Rezension

Zukunftsalmanach 2015/16

15.12.2014 - Dr. Burkhard Luber

Zukunftsfähig handeln? Machen wir doch alle. Wir trennen sauber den Müll. Freuen uns über jedes neue Windrad. Kaufen Bio. Beruhigen unser schlechtes Gewissen bei Flugreisen durch freiwillige CO2-Abgaben. Immer noch nicht genug? Der neue Zukunftsalmanach 2015/16, von der Stiftung “Futurzwei” herausgegeben, sagt klar: Nein! Er ruft uns dazu auf, unsere Optik zu verändern, wenn unser Planet enkeltauglich werden soll. Nicht das immer “grüner” Werden, mit dem inzwischen jedes Unternehmen wirbt, ist die Perspektive der drei Autoren, sondern das Stoppen unseres ungezügelten Wachstums. Also: Nicht immer mehr alternative Energie, sondern weniger Energieverbrauch. Nicht mit Jute-Taschen einkaufen, sondern weniger einkaufen. Nicht T-Shirts mit grünem Label sammeln, sondern weniger shoppen.

Unter dieser Prämisse “Gegen mehr Wachstum” präsentiert das Buch über achtzig “Geschichten vom guten Umgang mit der Welt” (Buch-Untertitel). Sie werden in fünf Themenbereichen vorgestellt:

- Materialien, die auf Kreisläufe und Wiederverwendung angelegt werden

 

- Nahrungsmittel-Herstellung, die bio, fair und regional hergestellt werden

 

- Regionale Produktion und lokale Wirtschaftskreisläufe

 

- Teilen von Wissen und Gütern / gemeinschaftliches Reparieren und Finanzieren

 

- AktivistInnen, Netzwerker und Künstler des Mobilisierens


Die den Almanach herausgebende Stiftung Futurzwei versteht sich als PR-Agentur für Zukunftsfähigkeit und zwar eine Zukunft mit sozialer Phantasie, Wirksamkeit und Spaß. Sie positioniert sich damit gegen die herrschende “institutionalisierte Verantwortungslosigkeit”, die sich längst mit dem Primat der Ökonomie arrangiert hat. Zukunfts-Ziel soll eine Welt sein, die ihren zivilisatorischen Standard bei erheblich weniger Material- und Energieverbrauch, bei drastisch verringertem Konsum und bei deutlich erhöhter persönlicher Autonomie bewahrt. Den Weg dahin sehen die Autoren in einer Kombination von Postwachstumsstrategien, aufklärerischen Traditionen und sinnvoller Techniknutzung. Sie setzen auf Nutzung des Vorhandenen, auf Innehalten und Verringerung von blinder Effizienz.

Die theoretische Rahmen, der all diese Geschichten verbindet, schreibt Harald Welzer im Eingangskapitel zum Almanach unter der Überschrift “Zukunftspolitik”. Er demaskiert die fatale Allianz der Zerstörungsindustrie konventionellen Typs mit der Konjunktur einer Besorgnisindustrie, die nur das skandalisiert, was die erste anrichtet, und weist auf die nicht hinterfragten Tabus unserer Kultur hin: Leistung, Optimierung, Innovation. So hantiert z.B. die Automobil-Industrie mit dem Zauberwort “Innovation” längst nicht mehr in dem Sinne einer sicheren, sinnvollen Mobilität, sondern packt ihre Produkte mit immer neuen Dingen voll (Information, Vernetzung, Elektronik), die allenfalls für Statussymbole wichtig sein mögen (“muss ich auch haben”) aber nicht für rationales Autofahren. Welzer deswegen als Apokalyptiker in die Ecke der Irrelevanz zu stellen, weil er all unseren schönen Fortschritt miesmacht, verbieten die Fakten, die er kühl und schonungslos auftischt: Gegenwärtig wird 150% von dem extrahiert, verbrannt, ausgestoßen und abgeladen, was unser Planet nachwachsen lassen oder absorbieren kann. Die unablässig Diversifizierung von Produkten und die beständige Verkürzung der Produktzyklen führt dazu, dass sich in den reichen Gesellschaft die Menge an Textilien und Möbeln innerhalb eines Jahrzehntes verdoppelt; Autos, Fernseher und Küchengeräte ein absurdes Größenwachstum aufweisen und die Zahl der Reisen ständig zunimmt. Das alles kann nicht gut gehen.

