Kurzgeschichte

Zeitvampire

01.11.2013 - Jannik Niestroy

Ich streife durch die Nacht, den Mantelkragen hoch um meinen Hals geschlungen. Das dunkle Haar, die bleiche Haut glänzen im Mondlicht. Mein nächstes Opfer ist nicht weit. Ich weiß es, spüre es, rieche es. Ich biege um eine Ecke im Hafenviertel. Das dunkle Wasser liegt vor mir. Es ist ruhig und schwarz. Ein Ozean der Ruhe. Eine stille Brise weht mir um den Kopf. Das Wasser kräuselt sich. Ich verharre einen Moment in Stille. Ich habe Zeit.

Eine junge Frau schlendert am Wasser entlang. Ihr Kopf ist geneigt, ihre Augen verharren auf dem kleinen Telefon in ihrer Hand. Die Finger bewegen sich schnell, hektisch über das Display. Ihre Absätze klappern über die Pflastersteine, die Hauswände der Fabriken werfen das Geräusch zurück, es klingt wie Pistolenschüsse. Der Geruch von Salzwasser und Öl liegt mir in der Nase. Ich fühle mich seltsam. Die Welt wirkt so friedlich.


Sie hebt den Blick, ich wittere Angst. Ich trete ein paar Schritte auf sie zu, mein Atem geht schneller. Sie steckt das Telefon weg, ihre Schritte beschleunigen sich. Sie dreht sich um und stolpert in eine kleine Gasse. Ihre Schritte klingen wie ein Maschinengewehr. Ich versenke meine Hände tief in meinen Taschen. Meine Augen fokussieren sich, mit ausgreifenden Schritten nehme ich die Verfolgung auf.

 

Ich bin nur noch wenige Meter hinter ihr. Mein Mund öffnet sich, das Mondlicht lässt meine langen, spitzen Eckzähne glänzen. Ich nehme meine Hände aus den Taschen. Sie dreht den Kopf, ihr Blick ist panisch. Sie beginnt unbeholfen zu laufen, einer ihrer Schuhe verhakt sich in einem Abfluss, sie stolpert und fällt. Ich bin mit zwei großen Schritten bei ihr, packe sie am Arm und dränge sie in eine Ecke.

 

„Was wollen Sie von mir?“, fragt sie voller Panik. „Zeit.“, antworte ich mit ruhiger, heiserer Stimme. „Zeit?“, fragt sie. „Ich habe keine Zeit. Ich muss morgen ganz früh raus. Wir haben ein wichtiges Meeting und danach steht die Produktpräsentation an.“ Die üblichen Ausreden. Meine Augen weiten sich, ich reiße meinen Mund weit auf, drücke ihren Kopf zur Seite und versenke meine Eckzähne tief in ihren Hals. Vor Schock bringt sie nicht einmal einen Schrei hervor.

 

Ich sauge und schließe meine Lippen um ihren Hals. Doch das süße Gefühl bleibt aus. Ein, zwei Tropfen, dann vibriert ihr Telefon. Ich sauge verzweifelt, doch es will einfach nicht gelingen. Das wars dann wohl, falsche Zeit, falscher Ort, hier war schon jemand vor mir da. Frustriert lasse ich von ihr ab. Sie sinkt zu Boden, ihre Hand tastet nach dem Telefon. Ich entferne mich mit schnellen Schritten. Mir läuft die Zeit davon. Ein letzter Blick zurück. Die junge Frau hockt noch immer in der Ecke, ihr Blick wie hypnotisiert auf das Telefon gerichtet. Ihr Finger eilen schon wieder über das kleine Display.

 

Ich bin zurück am Wasser. Meine Finger glätten fahrig mein Haar. Ich zittere. Hektisch drehe ich meinen Kopf, doch weit und breit findet sich kein anderes Opfer. Mir läuft die Zeit davon. Dann kommt mir eine Idee. In der alten Fabrikhalle auf der anderen Seite des Bahnhofs finden manchmal Partys statt. Ich laufe los, mein Haar fällt mir erneut ins Gesicht. Ich laufe durch eine weitere Gasse, dann erreiche ich das Gleisbett. Ich folge den Schienen einige hundert Meter, dann steige ich eine Böschung hinauf. Erneut wittere ich ein Opfer.
Ich werfe mein Haar zurück, klappe erneut den Kragen hoch und vergrabe meine Hände wieder in den Taschen. Auf der Kreuzung vor mir wankt ein Mann durch das orange Neonlicht der Straßenlaternen. Er ist offensichtlich betrunken. Aus seinem Mund hängt in einem sehr schiefen Winkel eine halb gerauchte Zigarette. Ich gehe mit großen, langsamen Schritten auf die Kreuzung zu. Noch hat er mich nicht bemerkt. Er summt vor sich hin, spricht mit halblauter Stimme mit sich selbst.


Ich schwitze. Meine Arme zittern. Ich presse sie an meinen Körper. Mein Atem geht flach und schnell. Mir läuft die Zeit davon. Der Mann beginnt laut zu singen. Er nuschelt die Hälfte des Textes. Als ich mich ihm nähere, sehe ich, dass er einen weiten Pullover und ausgeblichene Jeans trägt. Sein helles, halblanges Haar streicht ihm über die Schultern, als er weiter wankt. Seine runden, rosa Wangen zeugen von vielen Abenden mit Fastfood. Er trägt eine Bierflasche in der Hand. Dieser Mann ist viel jünger als ich dachte. Vielleicht ein Schüler oder Student. Auf jeden Fall hat er das, was ich am meisten will. Doch hier, im Schein des Neonlichts, auf dem Bürgersteig der großen Straße muss ich mich zusammenreißen.


