Gesundheitswesen

Zwei-Klassen-Medizin erreicht neuen erschreckenden Höhepunkt

15.08.2014 - Ali Yildirim

Bislang drückte sich die Zwei-Klassen-Medizin darin aus, dass gesetzlich versicherte Patienten länger auf einen Behandlungstermin warten mussten (bis zu drei Monate) oder in der Praxis deutlich später aufgerufen wurden. Wartezeiten von bis zu zwei Stunden waren nicht keine Ausnahme. Selbst bei vorheriger Terminabsprache.

Dagegen werden Privatkassenpatienten auch ohne vorherige Terminvereinbarung sofort behandelt und müssen zum Teil gar nicht erst ins Wartezimmer. Einige Praxen besitzen sogar zwei Wartebereiche, so dass die gesetzlich Versicherten erst gar nicht mitbekommen, dass sie übergangen werden.

Gute Medikamente nur noch für Wohlhabende

Seit dem 1.7.2014 gelten neue Zu- und Aufzahlungen für Medikamente. Das bedeutet, dass neue Festbeträge für verschreibungspflichtige Arzneimittel wirksam geworden sind und der Patient tief in die Tasche greifen muss, wenn er bestimmte Medikamente weiterhin nutzen will.

Herr Ortmanns (Name durch die Redaktion geändert) ist Hartz-IV Empfänger und leidet an Bluthochdruck. Sein Internist hat ihm schon verschiedene Arzneimittel verschrieben. Richtig gewirkt hat ein Medikament, dessen Preis 94 Euro beträgt Herr Ortmanns bekommt dieses Medikament aufgrund seiner Arbeitslosigkeit kostenlos. Überschreitet er jährlich eine Zuzahlungshöhe, ist er dank Befreiungskarte auch von der Zuzahlung (5 €) befreit.

Herr Ortmanns war überrascht, als die Apothekerin Ende Juli plötzlich 56 Euro plus fünf Euro Zuzahlung für die Tabletten verlangte. Das sind fast 65% des eigentlichen Medikamentenpreises und ein Siebtel seines Hartz-IV Bezugs.

Die Apothekerin verwies den Blutdruckpatienten an seine Krankenkasse, die laut Präsidenten des Apothekerverbandes Baden-Württemberg den Betrag im vollem Umfang einnimmt. Dort vorstellig, verwies man ihn an die Pharmaindustrie mit ihrer willkürlichen Preispolitik. Offensichtlich versuchen Krankenkassen durch weniger Übernahmen bei Arzneimitteln Druck auf diese auszuüben.

Aber dieser Druck geht auf Kosten der Gesundheit von Herrn Ortmanns. Denn die 56 Euro kann er sich nicht leisten. Er wandte sich an seinen Arzt. Dieser kennt die Problematik und muss nun seit dem 1. Juli viele Patienten medikamentös „neu einstellen“. Herrn Ortmanns bleibt nichts übrig, als auf ein günstigeres Präparat auszuweichen und zu hoffen, dass sich sein Blutdruck damit ähnlich gut regulieren lässt.

Wenn Ärzte Behandlungen verweigern

Herr Abu Moustafa (Name durch die Redaktion geändert) hat chronisch hohe Leberwerte. Beruflich zur Zeit in Süddeutschland suchte er wie gewöhnlich nach dem Ramadan einen Arzt auf. Er wollte nach 30 Tagen Fasten seine Blut- und Leberwerte überprüfen lassen.

Der Arzt weigerte sich, die Überprüfung der Leberwerte mit in die Blutuntersuchung aufzunehmen. Seine Begründung: Diese gehörten bei ihm nicht zur Standarduntersuchung bei Kassenpatienten.

Herr Abu Moustafa wies darauf hin, dass sein verstorbener Hausarzt diese stets mit untersucht hatte  und dass die Überprüfung der Leberwerte für ihn wichtig seien. Als der Arzt sich weiterhin weigerte, erinnerte ihn der Unternehmensberater an den hippokratischen Eid, den er einst abgelegt hatte. Daraufhin verwies ihn der Mediziner der Praxis.

Hinnehmen möchte der gebürtige Nordrhein-Westfale ein solches Vorgehen nicht. Bevor er sich an die Bayrische Landesärztekammer und an das Bayrische Staatsministerium für Gesundheit wendet, schrieb er unsere Redaktion an.

Kritik an der Zwei-Klassen-Medizin


Beide Beispiele zeigen das Ausmaß der heutigen Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland. Eine gute Versorgung mit Arzneimittel erhält derjenige, der sich die teuren Präparate leisten kann. Eine umfängliche medizinische Behandlung nur der, der eine Versichertenkarte einer privaten Krankenkasse vorlegen kann.

Dabei sind die Kassen der Krankenkassen voll. Seit Jahren machen
gesetzliche Krankenkassen Überschüsse in Milliardenhöhe. Selbst nach Abschaffung der Praxisgebühr schwimmen die Kassen in Geld.

Patienten, die sich deswegen Hoffnung auf eventuelle Prämien oder Erstattungen gemacht hatten, sind enttäuscht. Stattdessen sehen sich seit dem 1.7. einer neuen Ausbeutung ausgesetzt.

Wir erinnern uns noch sehr gut daran, wie sich das FDP-geführte Gesundheitsministerium schwer tat, die Praxisgebühr abzuschaffen. Hierzu war viel öffentlicher Druck notwendig.

Die aktuellen Ereignisse sind eine Bestätigung dafür, dass die Regierung Deutschlands weniger eine Vertretung des Volkes, sondern eher die der Konzerne ist. Gerade die Pharmaindustrie gibt mit ihrer starken Lobby seit Jahrzehnten die Marschrichtung vor.

Leidtragende sind die Bürgerinnen und Bürger des Landes, die immer stärker eine medizinische Versorgung im Ausland suchen. Sei es beim Zahnarzt in Ungarn oder in der Augenklinik in der Türkei.

Ursache und Wirkung

Die Ursache, warum Politik, Wirtschaft und das Gesundheitssystem so mit der Bevölkerung verfahren  kann, ist das Schweigen der Bevölkerung. Viele Bürger nehmen die Zwei-Klassen-Medizin einfach hin. Es wird keine Stimme erhoben, kein Beschwerdebrief verfasst oder gar der  einfachste aller Proteste - die Bewertung im Internet – vorgenommen. So würden sich zumindest gute Ärzte von schlechten und  gute Krankenkassen von schlechten unterscheiden lassen.

Solange das Volk nicht seine Interessen vertritt, das „Wir sind das Volk“–Bewußtsein  nicht artikuliert und friedlich auf die Straße geht, solange wird sich an der Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland nichts ändern. Ich befürchte sogar, sie wird weitere, gravierendere Ausmaße annehmen.     

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: © Jason Parks

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