu einigen anderen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft. Damit sollte man dieses Kapitel auch abschließen. Wenn man selbst noch Mördern und anderen Kriminellen eine Menschenwürde zuspricht, so sollte man diese Uli Hoeneß erst Recht gewähren und nicht sein ganzes Leben in Frage stellen.

Man darf sich nicht von dem Medien aufhetzen lassen. Man sollte die beschränkte Betrachtung überwinden und die Fälle im Kontext bewerten. Wenn wir Uli Hoeneß bestrafen, dann auch die Regelverstöße von anderen (öffentlichen und prominenten) Personen. Kann sich noch jemand an Alice Schwarzer erinnern? Auch sie hat Steuern hinterzogen – aber sie schreibt für die BILD. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Darüber hinaus: Warum werden gewisse Themen mit weit weniger Medienpräsenz diskutiert? Themen, die unser aller Leben betreffen und ernsthafte Konsequenzen für unsere Zukunft haben? Da liegt nämlich der Fehler im System. Wir lassen uns so einfach ablenken und verlieren so die Aufmerksamkeit für das Wesentliche.


 

 

Foto: © Hubert Burda Media

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