Hinter dieser Entwicklung der Modernen steht das Kulturmodell Expansion. Damit werden Sinnfragen an Innovationen die Berechtigung entzogen. Was dem Wachstum dient, ist schon allein dadurch gerechtfertigt, weil es für den Wachstum nützlich ist. Die Notwendigkeit des Wachstums wird nicht mehr infrage gestellt, allenfalls gibt es Kontroversen über verschiedene Methoden, wie weiter expandiert werden soll. Bemerkenswerterweise stellt Welzer dabei auch die erneuerbaren Energien in diesen Zusammenhang der Wachstumspolitik. Sie sind eine zusätzlich Energiequelle im großen Verbund des Wachstums-Wirtschaft, wobei z.B. das Problem der Entsorgung von Sonnenkollektoren, die “Vermaisung” der Landschaft und der Bedarf an Stahl für Windräder völlig ausgeblendet wird (immerhin wiegt ein 155 Meter hohes Windrad knapp 7000 Tonnen und erfordert ein Fundament aus 1400 Kubikmetern Stahlbeton!). - Die Politik, die eigentlich für zukunftsfähige Steuerung zuständig sein müsste, hat gegenüber der Wachstumsideologie der Ökonomie längst resigniert. Der Klimawandel, vor einigen Jahren noch für Alarm-Überschriften tauglich, ist von der politischen Tagesordnung abgesetzt worden. Viel wichtiger ist es, jetzt noch möglichst viel Energie für die weitere Expansion herauszuholen, egal ob - wie früher - mit fossilen oder atomaren Brennstoffen oder jetzt mit erneuerbarer Energie und mit Fracking (am besten mit allem zusammen).

Der Kapitalismus funktioniert also nach wie vor glänzend. Die ökologische Protestbewegung, die in ihren ersten Jahren die Wachstumsideologie nicht nur mit Demonstrationen sondern auch mit neuen Realitäten wie Öko-Dörfern und ökologischem Landbau herausgefordert hat, hat sich in eine pragmatische, die Regierungsbeteiligung an erster Stelle setzende grüne Partei aufgelöst. Sie hat den Kapitalismus moderat kritisiert, dann verbessert, letztlich ihn also lediglich modernisiert. Ohne Autonomie mittels eigener Strukturen von Produktion und Konsumtion bleiben Protestbewegungen aber von den gegebenen Produktionsverhältnissen abhängig. Daraus folgt für Welzer, dass sich Gegenbewegungen zum zerstörerischen Prinzip der kapitalistischen Wachstumspolitik nicht auf Aufklärung und Kritik verlassen können, sondern der bestehenden Ökonomie, Politik und Alltagskultur alternative Beispiele entgegenstellen müssen. Dies kann natürlich nicht im Sinne eines Masterplans erfolgen, sondern als eine Kombination aus zahlreichen unterschiedlichen Modellen einer wirtschaftlichen und kulturellen Gegenpraxis. Von solchen Modellen berichtet der Zukunftsalmanach. Bloße Argumente, warum ich mein Leben oder die Gesellschaft ändern sollte, reichen nicht aus. Nötig sind gelebte und erzählte Geschichten, durch die nachvollziehbar wird, wie Veränderung möglich ist und was sie uns nützt. Solche Geschichten können zum Nachahmen motivieren, und sie können in ihrer Menge zu einem Gegenentwurf zur kapitalistischen Moderne werden. Im Almanach wird deshalb von Energie- und Einkaufsgenossenschaften berichtet, von ethischen Banken, Tauschbörsen und vielerlei anderen praktizierten Modellen, wo man sich vom Profit weg und zum Gemeinwohl hin orientiert. Solche Alternativen stellen eine sehr viel klarere Herausforderung für den Kapitalismus dar als die vielen verbalen Argumente gegen ihn.

Welzer macht sich jedoch auch keine Illusionen darüber, dass eine solche Gegenkultur auf Widerstände stoßen wird. Deshalb muss sie breit verankert sein und darf nicht in Nischen hängen bleiben. Dazu beizutragen ist der Almanach geschrieben worden und dafür erzählt er seine “Geschichten des Gelingens”. Sie bilden mit rund 300 Seiten den Hauptteil des Buches. Aus der Fülle hier nur einige prägnante Beispiele:

Produktion der ersten fairen Computer-Maus
Dämmstoff-Herstellung aus Neptungras
Chemikalien-Herstellung ohne Erdöl
Kunststoff-Herstellung aus Wiesengras
Häuserbau aus Stroh
Upcycling von Kleidungsstücken
Mobile Kinderküche
Bewirtschaftung öffentlicher Flächen mit Obst und Gemüse
Die Öko-Insel Pellworm
Autofreie Mietwohnsiedlung


Nach dem Beispielteil kommt der Schwerpunkt “Material” zu Wort. Ohne drum herumzureden zeigen Giesecke und Tremel, mit wie viel Tinnef, Kram und Trash wir uns im Alltag umgeben. Aber nicht nur das: Mit nahezu jedem Kauf zementieren wir die weltweite Ungerechtigkeit und fördern das System der Extraktion und Produktion in Entwicklungsländern zu Gunsten unseres Konsums. Und die Zahlen zur Aufnahmefähigkeit unser Ökosysteme zeigen: Was wirklich nötig ist, ist schon längst nicht mehr ein als nachhaltig etikettierter Konsum, sondern ein Weniger an Konsum. Weniger Rohstoffverbrauch, weniger Waren, weniger Müll.

