Reflexionen

Friedensarbeit auf dem Balkan (Teil I)

01.06.2020 - Dr. Burkhard Luber

"Im Frieden bestatten die Kinder ihre Eltern, im Krieg die Eltern ihre Kinder" (Herodot)

Ich war zwei Jahrzehnte lang Geschäftsführer für “Die Schwelle”, einer internationalen Stiftung für Friedensarbeit mit dem Schwerpunkt Südosteuropa. Der folgende Text stammt aus meiner damaligen Arbeit und zeigt beispielhaft welche Möglichkeiten es gibt, in Konfliktgebieten konstruktiv und solidarisch tätig zu sein. (vgl. auch die Erzählung "Unter dem Nussbaum" von Ozegovci, die in der ersten Ausgabe des “Milieu’” erschienen ist).

Der Diktator und der Partisan - eine kleine Reverenz vor Tito

Je unheilvoller das Ende Jugoslawiens wurde, umso mehr wurde auf Tito geschimpft. Leider bis heute. "Mit eiserner Faust" ist noch eines der netteren Kommentare. Ich bedaure, dass das historische Tiefengedächtnis so kurz ist und hoffe, dass es da später noch einmal eine gerechtere Geschichtsschreibung geben wird. Mir nötigt Tito erstmal Respekt ein: Zuerst seine Heimat von den deutschen Faschisten zu befreien. Dann sich mit dem mächtigen Stalin anlegen und auch da wieder: Frei bleiben. Mit Nehru und Nasser wenigstens der Versuch, neben Kapitalismus und Kommunismus noch einen dritten politischen Weg zu finden. Natürlich, Jugoslawien war keine Demokratie im klassischen Sinne, aber eines hatte Tito allemal allen anderen moskauhörigen Diktaturen Osteuropas voraus: Freie Ausreise und Einreise. Dass Hunderttausende aus Zagreb, Pristina, Ljubljana, Beograd und Skopje nach Deutschland reisen konnten und es dort für jugoslawische Verhältnisse zu bescheidenem Reichtum brachten, den sie, wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, in Häuser, Läden, Maschinen und Geschäfte investierten - das waren Freiheiten von denen die Einwohner von Leipzig, Warschau, Tallinn oder Prag damals nur träumen konnten. Aber auch dass die jugoslawische Adria zum westdeutschen Urlaubseldorado wurde, war alles andere als selbstverständlich. Also - man sollte Tito nicht auf ein unziemlich hohes Podest stellen, aber auch nicht einfach unreflektiert verdammen.

 "Warum bei uns?"

Auch heute, über zehn Jahre nach Dayton, stößt man immer wieder in Gesprächen mit Menschen in den jugoslawischen Nachfolgerepubliken auf das Wort "Warum?" Diese manchmal hilflose, manchmal verzweifelte Frage weist auf eine kollektive Beschämung hin. Warum bei uns? Warum hier, mitten in Europa, eine Flugstunde von München? Warum dieser blutige Krieg? Wir haben doch immer gut zusammengelebt, wir waren alle gute Nachbarn, niemand hat sich gekümmert ob der andere Kroate, Serbe, Bosnake war.

Ja, warum nur? Ich meine, es gibt eine analysierende Antwort, die aktuell ansetzt und eine zweite, die strukturell vorgeht. Das aktuelle Problem Jugoslawiens vor und nach Titos Tod war, dass es sich (und auch Tito tat es nicht) nicht bewusst auf das Ende dieser Persönlichkeit vorbereitet hatte und, als die Sezession Jugoslawiens immer unausweichlicher wurde, auch nicht dran gearbeitet hat, wie diese in einer für alle Beteiligten einigermaßen fairen Weise abgewickelt werden könnte. Beispiele dafür gibt es ja: z.B. Tschechien und Slowakei. Keiner hatte in weiser Voraussicht eine Tabelle aufgestellt, was alles zu beachten ist, wenn Staaten sich aufteilen: was macht die Staatsbank, welche Pässe gibt es, wer zahlt die Pensionen, wie verfahren die Katasterämter? Und vieles anderes mehr.

