Kurzgeschichte

Zwei Welten

01.07.2016 - Hanyah Ahmed

Heute ist die Zukunft von damals. Damals habe ich immer groß geträumt. Meine Fantasie hatte keine Grenzen. Mit fünf Jahren wollte ich wie Heidi sein. Ich wollte, dass meine Welt die Berge sind; überall nur grüne Wiesen und Gänseblümchen.

Das brauchte ich damals um glücklich zu sein. Ich wollte mich mit Peter ins Gras werfen und die Wiesen runterrollen und am Abend mit Almöhi Suppe trinken. Ich wollte barfuß laufen. Ich wollte das frische Gras unter meinen Füßen spüren.

Mit 13 Jahren war ich in Indien. Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine Eltern mir immer erzählt haben, dass sie da viel Landwirtschaft betrieben haben und Wiesen mit vielen bunten Blumen hatten. Ich dachte mir, dort könnte ich für einen Moment wie Heidi sein und mir meinen Traum erfüllen.

Und du, du machst Urlaub in Indien, in Mumbai. Du schlenderst durch die Gassen, bestaunst die Vielfalt der Farben, bist begeistert von den Menschen die plötzlich anfangen synchron zu tanzen. Du besuchst die Sehenswürdigkeiten und am Abend kehrst du wieder zurück in dein Hotel. Verschwitzt und verstaubt gehst du unter die Dusche, du lässt das Wasser laufen und die Zeit vergeht, ohne dass du es merkst.

Beim Zähneputzen bleibt der Wasserhahn selbstverständlich an, denn du musst noch nebenbei zu deinem Lieblingssong abtanzen. Sei es Shuffle oder Gring. Du musst tanzen. Am Morgen gehst du zum Frühstücksbuffet. So viel Auswahl wirst du als Student wahrscheinlich nie wieder sehen. Also musst du zugreifen. Du stapelst deinen Teller voll, obwohl du weißt, dass dein Abendessen noch schwer im Magen liegt. Egal! Ich bezahl für all das. Wenn was übrig bleibt, dann ist es halt so!

Damals, als ich in Indien ankam, habe ich die Wirklichkeit gesehen. Da waren riesige Flächen, verrückter Verkehr, Menschen die immer so beschäftigt waren und es war heiß! Die Sonne schien ununterbrochen auf mich herab.

Da waren keine Wiesen. Die Erde war ausgetrocknet und mit vielen Kratern übersehen wie die Oberfläche vom Mars. Da herrschte viel Verkehr mit all den LKW's, die in die Fabrik rein und raus fuhren, ohne Rücksicht auf die Mitmenschen zu nehmen. Elektrizität und Wasser kamen immer so unerwartet wie ein Pickel auf der Stirn, wenn man besonders gut aussehen wollte. Da waren Menschen, die von morgens bis abends in der verstaubten Fabrik gearbeitet haben. Auch Kinder. Sie waren barfuß.

Ich, ich bin heute aufgestanden und die schwierigste Entscheidung die ich getroffen habe, ist diese Bluse zu tragen. Diese Bluse ist "Made in India". Diese Bluse hat mich 17,99€ gekostet.

Aber die Menschen in Indien kostet sie weitaus mehr. Sie kostet den Eltern Augenkontakt. Augenkontakt mit ihren Kindern, denen sie ihre gute Zukunft rauben. Sie kostet den Kindern ihre freie, unschuldige Kindheit.

In der Zukunft werden große Unternehmen mehrere Dörfer mit ihren Fabriken besetzen. Sie werden den Menschen mit ihren Metallfesseln ihre Freiheit nehmen. Sie werden in ihren teuren Anzügen und Kleidern mit ihren Artgenossen Champagner trinken und Kaviar essen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, denn schließlich "helfen" sie den Menschen.

Heute mit 22 Jahren, habe ich Angst in der Zukunft barfuß zu sein.

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