Gedicht

Wünsch dir was

01.01.2020 - Alia Hübsch-Chaudhry

Stell dir vor, du hättest heute Geburtstag

Stell dir vor, du hättest einen Wunsch frei

Einen realistischen Wunsch

Für einen realistischen Tag

Einen Wunsch ohne Schnick

Einen Wunsch ohne Schnack

 

Einen Wunsch, den ich nicht mag

Ich feier keine Geburtstage

Und Wünsche habe ich eh keine

Ich bin wunschlos unglücklich

Und alles ist sowieso vergänglich

Und irgendwann bin ich tot

Und irgendwann

Ist der Tod en vogue

 

Ja, aber stell dir doch vor

Himmel und Erde wären

Nicht sinnlos geschaffen

Wir wären keine Primären

Ich meine Primaten

Und auch keine Affen

Stell dir für einen Moment vor

Es gäbe das, was ich verlor

Es läge in dir und steigt empor

Es gibt ein Ich und einen Sinn

Die Antwort darauf, wer ich bin

 

Sag, was wünschst du dir?

Was wünschst du dir jetzt?

 

Was wünschst du mir?

 

Ich würde mir wünschen,

es müsste niemand kommen,

der mir sagt

Was ich bin

Und was ich mag

Was ich will

Und was ich trag

Niemand der mich wegnimmt

Niemand der mich lossagt

Niemand der mich abstimmt

Niemand der mich ausnagt

Ich würde mir wünschen

Es von selbst zu schaffen

Von selbst zu sein

Wie all die Pfaffen

Nur für mich

Also ganz allein

 

Ich bitte dich, sei

Bitte nicht

Bitterlich, sei bitte nicht

so unrealistisch

Sei bitte nicht

So ohne Liebe

Sei bitte nicht

So erschütterlich

Versetz dich

In die Lage des Geliebten

Wer wahrlich liebt,

Ahmt der Liebe wegen nach

Wer wahrlich siegt,

Liegt niemals außer sich

Liegt niemals für sich

Selbst

Alleine völlig brach

 

Okay, du sagst

Mir fehlt etwas

Mir fehlt die Liebe

Zu mir selbst

Mir fehlt das

Wort, der Horizont

Die Tiefe, so ungekonnt

Wahre Liebe ahmt

Gar nichts nach

Sie wird inspiriert

Und ausprobiert

Und wenn sie tief wird

Und wenn sie gut wird

Bleibt sie ein Abdruck

Bleibt sie zurück

In jedem Augenblick

 

Ich wüsste einen Wunsch

Für dich

 

Ich habe keinen Wunsch

Für mich

 

Doch!

Doch?

 

Du brauchst jemanden

 

Ja, ich brauche jemanden

Der mich an die Hand führt

 

Die Schritte musst du selber gehen

 

Aber ich würde gerne

Dass mir jemand sagt

Dass ich es schaffe

Dass ich es kann

Jemand

 

Der dir einen Zeitplan erstellt?

Und dich sogar Nachts begleitet?

 

Immer wenn ich nicht motiviert bin

Soll er mich motivieren

 

Immer wenn du nicht an dich glaubst

Soll er an dich glauben?

 

Er soll mich zu meinem Glück zwingen

Nie wieder

Will ich mit mir ringen

 

Ja, er soll meine Antriebslosigkeit

Verlosen

Dort wo sie jemand braucht

Unter fleißigen Matrosen

Wo der Löwe zu oft faucht

Er soll mich groß machen,

Wenn ich mich klein fühle

Er soll mich nicht auslachen

Wenn ich mich bemühe

 

Er soll dich kleiner machen,

wenn du dich aufspielst

Brände kühlen

Mit dir fühlen

 

Er soll mir sagen,

Warum es sich lohnt

Aufzustehen

Nach vorn zu gehen

Nicht aufzugeben

All die Floskeln eben

 

Er soll mich hochziehen

Wenn ich falle

Wenn ich es nicht schnalle

 

Er soll dich runterwerfen,

Wenn du auf dem falschen Weg bist

Wenn du die weiße Fahne hisst

 

Nein.

Ich will nicht mehr.

 

 

Was willst du nicht?

 

Hab ich denn je gewollt?

Ein Mensch, der mich

Zurechtweist?

Der mir den Spiegel vorhält?

Der mir die Uhr stellt?

Und jeden Tag an meiner Tür schellt?

 

Wenn ich etwas schaffe

Wird er mir sagen:

Von dir gab es eh nur Klagen

Ohne mich würdest

Du sowie nie etwas wagen

Dankbar solltest du mir sein

Dankbar, dankbar, mir allein!

 

Von alleine, hätte ich es nie

geschafft

Nie hätte ich den Mut gehabt

Zur richtigen Zeit

Im richtigen Augenblick

Loszulegen

Oder aufzuhören

Nach vorn zu streben

Ich läge gelähmt da

Ja, das wird er dir sagen!

Du wirst verzagen

Und wieder klagen:

Nichts schaffe ich von selbst

 

Aber ich frage dich

Wenn du wüsstest,

dieser jemand

war genau wie du

Und irgendjemand kam zu ihm

und hörte zu

Und fragte diese eine Frage

Die ich fragte

Als ich dir sagte:

 

Stell dir vor, du hast einen Wunsch frei?

Was würdest du dir wünschen?

Und er wünschte sich,

das, was du dir wünschen würdest,

Wenn du zu wünschen in der Lage

Und ihm wurde geholfen

Und er ward genau wie du

Ja, vielleicht du in einer anderen Zeit

Und es sprach ihm jemand

Zur richtigen Zeit

Am richtigen Ort,

denselben Mut wie dir heute zu

Wärst du dann ich

oder wärst du dann du?

Nanu?

 

Und wir sind

Alleine in der Fremde

Immer kleiner

Als wir sind

Aber ohne

Fremde Augen

So alleine

Wären wir blind

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