Kurzgeschichte

Zu spät

01.02.2015 - Tariq Chaudhry

Die Sonne strahlt in goldenem Glanz. So stark, wie sie nur im Spätherbst strahlen kann. Geblendet und fast erblindet von der Schönheit des Anblicks setze ich mich auf eine Bank an einem Bahngleis. Erst nach ein paar Minuten bemerke ich, dass jemand neben mir sitzt. Da ich in Harmonie mit mir und meiner Umgebung bin, will ich ein Gespräch um jeden Preis vermeiden. Schöner kann der Nachmittag gewiss nicht mehr werden, wäre da nur nicht meine schlimme Neugier.

Ich riskiere einen Blick auf meinen Sitznachbarn und sehe, dass es ein großgewachsener Mann im höheren  Alter ist. Das weiß-graue Haar schimmert leicht goldig in der Sonne. Mein Blick bleibt für einen Moment auf den alten Mann gerichtet  und da ist es passiert. Just in diesem Augenblick dreht sich der Mann zu mir und fängt ein Gespräch an. „Verdammt!“, sage ich mir im Inneren und versuche mich schnell wegzudrehen. Ich will jedes Gespräch über die „alte Zeit“ und die Erinnerungen des alten Mannes vermeiden. Dieser goldene  Spätherbst-Augenblick soll nicht durch eine Geschichte über die „gute alte Zeit“, die nur so vor Subjektivität und Melancholie strotzt, mein Gefühl im Hier und Jetzt stören. Bitte nicht! Wir wissen aber alle:  wenn man vom Gegenüber einmal dabei ertappt wird, wie man ihn beobachtet, kommt man um ein Gespräch nicht mehr herum. Dann gibt es kein Entkommen. Vor allem nicht, wenn man höflich sein möchte und die Person gegenüber vieles aus ihrem Erfahrungsschatz  des letzten Jahrhunderts zu erzählen hat. Ich stelle mich dem Unumgänglichen.


Als mein Platznachbar dabei ist, die Atmosphäre für ein ausgedehntes Gespräch vorzubereiten, wird sein mühevoller Versuch von einem schrillen Pfeifton unterbrochen. Plötzlich wird es hektisch, sehr hektisch. Ein Mann im mittleren Alter rennt dem Bahngleis und dem abfahrbereiten Zug entgegnen. Er weiß, was dieser Ton bedeutet. Zu allem Überfluss, denke ich mir, muss er die Ansage anhören: „Zurückbleiben bitte!“. Auch wenn die Tür zuknallt und der Zug im Begriff ist abzufahren. Es spielt sich eine klassische Szenerie ab. Bei all seinen Mühen muss man sich fragen: Wer versucht die Tür nicht nochmal zu öffnen und an das Unmögliche zu glauben? Wer läuft nicht noch ein paar Schritte mit dem davonfahrenden Zug? Wer gestikuliert nicht mit dem ganzen Körper und versucht, auf sich aufmerksam zu machen? Die Antwort scheint für mich klar: nur derjenige, dem das Erreichen des Zuges und das damit  verbundene Ziel nicht so wichtig ist. Derjenige, der meint, dass es weitere Züge gäbe, mit denen man fahren kann.


