Buchauszug

Schneewittchen und der böse König

01.10.2020 - Barbara Schmid

Katharina kommt aus einer guten Familie, aber sie fühlt sich oft unverstanden und sehnt sich nach Liebe und Aufmerksamkeit. Das Mädchen verliebt sich in den einfühlsamen Reitlehrer Heinz, der ihr eine gemeinsame Zukunft auf einem Reiterhof verspricht. Doch insgeheim verfolgt er einen grausamen Plan: Katharina soll für ihn als Prostituierte anschaffen gehen. Für das junge Mädchen ist das der Beginn eines elf Jahre langen Martyriums. Sie ist auf die perfide Masche eines Loverboys hereingefallen.

 

Ihr Peininger saß für neun Jahre im Gefängnis – und kommt Ende Oktober auf freien Fuß.

In "Schneewittchen und der böse König" erzählt Katharina ihre Geschichte. Zusammen mit der langjährigen SPIEGEL-Journalistin Barbara Schmid gelingt es ihr, ein eindringliches Bild einer destruktiven Beziehung und eines Psychopathen zu zeichnen und zu zeigen, wie er durch Manipulation und Entfremdung einen unbedarften Teenager auf seine Seite ziehen konnte. Das Vorwort des Buches schrieb Psychiaterin und Autorin Dr. Nahlah Saimeh – Deutschlands bekannteste Gerichtsgutachterin. DAS MILIEU hat bereits in der Juli-Ausgabe sowohl Barbara Schmid als auch Nahlah Saimeh zum Thema Zwangsprostitution in Deutschland interviewt.


Im Folgenden ein Buchauszug aus "Schneewittchen und der böse König":

"Die  Taxler  nennen  mich  Schneewittchen.  Weil  ich  so  eine  weiße  Haut  habe,  mit  meinen  langen  schwarzen  Haaren  und  den  rot  geschminkten Lippen. Wenn bei ihnen Kunden einsteigen, die was erleben wollen, heißt es bald: »Wir fahren zum Schneewittchen.« Das bin ich dann auch geblieben, auch wenn meine Haare irgendwann nicht mehr schwarz, sondern rot und am Ende hellblond waren. Früher hat mich auch meine Mutter mit Schneewittchen verglichen, wenn ich schlafend im Bett lag mit  den  langen  dunklen  Haaren,  die  sich  auf  dem ganzen Kopfkissen verteilt haben.

Im  Club  haben  wir  von  zehn  Uhr  morgens  bis  nachts  um  zwei  offen  –  wenn  der  Laden  läuft,  auch  länger.  Ich  arbeite  wieder  sieben Tage in der Woche und habe eigentlich keine Pausen dazwischen. Morgens, wenn die Kunden der Nacht weg und die ganz Frühen auf dem Weg zur Arbeit sind, versuche ich, ein paar Stunden zu schlafen, auf der Couch im Aufenthaltsraum.

Der Club ist in einer alten Fabrikhalle mit rot-brauner Wellblechverkleidung untergebracht, vorne eine Spielhalle, hinten wir. Er liegt etwas abgelegen im Norden von Bayreuth, hat eine gute Verkehrsanbindung und viele Parkplätze. Das ist wichtig. Wer nicht mit uns in Verbindung gebracht werden will, der kann immer noch sagen, dass er in der Spielhalle war.

Bis in die Siebzigerjahre wurde hier das Bier einer Privatbrauerei gebraut. Oben gibt es eine Bar, in der Sexfilme gezeigt werden. Sie ist noch verpachtet, Heinz will die Bar aber später selber betreiben, nicht mit Filmen, dafür interessiert sich heute doch eh kein Mensch mehr. Sondern als Bar mit Tänzerinnen und Strip-Shows. Das Nachtleben im biederen Bayreuth ist ziemlich langweilig, so was müsste hier eigentlich einschlagen wie eine Bombe.

Hier arbeite ich nun in die eigene, in unsere Kasse. Keine Bordellchefin oder Puffmutter mehr, die die Hälfte der Einnahmen kassiert oder einem 120 Euro pro Tag für ein heruntergekommenes Zimmer abnimmt. Das hat Heinz immer sehr gestört. Und mich auch. Ist ja schließlich unser hart verdientes Geld! Es gibt auch keinen, der mir die Einnahmen klaut, wie in Mannheim. Heinz kommt jeden Abend und nimmt unsere Einnahmen mit.

Ich habe sogar eine erste Kollegin: Fatima, eine junge Türkin, die ich im Puff von Braunschweig kennengelernt habe. Sie ist ziemlich attraktiv, immer gut drauf und unkompliziert. Wir haben die gleiche professionelle Arbeitseinstellung: reinhauen und den Freiern möglichst viel Geld abknöpfen. Jede von uns hat gut 20 Freier am Tag. Fatima zahlt an den Club 50 Prozent von ihren Einnahmen. Das ist
in einem Club dieser Art so üblich. Das Einzige, was mich an Fatima stört, ist ihr Freund. Er ist Kurde, etwas untersetzt, aber eigentlich recht gut aussehend. Er kann richtig charmant und lustig sein, bringt ihr Blumen und kleine Geschenke mit, wenn er regelmäßig das Geld abholt. Aber er hat auch eine andere Seite – er kann brutal und cholerisch sein. Wenn er ausrastet, dann schlägt er die arme Fatima grün und blau. Für mich ist das das Allerletzte. Man kann doch niemanden lieben, der einen so zurichtet, vor dem man Angst haben muss. »Wenn mein Mann mich schlagen würde«, habe ich oft gesagt, »dann würde ich ihn sofort verlassen! Du darfst dir das nicht gefallen lassen ...« Aber Fatima liebt ihn und glaubt immer wieder seinen Versprechungen, dass es das letzte Mal gewesen ist, dass er sich bessern wird, dass es ihm leidtut. Was für ein Quatsch."

 

 

Katharina M., Barbara Schmid: "Schneewittchen und der böse König", 272 Seiten, erschienen: April 2020, 16,99 €


 

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