Ein unangenehmes Thema, was den Autorinnen bewusst ist. Denn weniger zu konsumieren ist harte Kost für eine mental wie wirtschaftlich auf ständigen Expansionskurs getrimmte Gesellschaft. Es kommt also nicht von ungefähr, dass wir so vieles ausblenden, wenn wir zum Beispiel ein Alltagsprodukt wie ein T-Shirt aus dem Schrank holen: Wir sehen weder die genmanipulierte Baumwolle noch das Lohndumping in den asiatischen Herstellerbetrieben; wir machen uns kaum Gedanken um den weltweiten Transport und auch nicht um die Form der Entsorgung. Komplementär zu diesem Ausblenden der Produktionsfaktoren für ein Konsumgut ist das, was Giesecke und Tremel die “Verantwortungsdiffussion” nennen. Durch die Zerstückelung der Produktion eines Gegenstandes in unüberschaubare kleine Schritte, die von unüberschaubaren vielen Akteuren durchgeführt werden, entlasten sich die einzelnen Unternehmen von ihrer Verantwortung mit Nicht-Wissen über den Entstehungsverlauf des Produktes (was die auslagernde Herstellung sehr viel mehr als die einheimische betrifft). Wer für die Abbaubedingungen der Rohstoffe verantwortlich ist, sind ganz andere als die, die die Arbeitsbedingungen im Produktionsprozess verantworten, und wer für die Materialverschwendung entlang der Lieferkette zuständig ist, sind wieder ganz andere. Durch diese Intransparenz wird Kontrolle und Verantwortung immer schwieriger.
 
Was produziert wird, soll auch konsumiert werden. Längst ist Shopping zur Unterhaltung und zum Volkssport geworden. Niemand weiß, wie viel Gegenstände der durchschnittliche Deutsche sein eigen nennt. Mehr als 10.000 sind es, wird vermutet. Bloß ein Teil der Käufe legt nur einmal den Weg vom Shop zum Kunden zurück, im Jahr 2012 gab es in Deutschland rund 250 Millionen Retouren. Und nur ein Teil der Konsumprodukte wird auf langen Bestand hin produziert. Schon sorgt geplante Obsoleszenz dafür, dass die Haltbarkeiten der Produkte bewusst unter den technischen Möglichkeiten bleiben. So ist die Lebensdauer von Waschmaschinen ist in den vergangenen 25 Jahren um die Hälfte reduziert worden! Billig-Marken wie Ikea oder H&M machen es dem Käufer leicht, sich gar nicht mehr um Waschen oder Bügeln zu kümmern oder in eine solide Einbauküche zu investieren, wo man doch für wenig Geld gleich Neues kaufen kann, dessen Haltbarkeit dann auch wieder nur kurze Zeit andauert.

Gibt es zu all diesen fatalen Trends Alternativen? Die Autorinnen sagen Ja. Sie verweisen auf die Zunahme der Reparatur-Kultur, auf die “Maker-Bewegung” und die Shareconomy. Weil Material, das in Welt kommt, nie wieder ganz verschwinden kann, muss man die Materialkette von hinten her aufrollen, vom Müll her. Wer weniger Schrott entsorgen will, muss weniger unsinnige Gegenstände produzieren. Es liegt an uns, von einer Wegwerfgesellschaft zu einer Müllvermeidungs-Gesellschaft zu werden.

Die Argumentation des neuen Zukunftsalmanachs ist stringent, ehrlich und besonders dann brisant, wenn sie unser (oft gedankenloses) Konsumverhalten infrage stellt. Die mögliche Reaktion bei der Lektüre, dass das “alles nicht so einfach geht” kann nicht als Ausrede gelten. Dazu sind die vielen Mutmach-Geschichten im Buch zu überzeugend.

 



Harald Welzer / Dana Giesecke / Luise Tremel (Hg.):
Futurzwei Zukunftsalmanach 2015/16. Geschichten vom guten Umgang mit der Welt.
542 Seiten. Dezember 2014. 16.99 Euro. S.Fischer Verlag

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