Der Speichel verwässert meinen Mund. Ich schlucke mehrfach, ohne dass es hilft. Ich drücke meine Fingernägel in meine Handballen. Meine Schritte werden größer. Ich muss ruhig bleiben, darf nicht laufen, ihn nicht verschrecken. Das hier ist vielleicht meine letzte Chance. Doch er trällert weiter und tastet sich mit einer Hand an der Häuserwand entlang. Er scheint mich nicht zu bemerken. Ich fokussiere meinen Blick. Noch immer kann ich nicht zuschlagen.


Plötzlich tastet seine Hand ins Leere. Er fällt seitlich in einen Hauseingang und bleibt benommen liegen. Das ist vielleicht meine Chance. Ich eile mit schnellen Schritten zu ihm. Sein glasiger Blick aus verkniffenen Augen trifft mich. Er nuschelt etwas Unverständliches. Ich nehme meine Hände aus den Taschen. Meine Handballen bluten. Erneut reiße ich Augen und Mund weit auf, bereit,  zuzuschlagen. Doch dann höre ich das dumpfe Dröhnen eines Autos. Ein Scheinwerferpaar trifft mich im Rücken. Der junge Mann ist geblendet vom Licht. Er scheint nicht bemerkt zu haben, was ich vorhabe.


Ich strecke meine Hände nach ihm aus. Doch anstatt ihn am Hals zu packen, ihn zu Boden zu drücken, ziehe ich ihn an einer Hand hoch. Mein Mund ist erneut geschlossen. „Du musst aufpassen. Es ist gefährlich, wenn man sich nachts betrunken herumtreibt.“ In der anderen Hand hält er noch immer seine Bierflasche. Mit seinen Schultern stützt er sich an der Eingangstür ab und kommt auf wackeligen Beinen zum Stehen. „Danke. Schön.“, haucht er mir mit einer süßlichen Alkoholfahne entgegen. Ich lege meinen Arm um seine Schultern. „Ich bringe dich nach Hause, mein Freund.“


Wir stolpern gemeinsam weiter die Straße entlang. Dann taucht neben uns der Hof eines Gebrauchtwagenhändlers auf. Der Eingang ist nur mit einer rot-weißen Schranke gesichert. Ich ziehe ihn mit mir auf den Hof. Sein Blick hellt sich für einen kurzen Moment auf. Er runzelt die Stirn. „Hier is' doch falsch.“ Ich setze alles auf eine Karte. Jetzt oder nie. „Das ist eine Abkürzung. Kennst du die nicht?“, frage ich mit gespieltem Erstaunen. Ich habe Glück. Sein Blick gleitet schon wieder fahrig über die Umgebung. „Klar. Bin ja nicht neu hier.“, nuschelt er weiter.


Wir betreten den Hof. Die hohen Mauern der umliegenden Wohnhäuser, die ihn von drei Seiten umgeben, strafen meine Worte Lüge. Doch er ist so betrunken, dass er es nicht bemerkt. Ich schleppe ihn hinter ein altes Wohnmobil, das in der hinteren Ecke steht. Hier gibt es keine Lichter, erneut bescheint nur das Mondlicht die Szene. Ich lehne ihn auf der anderen Seite gegen das Wohnmobil, er kann kaum noch stehen. Das Bier hält er noch immer fest umklammert. Seine Zigarette ist ihm schön längst aus dem Mund gefallen.


Vorfreude durchströmt mich wie eine Droge. Ich fühle mich euphorisch, mein Puls rast. Ich drehe seinen Kopf mit meinen Händen zur Seite, blecke erneut meine Zähne und schlage sie tief in seinen Hals. „Wwwwas...“, stammelt er noch hervor. Köstlich strömt mir das Lebenselixier in den Mund. Ich tue mich gütlich daran. Schlucke in großen Zügen. Meine Fingernägel krallen sich in seinen Hals. Ich spüre unter meinen Fingern, wie sich seine Haut zusammenzieht, sein Hals ausdünnt. Auch sein Pullover schrumpft, er presst sich eng an seinen Körper, am Hals verschwindet der Stoff langsam. Seine Haare werden kürzer und kürzer. Auch die Bierflasche wird immer kleiner und schmaler. Ich sauge und sauge und als ich endlich, satt und zufrieden, von meinem Opfer ablasse und er mit dem Rücken an den Wagen gepresst zu Boden sinkt, ist aus seinem Pullover ein enges Sakko geworden. Seine halblangen Haare sind kurz geworden und liegen nun in einem gut gestylten Seitenscheitel auf seinem Kopf. Er trägt jetzt schwarze Lackschuhe und eine Anzughose. Die Bierflasche hat sich in ein Smartphone verwandelt. Wie die junge Frau vorhin, tasten seine Finger in schnellen Bewegungen darüber und sein Blick ist starr auf das Display gerichtet. Er scheint mich nicht mehr wahrzunehmen.


Ich drehe mich um und verlasse den Hof. Wieder verschwinden meine Hände in den Taschen, doch dieses Mal bin ich völlig entspannt. Zufrieden lecke ich mit geschlossenem Mund über meine Zähne. Ich schlendere nach Hause. Kein Problem. Ich habe Zeit.

 

 

 

 

Foto: © DanTheBeastMan

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