Das strukturelle Problem allerdings liegt tiefer, ist aber in seinem grundlegenden Aspekt nicht nur für Jugoslawien relevant: Die Frage, wann schlägt gute Nachbarschaft, für die die Ethnienfrage irrelevant ist, in Nationalismus und ethnischen Säuberungswahn um? Wie passiert es, dass die Mensch-zu-Mensch- Loyalitäten in einem Dorf, in einer Stadt überlagert und abgelöst werden von neuen Loyalitäten, indem die Machthaber neue Fahnen, Hymnen, Sprachen, Geschichtsbilder aufrichten? Das scheint mir analytisch, aber natürlich auch friedenspolitisch-praktisch die spannende Frage zu sein: Was hält länger durch: Mein gut nachbarschaftliches Verhältnis zum Dorfnachbarn oder das Aufputschen von Neonationalisten, die mir verbieten wollen, dass ich mit diesem Nachbarn weiter gut umgehe? 

Vielleicht ist die eine Zeile im Gedicht "Archibald Douglas" bekannt, als der König vom Grafen an die gemeinsame freundschaftliche Kindheit erinnert wird, er das auch wehmütig an sich herankommen lässt ("mir ist, als ob ein Rauschen im Wald von alten Zeiten spricht") und dann aber sich gegen diese direkte persönliche Loyalität abschottet zugunsten der "ethnischen" Trennung mit den Worten - ich formulier es mal so um: "Er ist ein Serbe doch". Ich glaube, das ist eine Urfrage für Menschen überall dort, wo unterschiedliche Volksgruppen miteinander auskommen und sich tolerieren müssen: Habe ich die Kraft, ja, bereite ich mich regelrecht darauf vor, an meiner zwischenmenschlichen Zuneigung festzuhalten, wenn mir Propagandisten was anderes weismachen wollen? Gebe ich ihr den Vorrang gegenüber eventueller nationalistischer Aufpeitschung? Natürlich gehört dazu mehr als nur Meinung oder Haltung, deshalb spreche ich auch von "Vorbereitung". So eine Haltung muss erlernt werden, gekräftigt, erprobt. Literarisch formuliert könnte man das berühmte Antikriegsgedicht von Wolfgang Borchert "Sag nein" auch um diese Zeilen erweitern:

“Du Lehrer: wenn sie dir befehlen, dass du die Wörter in gute und schlechte aufteilst  - Du Pfarrer: wenn sie dir befehlen, auf der Kanzel deine Verneigung vor der Regierung zu machen  - Du Ladenbesitzer: wenn sie dir befehlen, dem mit der falschen Herkunft, nichts mehr zu verkaufen - Du Arbeitgeber: wenn sie dir befehlen, die mit dem falschen Vornamen nicht einzustellen

Dann gibt es nur eins: sag nein!

Denn wenn dort nicht nein gesagt wird, zerbrechen die guten zwischenmenschlichen Loyalitäten im Dorf, in der Stadt, im Verein, in der Schule. Und an ihre Stelle treten die nationalistischen Loyalitäten, die nach Säuberung rufen, nach ethnischer Reinheit, nach neuen Grenzen, nach Annexionen, nach Groß-Staaterei usw. Was dann entsteht, kann man an den vielen fast gespenstisch anmutenden Bemühungen sehen, den neuen Staaten auf dem Territorium des früheren Jugoslawiens eine mitunter recht künstliche Identität zu geben: Man findet in Zagreber Buchhandlungen Bücher, die die "schlechten" (serbischen) Wörter und die "guten" (kroatischen) auflisten. In Serbien feiert das Kyrillische seine Renaissance zum Leidwesen der Ausländer, es gibt ganze Listen von neuen kroatischen Wörtern und auf der Autobahn von Zagreb nach Beograd findet sich nur der Hinweis auf einen kleinen Grenzort aber ja nicht die Erwähnung der serbischen Hauptstadt.

(Fortsetzung dieses Textes folgt in der Ausgabe des “Milieu” am 1. Juli)

 

 

 

 

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