Dieser Zugreisende scheint jemand zu sein, der diesen Zug hätte unbedingt bekommen müssen. Ein Wahnsinn, dass er es überhaupt bis zum Pfeifton fast an die Gleise geschafft hatte. Ich tippe auf einen Geschäftsmann. Er trägt einen schön geschwungenen, eleganten Hut, einen feinen  Seidenschal um seinen Hals. Einen Riesen-Teddy in einem Arm und über dem anderen Arm ein klassischer Trenchcoat. Als der Zug abgefahren ist und der Mann mit gesenktem Kopf an uns vorbeiläuft, ergreift mein Platznachbar die Chance. Man merkt, er ist angespornt unser gemeinsames Erlebnis als Grundlage für die Fortsetzung unseres abrupt beendeten Gesprächs zu nutzen. „Ich habe im Leben schon einige Züge verpasst, wie Sie unschwer an den Spuren der Zeit in meinem Gesicht erkennen können. Vermutlich hat der Herr, der gerade den Zug verpasst hat, jemanden versetzt. Das ist besonders tragisch!“ Ich nicke zustimmend. Mehr ist dem einfach nicht hinzuzufügen. Der alte Mann setzt wieder an: „Wissen Sie? Wenn man so ein langes Leben wie ich hinter sich hat, gibt es viel zu berichten. Das Leben war, wie es war. Ich will Sie mit den Details nicht aufhalten, sie nicht vor Ihnen breit treten. Das würde Sie wahrscheinlich zu Tode langweilen.“ Ich schaue den alten Mann ganz genau an, versuche mit einem Pokerface zu kaschieren, dass ich eigentlich auf eine zu Tode langweilende Geschichte eingestellt war. Der alte Mann macht zwischendurch ausgedehnte Pausen und holt immer wieder tief Luft. Es wirkt so, als ob der Mann die Worte erst inhalieren und dann aussprechen würde. Er beginnt wieder mit seiner rhetorischen Frage: „Wissen Sie? Mich treibt etwas ganz anderes um, etwas, das man nach Jahrzehnten in unserer Zivilisation, in unserer Zeit einfach nicht versteht. Ich habe viele Errungenschaften unserer westlichen Zivilisation erleben dürfen. Diese Errungenschaften von ihrer elementaren Stufe bis zur heutigen entwickelten Stufe begleitet. Mit ihnen haben wir die Möglichkeit bekommen, der Zeit voraus zu eilen. Wir haben uns auf diesen Wettlauf eingelassen: schneller, besser, höher zu sein. Heute gibt es keine Nachricht, keine Meldung, die nicht innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde ankommt. Genauso ist es mit dem Geld, noch nie ist es schneller geflossen. Wir können alles innerhalb eines Tages versenden und es am selben Tag ankommen lassen. Wir können heute Berge verschieben, Ströme teilen und Meere verbinden. Die Menschheit strotzt nur so vor Potenz. Scheinbar. Dann gibt es parallel zu dieser ganzen Entwicklung in unserer Welt eine Welt, in der Stagnation und Rückentwicklung dominiert. Sie ist einfach da. Sie ist das Leid in Form von Armut, zu vernehmen wie ein „leises Schluchzen“, wie es Heinrich Heine einst beschrieben hat. Sie ist permanent. Aber manchmal schafft es das leise Schluchzen, ein Echo zu erzeugen und man hört es so laut, dass man es nicht ertragen, nicht überhören kann. Das Herz wird berührt, eine Träne wird vergossen. Und so schnell wie sie weggewischt ist, vergeht das Schluchzen. Scheinbar. Es vergeht nicht!“ Das bleiche Gesicht des Herrn ist jetzt knall-rot. Mir ist in dem Moment egal, dass die Sonne sich langsam und majestätisch am Horizont verabschiedet. Der alte Mann mit seiner ehrlichen gefühlvollen Art hat mich gepackt.  Mit finsterem Gesichtsausdruck klagt er an: „Warum kommt die Medizin, das Essen, die Kleidung, das Know-How, die Bücher nicht bei den Leidgeplagten an? Woran liegt das? Doch nicht etwa an der mangelnden Entwicklung unserer Zivilisation? Ich will in meinem Aufruhr nicht unfair werden. Es gibt ja Hilfen seitens unserer Staaten, aber sie sind meist zu geringfügig, interessengelenkt und vor allem zu spät. Wie können wir uns eine solche Verspätung leisten?“


Ich lasse mich von dieser Frage verführen und sehe mich genötigt, dem etwas entgegen zu setzen und sage: „Wir müssen schon beachten, dass Entwicklungspolitik kein Wunschkonzert ist. Da kann man seinen guten Willen nicht immer umsetzen. Und auch wenn ich Ihren Unmut verstehen kann, bleibt doch die Erkenntnis, dass sich realpolitisch diese Dinge nicht so einfach umsetzen lassen. Und das, was schief gelaufen ist, können wir doch eh nicht mehr ändern.“ Nachdem ich diese Sätze an den alten Mann gerichtet habe, schaut er mich einige Minuten ganz ruhig an. Sein Blick bohrt sich in meinen Kopf und ich bereue jetzt schon meine floskelartige Bemerkung.  Gebannt warte ich darauf, dass er endlich antwortet. Schließlich sagt er mit ruhiger Stimme, gesenktem Blick und voller Güte: „Ja, das mag sein. Vielleicht bin ich manchmal ein bisschen hart mit uns. Doch in einem anderen Moment denke ich an unseren Reichtum und der damit verbundenen Verantwortung, die ich nicht nur bei unseren Politikern, sondern auch bei mir persönlich sehe. Wissen Sie? Winston Churchill sagte mal: „Die Menschheit ist zu weit vorwärts gegangen, um sich zurückzuwenden und bewegt sich zu rasch, um anzuhalten.“ Das mag deine These untermauern, aber das Leid, das wir bei unserem rastlosen Treiben ignorieren, geht unter. Es fehlt uns der Wille, die Entschlossenheit, vielleicht auch der Mut.  Erinnern wir uns an den Zugreisenden von vorhin. Er war zu spät, wir wissen  nicht, was ihn aufgehalten hat. Aber was wir wissen, ist, dass er all seine Kraft einsetzte, um das Unmögliche möglich zu machen. Obwohl er innerlich schon wusste, dass es nicht reichen würde. Er versuchte die verriegelten Türen zu öffnen, lief dem fahrenden Zug nach und machte mit allen Körperteilen auf sich aufmerksam. Haben wir als Gesellschaft so etwas schon mal getan? Sind wir den Barrieren des Lebens mit Entschlossenheit und Wille entgegen getreten? Dann möchte ich Sie daran erinnern, dass der Zugreisende mit gesenktem  Kopf an uns vorbei ging. Dieser Vorfall nagte an ihm. Dieser Mann war enttäuscht. Wie präsentiert sich unsere zivilisierte Welt gegenüber der scheinbar unzivilisierten? Was ist es, das unsere Brust vor Stolz anschwellen lässt? Das Vermögen technisch der Zeit voraus zu sein oder im humanitären Sinne ihr weit hinterher zu sein?“    

 

 

 

 

 

 

 

Foto: © Alex Proimos

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